Hinter Ümit die Sinnflut

cache/images/article_1023_umit_140.jpg Wird der Abgang von Ümit Korkmaz für Rapid ähnliche Folgen haben wie jener von Steffen Hofmann nach dem letzten Meistertitel? Kann der beim Publikum so beliebte Mittelfeldspieler überhaupt adäquat ersetzt werden? Mit solchen Überlegungen quälte sich in den vergangenen Wochen nicht nur Peter Pacult, sondern auch ein Großteil der Rapidanhänger.
Julia Zeeh | 15.07.2008
Es geschah zu einer Zeit, in der für sehr viele Fußballfans in Österreich das Interesse am eigenen Verein von Trainingsberichten und Pressekonferenzen aus Stegersbach und vom Studium diverser EM-Spezialausgaben zurückgedrängt wurde. Als eingefleischte Rapidler, gewohnheitbedingt, am 4.6.08 dennoch ihren täglichen Homepagebesuch absolvierten, stockte ihnen der Atem. Ümit Korkmaz verlässt Rapid war die nüchterne Schlagzeile.

Ausgerechnet Ümit: 2006 war der mittlerweile 22-jährige türkischstämmige Wiener vom Amateurteam in den Bundesligakader hochgezogen geworden und hatte sich schon bald mit seinen dynamischen Flügelläufen in die Herzen der Rapid-Fans gespielt. Und gerade nach dem, sowohl von ihm als auch der gesamten Mannschaft, meisterlichen Frühjahr 2008 hieß es also Abschied nehmen. Dass Eintracht Frankfurt wohl einen guten Griff gemacht hat, bewies Korkmaz mit seinen Einsätzen bei der Europameisterschaft.

In Hütteldorf musste man sich derweil natürlich Gedanken machen, wie die Lücke, die Korkmaz hinterlässt, zu schließen wäre. Die Fans waren gespalten. Das Geld von Frankfurt müsse sofort in einen gleichwertigen Ersatzmann investiert werden, forderten die einen. Veli Kavlak, der die letzten Spiele auf der Bank gesessen war, könne diese Position doch einnehmen, beruhigten die anderen. Rapid entschied sich mit dem deutschen Marcel Ketelaer von Austria Kärnten zwar einen linken Mittelfeldspieler zu verpflichten, konnte damit allerdings nicht viele Fans zufrieden stellen.

Die Frage, wer denn Korkmaz im linken Mittelfeld ersetzen soll, konnte in den Vorbereitungsspielen noch nicht geklärt werden. Hauptursache dafür waren die Verletzungen von Kavlak und Ketelaer, die sie zu einem verspäteten Trainingseinstieg zwangen. Branko Boskovic, der sonst meist zentral oder halblinks eingesetzt wird, sowie die Amateure Boris Prokopic und Christopher Drazan wurden auf dieser Position getestet.

Nachdem klar war, dass Kavlak und Ketelaer auch zum Saisonstart bei Sturm Graz noch nicht fit würden, rechneten Fans und Medien damit, dass Peter Pacult mit zwei defensiven Mittelfeldspielern (Heikkinen und Kulovits), rechts Hofmann und links Boskovic hinter zwei Stürmern (Maierhofer, Hoffer) beginnen würde. Doch der Rapid-Trainer entschied sich für nur einen Stürmer, Boskovic zentral und überraschenderweise für Boris Prokopic auf der linken Seite.

Das Debüt des 20-Jährigen dauerte aber nur unauffällige 45 Minuten. Prokopic, der bei den Amateuren eher zentral oder rechts zum Einsatz kam, wirkte nervös, bekam kaum Bälle und spielte meist Sicherheitspasses. Seine wenigen Versuche, sich eins gegen eins durchzusetzen scheiterten. In der zweiten Hälfte, die Rapid mit einem 2:0-Rückstand beginnen musste, liefen dann zwei Stürmer auf. Prokopic musste einem dieser beiden Platz machen und Boskovic wich auf die linke Seite aus. Er war auf jeden Fall besser ins Spiel eingebunden als sein Vorgänger, konnte aber auch nichts Entscheidendes bewegen. Ein paar gute Flanken fanden keinen Abnehmer aus den eigenen Reihen.

Gegen Red Bull Salzburg verzichtete Pacult auf systemtechnische Experimente, begann mit 4-4-2 und wieder mit Boskovic auf der linken Seite. Zuhause konnte sich der Montenegriner eindeutig mehr auszeichnen: Der vielleicht beste Rapidler in diesem Spiel verwöhnte die Fans mit technischen Kunststücken und die Mitspieler mit Traumpässen, wie etwa der Vorlage zum 2:2.

Trotz dieser Leistung wird der Kampf um die Korkmaz-Nachfolge auf lange Sicht wohl zwischen den beiden Rekonvaleszenten entschieden werden. Prokopic wird es schwer fallen, sich noch einmischen zu können, da  eher Boskovic in einem 4-4-2 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern links zum Einsatz kommen. Eindeutig zu erkennen ist die Tatsache, dass, egal wer die Korkmaz-Position einnehmen wird, sie anders interpretieren wird. Keiner der vier genannten verfügt über die Schnelligkeit, um Ümits Flügelläufe vergessen zu machen.

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