Harmonie in der Vorstadt

cache/images/article_1598_p1000070_140.jpg Mit dem Luton Town FC spielt ein ehemaliger Ligacup-Gewinner in den Niederungen der englischen Liga. Wenig erinnert noch an den Final-Triumph gegen Arsenal. Einzig der übermächtige Schatten, den die Hauptstadt Woche für Woche auf den Klub wirft.
Kurt Reichinger | 26.02.2011
Der Londoner Vorort Luton hat schon bessere Zeiten gesehen. Einst als Zentrum der Hutmacher von überregionaler Bedeutung, dann ein Jahrhundert lang durch ein großes Werk des Autoherstellers Vauxhall und durch den Flughafen zumindest mit Arbeitsplätzen gesegnet, kam man zuletzt als vermeintliche Brutstätte islamistischer Terrorzellen nicht mehr aus den negativen Schlagzeilen. Die Anschläge auf die Londoner U-Bahn im Jahr 2005 oder der jüngste Terrorakt in Stockholm die Spuren führten stets in das Städtchen am Rande der britischen Metropole. Der lokale Fußballverein kann in Sachen Imagekorrektur auch nicht wirklich Boden gut machen: Vor zwei Jahren musste Luton Town die Football League nach 89-jähriger Zugehörigkeit verlassen und spielt seither in der Conference National, der fünften Leistungsstufe des englischen Fußballs.

Finale und Fünfte Liga
Doch so trist die äußeren Umstände auch erscheinen mögen, an der Kenilworth Road ist von Depression nichts zu spüren. Unwillkürlich fühlt man sich in eine andere Fußballwelt zurück versetzt. Der britische Fußball des letzten Jahrhunderts ist an jeder Ecke spürbar. Eingezwängt zwischen ärmlichen Backsteinhäuserzeilen mit verwahrlosten Vorgärten auf der einen Seite und einer Schnellstraße auf der anderen, befindet sich ein Stadion, das britischer nicht sein kann. Am Vorplatz zwei Hot-Dog-Buden, ein Fanshop im weißen Metall-Container und die Übertragungswägen der TV-Anstalt Premier Sports, die die Spiele der fünften Liga in die Wohnzimmer bringen.


Die glorreichen Zeiten der »Hatters«, wie sich Luton Town in Anlehnung an die industrielle Blütezeit der Region noch heute nennt, liegen gar nicht so lange zurück. Gegründet 1885, war der südenglische Verein der erste, der den Schritt in den bezahlten Fußball wagte. Es dauerte allerdings 70 Jahre bis zumindest für kurze Zeit, das erste Mal die höchste Spielklasse erreicht wurde. Mit der Rückkehr in die erste Liga beinahe drei Jahrzehnte später, sollten die erfolgreichsten Jahre des Vereins folgen. 1988 stand Luton im Liga-Cup-Finale und konnte Vorjahressieger Arsenal 3:2 schlagen. Spieler wie Brian Stein, Mick Harford, Paul Walsh oder Radomir Antic zählten in jener Zeit zu den Stützen und sind heute noch ein Begriff. 1992 war der Höhenflug wieder vorbei. Massive finanzielle Probleme führten dazu, dass Luton innerhalb von drei Jahren drei Divisionen abstürzte. Ein rekordverdächtiger 30-Punkte-Abzug aufgrund von wiederholten Verstößen gegen Lizenzbedingungen tat das Übrige. Seit 2009 spielt der Klub gar nur mehr in der National Conference.

»Happy Harry« unter Kontrolle
Das Stadion beeindruckt als gewachsenes Konstrukt aus Tribünen und Zubauten unterschiedlicher Epochen. Wie zu Urzeiten zwängt man sich seitlich mit der Schulter voran durch die engen Drehkreuze, wird mit einem herzlichen »Cheers, mate!« vom Kartenverkäufer begrüßt und wartet auf das charakteristisch-metallische Klacken der Drehflügel. Dominiert wird das Stadion von zwei riesigen überdachten Tribünen dem Main-Stand mit seinem hölzernen Bretterboden und Klappsitzen auf der einen Längsseite und dem Kenilworth-Stand hinter dem Tor. Beide Tribünen verbindet der David-Preece-Stand, benannt nach einem früh verstorbenen Luton-Spieler aus den 1980er Jahren. Die Gegengerade mit ihren fehl am Platz wirkenden Boxen und das für die Auswärtsfans reservierte Oak-Road-End hinter dem zweiten Tor, runden das Stadion ab.


Den Sektor der Gäste besetzt heute eine Hundertschaft an Grimsby-Fans.Die jüngsten Erfolge der Mannschaft haben dazu beigetragen, dass die Stimmung auch bei den Heimfans gut, wenn auch nicht euphorisch ist. Mit einer durchschnittlichen Zuseherzahl von knapp 6.500 liegt Luton diesbezüglich klar an der Spitze der Conference. Nach Verlustpunkten gerechnet, ist der Verein sogar Zweiter in der Tabelle und macht sich nicht ganz unberechtigt Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr in die Football League. Als die Mannschaften aufs Feld kommen, ist auch »Happy Harry« mit von der Partie. Das »Hatters«-Maskottchen mit dem Strohhut fällt normalerweise gern aus der Reihe. Provokationen gegen Gästefans und zweifelhafte Gesten sind keine Seltenheit. Auch das Kostüm ging schon einmal verloren und musste über die Lokalpresse mit dem Titel »Happy Harry kidnapped« gesucht werden. Da das heutige Spiel unter dem Motto »One Year Luton in Harmony«, einer kommunale Initiative zur Förderung des Zusammenhalts und gegen extremistische Ideologien, steht, muss sich »Happy Harry« heute ausnahmsweise zusammenreißen.

Englisch-französische Härte
Auf tiefem Boden entwickelt sich über 90 Minuten ein kampfbetonter Schlagabtausch. Tempo und technische Fertigkeiten der Spieler überraschen durchaus. Der spielentscheidende Treffer zum 1:0 für Luton entspringt allerdings einer Szene, die geeignet ist, den rauen Ruf der englischen Unterligen nachhaltig zu festigen. Nach einer Hereingabe von links befördert Claude Gnapka, französischer Flügel im Dress von Luton, den Ball ins Netz. Dabei mäht er im Fünfmeter-Raum aber äußerst unsanft den Grimsby-Tormann nieder. International würden Schiedsrichter zumindest eine dunkelgelbe Karte in Erwägung ziehen. In der Conference ist das grobe Einsteigen Gnapkas offenbar nicht einmal ein Grund, ein Foul zu pfeifen und das Tor abzuerkennen. Immerhin gestattet der Schiedsrichter nach längerer Nachdenkpause die Versorgung des sich am Boden krümmenden Torwarts. Das Publikum scheint derartige Szenen gewöhnt zu sein. Der Applaus für den Grimsby-Schlussmann wird ausgespart.


Ein klassischer Fanblock ist in Luton nicht auszumachen, Support kommt in unterschiedlicher Form von allen Tribünen. Mal ist es ein »Come on ya hatters« von einer Gruppe älterer Damen und Herren mit vergilbten Schals, mal sind es die Fans mit dem »LTFC Dangerous«-Transparent auf der Familien-Tribüne, die die Mannschaft anfeuern. Jugendliche, die in der Ecke zum Auswärtssektor sitzen, feuern den Goalie der Gäste bei jedem Abstoß mit einem »Ooohhh youre shit aaaaaarrrrrhhhh« an. In der Pause treffen sich alle ein paar Schritte außerhalb des Stadions, wo sich nicht nur die Möglichkeit eröffnet, traditionelle Gerichte wie Bovril und Pies, sondern auch die Pausenzigarette zu genießen. Denn, wie in britischen Stadien üblich, ist auch in der Kenilworth Road Rauchen verboten.


Die zweite Hälfte hat keine Höhepunkte mehr zu bieten, auch wenn Grimsby Town kurz vor Spielende mit einem Heber an die Querlatte fast noch den Ausgleich erzielt. Luton kann, knapp hinter Tabellenführer AFC Wimbledon weiter von der Rückkehr in die oberste Etage des englischen Fußballs träumen. Die Fans sind ganz »Luton in Harmony«, als sie sich vorbei an einer bunten Mischung aus islamischen Halal-Fleischereien, Kebap-Ständen, Boutiquen mit indischen Saris, urigen Pubs und Gotteshäusern unterschiedlichster Konfessionen auf den Heimweg machen.

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