Herrn Oślizłos Erinnerungen

cache/images/article_1171_osli_140.jpg Stanisław Oślizło absolvierte 296 Spiele für Górnik Zabrze und war zehn Jahre lang Kapitän des Klubs. 58 Mal trug er das Trikot der »Reprezentacja«. Im Gespräch mit dem ballesterer erzählte die Górnik-Legende von unfairen Engländern, türmenden Funktionären und dem Münzwurf von Straßburg, der dem polnischen Klubfußball seinen bislang größten Erfolg bescherte.
Radoslaw Zak | 27.02.2009

Noch vor Beginn des Gespräches mit Stanisław Oślizło wird klar, weswegen er seit seiner aktiven Spielerkarriere »Dzentelmen« genannt wird. Zuvorkommend und freundlich empfängt mich der Pressesprecher von Górnik Zabrze in seinem Büro mit Kaffee und Kuchen. »Wer weiß, ob wir nicht in Wien miteinander sprechen würden, wenn ich damals in Österreich geblieben wäre.«

Den ersten Kontakt mit dem Westen hatte er in Leoben als Spieler des polnischen Erstligisten Górnik Radlin in den 1960er Jahren. Der Verein war zu einem Turnier eingeladen, und wenn das Schicksal einen anderen Lauf genommen hätte, wäre Pan Stanisław vielleicht nie polnischer Nationalspieler geworden und 1970 nicht gegen Manchester City im Finale des Cups der Pokalsieger aufgelaufen, sondern hätte Górnik Zabrze von den Rängen des Praterstadions angefeuert.

In Leoben machte der Innenverteidiger mehrere Funktionäre von österreichischen Vereinen auf sich aufmerksam. Es gab eine konkrete Anfrage, von der jedoch erst nach seiner Rückkehr nach Polen erfuhr. »Ich war schon damals ein guter Spieler und hatte noch keine Familie. Höchstwahrscheinlich hätte ich sehr gründlich über das Angebot nachgedacht.« Es sollte das letzte Offert aus dem Westen bleiben. Kurze Zeit nach seinem Besuch in Österreich wechselte »Stasiu«, wie Oślizło von Freunden und Kollegen genannt wird, zu Górnik Zabrze und wurde dort zu einem der herausragenden Spieler des polnischen Fußballs. Mit Zabrze errang er acht Meistertitel und sechs Pokalsiege. Er avancierte zwar zum Nationalspieler, doch leider blieb es ihm verwehrt bei Europa,- oder Weltmeisterschaften aufzulaufen. Kurz bevor die Glanzzeit der »Reprezentacja« 1972 bei den Olympischen Spielen in München begann, beendete der Verteidiger seine Karriere.

Lehrjahre in Europa
Immerhin wird Herr Oślizło mit dem größten Erfolg des polnischen Vereinsfußballs, dem Finale der Cupsieger 1970, in Verbindung gebracht. Seit 1961 versuchte Górnik bei internationalen Pokalwettbewerben Erfolge davon zu tragen und musste einige Jahre Lehrgeld zahlen. Im ersten internationalen Auftritt im Meistercup wartete Tottenham Hotspur. Die Engländer zogen sich schon vor dem Spiel den Zorn der Górnik-Spieler auf sich. Oślizło: »Sie äußerten sich in der Presse negativ über unseren Klub und Polen.« Zudem brachten die Briten einen Koch sowie ihren eigenen Lebensmittel mit. »Entweder sie hatten Angst, dass wir sie vergiften wollten oder sie dachten, bei uns gäbe nichts zu Essen.«


Vor 80.000 Zuschauern im Stadion Slaski schaute es lange Zeit so aus, als müsste Tottenham eine bittere Niederlage einstecken. Górnik führte 4:0, bis bei den Londonern die Sicherungen durchbrannten. »Ich erinnere mich an den Schotten Dave Mackay. Er rannte über das ganze Feld und trat auf alles ein, was sich bewegte. Wir beendeten das Spiel zu neunt, weil zwei unserer Nationalspieler, Kowalski und Musialek, nicht mehr laufen konnten.« Zu jener Zeit waren keine Auswechselungen von verletzten Spielern erlaubt, die Hotspurs konnten auf zwei Tore verkürzen. Górnik trug einen Pyrrhussieg davon.

Ersatzgeschwächt gingen die Polen in der Rückspielpartie, im wahrsten Sinne des Wortes, baden. Nicht nur die 8:1 Niederlage schmerzte die Spieler, sondern auch das Verhalten der »Spurs«. »Man hat uns nicht im Stadion trainieren lassen, wie es das Reglement vorschrieb. Wir waren gezwungen uns im Hyde Park auf das Match vorzubereiten.« Als die Spieler dann den Rasen der White Hart Lane zu Gesicht bekamen, trauten sie ihren Augen nicht. Trotz strömenden Regens wurde das Spielfeld zusätzlich mit Hydranten befeuchtet. »Keiner von uns hatte vernünftige Schuhe, sie waren beim Schuster zusammengeklebt und mit Stollen versehen worden.«

Österreichische Gastfreundschaft
Eine der Hürden beim nächsten europäischen Auftritt 1963 war die Wiener Austria. Nach einem 1:0-Sieg vor der Rekordkulisse von 120.000 Zuschauern im Stadion Slaski, folgte im Retourmatch eine Niederlage. Es musste ein Entscheidungsspiel ausgetragen werden. Die Klubs einigten sich es nochmal in Wien stattfinden zu lassen, obwohl die Polen auf neutrales Terrain hätten bestehen können. »Die Wiener zeigten sich sehr hilfsbereit. Wir durften eine Woche lang umsonst in einem Sportzentrum trainieren, mussten somit nicht die Heimreise antreten.« Das dritte Spiel gegen die Austria wurde gewonnen, eine Runde später scheiterte Górnik aber an Dukla Praha. Generell denkt der 71-Jährige gern an Duelle mit österreichischen Vereinen zurück, nicht nur aufgrund der Gastfreundschaft: »Wir haben sie immer besiegt.«

Es folgten mehrere vergebliche Versuche, Triumphe auf internationalem Parkett zu erreichen, dabei war Fortuna Górnik nicht immer hold. In der folgenden Saison schied man abermals gegen Dukla Praha aus, diesmal durch Münzentscheid. 1968 war im Viertelfinale gegen Manchester United Endstation. Górnik fügte dem legendären Team um Bobby Charlton und George Best auf ihrem Weg zum Gewinn des Wettbewerbs jedoch die einzige Niederlage zu.

Im darauffolgenden Jahr erreichte der polnische Rekordmeister nach Siegen über Olympiakos Piräus, die Glasgow Rangers, Levski Sofia und AS Roma das Finale des Cups der Cupsieger. Im Halbfinale mussten die Oberschlesier drei Mal gegen den italienischen Spitzenklub antreten. Nach einem 1:1 in Rom, trennte man sich in Chorzów 2:2. »Wir dachten erst, dass wir ausgeschieden sind. Schließlich trafen die Römer in der Verlängerung zum Ausgleich.« Die Spieler saßen bedrückt in der Kabine und trauerten, und auch ein als Spaßvogel bekannter Funktionär konnte die Spieler nicht aufheitern, als er bekannt gab, dass Górnik nächste Woche noch mal in Straßburg antreten dürfe. »Wir hielten das für einen schlechten Witz«, erinnert sich Pan Stanisaw. Erst als weitere Klubverantwortliche dies bestätigten, wurde das Entscheidungsspiel auch für die Spieler Realität.


Das Match in Straßburg endete 1:1, abermals nach Verlängerung, und weil es noch kein Elfmeterschießen gab, musste ein Münzwurf über den Finalteilnehmer entscheiden. »Der Schiedsrichter nahm Fabio Capello und mich beiseite. Er holte einen Jeton mit einer roten und einer grünen Seite heraus. Bevor Capello irgendetwas machen konnte, zeigte ich auf die Farbe der Hoffnung.« Einige polnische Spieler befanden sich in der Kabine, weil sie die nervliche Belastung nicht ertragen konnten. »Dzentelmen« Oślizło weiß noch ganz genau was er in jenen Sekunden dachte, als eine Farbe darüber entschied, wer zum Finale nach Wien fahren durfte: »Lieber Gott, soll ich denn noch mal verlieren?«

Fahnenflüchtige Funktionäre
Es wurde grün und in Schlesien brach eine unglaubliche Euphorie aus. Als das Flugzeug mit den Spielern im Tiefflug einige Runden über Zabrze drehte, kamen die Einwohner aus ihren Häusern und feierten. »Die Menschen fieberten dem Finale entgegen und waren stolz auf uns.« Die Spieler hofften aufgrund des enormen Erfolges auf satte Prämien. In Wien baten einige Akteure ihren Kapitän in Erfahrung zu bringen, was sie vom Klub bekommen würden. »Schließlich repräsentierten wir den Bergbau, unseren Verein, unsere Stadt und Polen«, so Oślizło. Diskussionen mit den Verantwortlichen wurden im Keim erstickt, erst sollte das Spiel gewonnen werden.

 

Eine Woche nach dem Weiterkommen gegen Roma fanden sich im Praterstadion knapp 8.000 Zuseher zum Finale ein. Für die Schlesier lief es nicht nach Plan.  Górnik wurde von Trainer Matyas sehr defensiv eingestellt und lag zur Halbzeit 0:2 zurück. In der Pause baten die Spieler um eine offensivere Ausrichtung und belagerten in der zweiten Hälfte das Tor der Engländer. Doch weder Jan Bana noch Wodzimierz Lubaski gelang ein Treffer. Knapp 22 Minuten vor Ende des Spiels verkürzte Innenverteidiger Oślizło auf 1:2. »Ein weiteres Tor lag zwar in der Luft, wir konnten es aber nicht mehr erzielen.«Die kurze Regenerierungszeit nach dem Spiel gegen die Roma machte den Spielern zu schaffen, dazu kam die Abgebrühtheit der Engländer. »Sie haben auf Zeit gespielt. Es gab keine Ersatzbälle, und City schoss die Bälle meterweit ins Aus, wenn es für sie gefährlich wurde.«

Bis heute ist diese Finalteilnahme der größte Erfolg einer polnischen Vereinsmannschaft. Ohne Aussicht auf eine satte Geldprämie kehrten die Spieler in ihre Heimat zurück, nicht ahnend, dass es ihrem Verein nie wieder gelingen sollte, international an diese erfolgreiche Zeiten anzuknüpfen. Der Finaltorschütze muss bei den Erinnerungen an die Rückreise nach Polen plötzlich lachen: »Es sind zwei Busse nach Wien gefahren. Einer mit uns Spielern sowie unseren Frauen. Im anderen Bus saßen hohe kommunistische Funktionäre, verdiente Leute und Bergwerkdirektoren. Raten sie mal, welcher Bus nicht komplett zurückkehrt ist.«

Das Ende zweier Ären
Die Bergmänner aus Zabrze konnten auf europäischen Parkett keine großen Akzente mehr setzen, dominierten aber weiterhin die polnische Liga. Nach der Hinrunde der Saison 1972/73 führte Górnik die Tabelle vor Stal Mielec und Legia Warszawa mit zwei Punkten Vorsprung an. »Eigentlich war alles wie immer.« Entgegen allen Prognosen wurden die Weiß-Blau-Roten jedoch nicht Meister und belegten nur den enttäuschenden vierten Platz.
Bis heute sehnt man sich in Zabrze nach jenen goldenen Jahren und fragt sich, wieso diese Ära so abrupt, ganz ohne etwaige Vorzeichen, aufhörte. Bei näherem Hinsehen liegt die Antwort auf der Hand: Wegen Stanisław Oślizłos Abtritt von der Fußballbühne in der Winterpause 1972. Darauf angesprochen schmunzelt der Pressesprecher sichtlich gerührt:   

»Vielleicht haben sie Recht. Doch ich möchte nicht arrogant klingen.«

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Rubrik: Aktuell
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