Herbstdepression

Nur der ÖFB-Präsident wird niemals müde

Jedes Jahr Anfang Oktober bemerke ich, wie die Müdigkeit immer mehr von mir Besitz ergreift, die Antriebslosigkeit zunimmt und ich nur mehr schwer von meinem Sofa weg zu bewegen bin. Das Haus wird kaum mehr verlassen und die Verbindung aus kaltem Nieselregen und grauen Frühnebelfeldern lässt mich vom Fußballplatzgeher zum Fußballfernseher werden. Da mein Gemütszustand in einen jahreszeitlichen Zusammenhang zu bringen ist, wird er von meinem Therapeuten flugs Herbstdepression genannt. Der österreichische Fußball befindet sich zurzeit in einer ähnlichen Verfassung, wie vergangene Woche gut zu beobachten war.

Der GAK zeigte in Frankreich eingehend vor, wie Antriebslosigkeit aussieht. Von der Couch aus kam es meinerseits zu einer unvorhergesehenen Verbrüderung mit den Grazern und ich konnte die »Rotjacken« gut verstehen, dass nach einem 2:0 wirklich jeder Schritt schwer fällt. Denn drei Tore zu schießen weit weg von zu Hause, in einer Stadt, in der man nicht einmal steirisch spricht, ist eine erdrückende Bürde.

Straßburg scheint für Grazer immer mehr ein Ort der Resignation und Hoffnungslosigkeit zu werden. Wenn man sich nur an den tapferen Mario erinnert, welcher vor sechs Jahren mit tränenden Augen Graz verlassen hatte, um im Elsass Heldentaten zu erleben. Haas kam von seiner Reise ähnlich gebeutelt wie die »Roten Teufel« in den steirischen Schoß zurück.

Nach einem wohligen Schoß suchten vergangenen Donnerstag auch die Veilchen aus Favoriten. Gefunden haben sie schließlich die Hand ihres antidepressiven Magnaten zum Abklatschen. Wie lange er diese noch schützend über Stöger und Schinkels hält, weiß vielleicht der ÖFB-Präsident.

Diesem scheint ähnlich fad zu sein wie mir auf dem Kanapee. Da er aber als Präsident niemals müde sein darf - weil sonst heißt es gleich Amtsmüdigkeit und dann weg mit dem schönen Job und gerade vor der EM - ließ er die Presse zu sich rufen und erklärte, dass der Pepi statt dem Hansi. Auf die Frage ab wann, und ob der Pepi überhaupt wolle, war er denn schon nicht mehr vorbereitet und in der Zwickmühle. Diese Journalisten!

Dass der Fritzi aber keine Depressionen bekommt sondern vielleicht sogar eine ordentliche Watschen, darauf hoffe ich, natürlich im übertragenen Sinne. Und wenn ich nicht zu müde wäre, würde ich Hickersberger auch die Daumen drücken, dass er den Mut hat, das Angebot abzulehnen. [pen]

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Rubrik: Weekender
ballesterer # 121

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