Hooligan-Alarm am Beton-Highway

cache/images/article_1458_01ueberlan_140.jpg WM-BLOG Wer auf Südafrikas Straßen ohne Navi und Erfahrung im Linksverkehr herumkurvt, muss kein Asphalt-Hooligan sein. Auf einer Überlandpartie nach Rustenburg und Pretoria ist man jedoch selbst im freundlichen WM-Ambiente vor Gewalt nicht gefeit. Es wird an Ohren gezogen, mit Flaschen und Kassabons geworfen und sogar die Grashalme der südafrikanischen Steppe gehen in Flammen auf.
Wer einen Kleinwagen im Fußballdesign, einen SUV oder einen gebrauchten Minibus erstehen will, fährt nach Randburg, in das unbestrittene Autoparadies von Johannesburg. Am Bram Fisher Drive reihen sich Werkstätten, Gebraucht- und Neuwagenhändler sowie Autovermietungen in einer schier endlosen Reihe aneinander. Blöd nur, dass die Dame am Avis-Schalter unsere am Vorabend über ein dubioses Online-Portal durchgeführte Buchung nicht bestätigen kann. Wir müssten hier falsch sein, meint sie, und schickt uns ans andere Ende der Straße zu den Kollegen von Budget. Die können mit der ausgedruckten Bestätigung zwar auch nichts anfangen, geben uns aber zumindest einen neuen Vertrag und ein Auto. Statt dem befürchteten Hyundai Atos wirds ein nagelneuer, bronzefarbener Toyota Corolla, der in der Vormittagssonne fast so schön schimmert wie der WM-Pokal.

GPS? Gibt's net!

Getrübt wird die Übergabe des Fahrzeugschlüssels nur dadurch, dass wir ohne das ebenfalls bestellte Navigationsgerät das Auslangen finden müssen. Mietbare GPS seien in Südafrika derzeit nicht verfügbar, lautet die Auskunft. Bei den Massen an ortsunkundigen Touristen, die dieser Tage durch das Land tingeln, kein Wunder. Derart unvorbereitet auf die Herausforderungen des Linksverkehrs beginnt eine Irrfahrt durch diverse Weißenviertel im Norden Johannesburgs. Eine Straßenkarte muss her, doch solche Hilfsmittel sucht man in südafrikanischen Tankstellen vergebens.

Dank der Wegbeschreibungen des Tankwarts und eines deutschsprachigen Radfahrers finden wir schließlich doch den Weg auf den »concrete highway«, der auf bis zu sechs Spuren pro Fahrtrichtung Johannesburg mit der Hauptstadt Pretoria verbindet. Nach einem halbrichtigen Manöver kurz vor Pretoria geht's statt auf der Autobahn auf der R24 über Krugersdorp in Richtung Rustenburg, wo in zwei Stunden die Partie Ghana gegen Australien angepfiffen wird. Das Land ist ausgedörrt, alle paar Kilometer brennt die Steppe ob gewollt oder ungewollt, ist schwer zu sagen. Die Vegetation besteht hauptsächlich aus Büschen. Kühe grasen auf Weiden, die diese Bezeichnung zumindest während des in Gauteng weitestgehend trockenen Winters kaum verdienen. Nach einem Township in unmittelbarer Nähe der Autobahn tauchen nur noch vereinzelt Häuser an der Straße auf. Eine knappe Autostunde von Johannesburg befinden wir uns in einer viel afrikanisch anmutenderen Welt , die sich gänzlich von dem Leben in der Metropole unterscheidet.

Rustenburg, Texas und die Royal Bafokeng

Entlang der steil neben der Straße emporführenden Magaliesberge nähern wir uns Rustenburg. Die 120.000-Einwohner-Stadt ist an diesem Sonntag alles andere als ein »Ort der Ruhe«. Eine einzige Ampel an Eingang der Durchfahrt hat einen kilometerlangen Stau zur Folge, der die Geduld der Matchbesucher auf eine harte Probe stellt. Auf der Staubpiste neben der Straße eröffnen Minitaxis und weitere Offroad-Freunde eine dritte Spur. Nach dem Nadelöhr kann der Verkehr wieder durch das an eine texanische Provinzstadt erinnernde Zentrum mit seinen Billigläden und Fast-Food-Restis fließen. Historische Bausubstanz sucht man hier vergeblich. Das neben einem Industriegebiet gelegene Royal Bafokeng Stadium auf der anderen Seite Rustenburgs ist weiträumig abgesperrt und nur Sepp Blatters Freunde sowie die zahlreichen Shuttle-Busse dürfen bis zum Stadionparkplatz vorfahren, wo wir den Wächter schmieren, um in Ermangelung eines gültigen FIFA-Tickets Einlass zu erhalten.

Pünktlich zum Anpfiff betreten wir den Unterrang des bis auf die futuristische Haupttribüne unüberdachten 40.000er-Stadions. Ghanaische und australische Supporter tunken die sonnenbeschienenen Ränge in ein helles Gelb, nur das Match will sich dem stimmungsvollen Ambiente nicht anpassen. Ghanas Team ringt mit sich selbst und ein Tormannfehler von Richard Kingson bringt den »Socceroos« das frühe 1:0. Auch nach dem Ausschluss von Harry Kewell und Asamoah Gyans zweitem Elfertor bei diesem Turnier machen sich die »Black Stars« selbst das Leben schwer. Individualismus wird zu groß geschrieben und die sinnlosen Schüsse aus der zweiten Reihe sorgen für Kopfschmerzen bei den ghanaischen Fans. Immerhin verfolgen wir die zweite Hälfte aus dem Oberrang der Kurve, der untermalt von Vuvuzela-Variationen und »Shosholoza«-Gesängen der südafrikanischen Stadionbesucher einen schönen Blick über die Rustenburger Hochebene bietet.

 

Australischer Frust, ghanaische Zuversicht

Am anderen Ende des Stadions entlädt sich die Frustration der australischen Fans über so manche Schiri-Entscheidung. Neben aufgeblasenen Kondomen fliegen erstmals während es Turniers auch Plastikflaschen voller Budweiser in Richtung Spielfeld, was die Presse in den folgenden Tagen von einem Hooligan-Alarm und Sicherheitsproblemen schreiben lässt. An der schlechten Qualität des Spiels ändern die Bierduschen nichts. Ghana verschenkt die Chance auf den Sieg leichtfertig und muss gegen Deutschland zumindest punkten, um ins Achtelfinale einzuziehen.

Nach dem Match wälzt sich die Besuchermasse langsam und völlig relaxed durch den viel zu schmalen Ausgang, die Ghanaer feiern trotz der nicht allzu rosigen Aussichten die Tatsache, dass sie weiterhin unbesiegt an der Spitze der Tabelle stehen. Von der kaum befahrenen Stadtumfahrung geht es zügig auf die einspurige Schnellstraße in Richtung Pretoria, wo wir eine halbe Stunde vor Ankick des Abendmatches zwischen Kamerun und Dänemark auf Moses und seinen exklusiven Privatparkplatz für 50 Rand (5 Euro) angewiesen sind. Anders als in Rustenburg lässt uns die Polizei nicht zum Presseparkplatz durch.

Nachdem ein englischer Fan am Vortag bis in die englische Kabine vorgedrungen war und David Beckham und Co. dort die Leviten gelesen hatte, scheinen die Sicherheitsvorkehrungen generell verschärft worden zu sein. Der ansonsten florierende Schwarzmarkt vor dem Stadion sei sogar durch Festnahmen unterbunden worden, erzählt uns Alex Marner, der ebenfalls aus Rustenburg kommend dieses Mal etwas mehr ausgeben musste als erwartet. »100 US-Dollar sind eigentlich jenseits der Schmerzgrenze«, meint der Blogger von footballfans.eu. In der Not greift aber auch der Profi etwas tiefer in die Tasche.

 

Danish Aggro
Pressekarten sind trotz unserer späten Ankunft noch genügend vorhanden. Die Erfahrungen der ersten WM-Woche haben gezeigt, dass die Warteliste bei den meisten Spielen außerhalb Johannesburgs nicht ausgereizt wird. Leider kommen wir auf der Tribüne neben einem dänischen Kollegen zu sitzen, der etwas zu verbissen mit seinem Team mitfiebert. Schon unser Jubel über das 1:0 von Samuel Etoo stößt ihm sauer auf, als ihn ein niederländischer Kollege nach dem mit gereckten Fäusten gefeierten Ausgleich durch Niklas Bendtner höflich ersucht, die Sicht wieder freizugeben, deckt er ihn mit einer »Fuck you, you Fucker!«-Salve zu, die sich, als wir dem Holländer zur Seite stehen, inklusive einer unmissverständlichen Gewaltandrohung auch über uns ergießt.

Die Halbzeitpause kühlt die Temperamente aller Beteiligten wieder etwas herunter, ein Bud und ein nettes Gespräch mit dem Orlando-Pirates-Fan Nywko tragen zusätzlich dazu bei. Unverdienterweise kann der dänische Kategorie-C-Journalist in der zweiten Hälfte den Siegestreffer seiner hocheffizienten Mannschaft bejubeln, während die Kameruner trotz eines sehr gepflegten und technisch fein vorgetragenen Kurzpassspiels am Ende mit leeren Händen da- und als erster WM-Ausscheider feststehen. »Taktik-Hooligan« Christoph Biermann, den wir beim Abgang aus der pretorianischen Trutzburg treffen, empfiehlt Teamchef Paul Le Guen seinen Jungs angesichts des schleißigen Abwehrverhaltens bei den Gegentoren »die Ohren lang zu ziehen«.


Fanatische Legginsträger in der Ultra City
Mit langen Gesichtern ziehen wir von dannen. Den afrikanischen Teilnehmern droht der Worst-Case, der Totalbankrott in der Vorrunde bei der »Heim-WM«. Auf der Stadtausfahrt bringen wir die chronisch optimistischen Moderatoren der Fußball-Talks auf Radio 2000 zum Schweigen und ersetzen sie durch den Deep House der Konkurrenten von Five FM.

Die Autobahnraststation »Ultra City«, 20 Kilometer vor Johannesburg, macht ihrem Namen alle Ehre, erwartet uns dort bereits eine Busladung der »Fanatics Australia«. Casual dürfte im australischen Englisch jedoch eine andere Bedeutung haben: die Fans tragen gelbe Kapuzenpullis mit einem Big-Five-Innenfutter in Sonnenuntergangstönen, extravagant sind die dazu passenden grün-gelben Leggins, die nur von den Mutigsten getragen werden. Weniger lässig reagiert eine kleine gewaltbereite Fraktion auf die langen Wartezeiten in der Fastfood-Kette »Steers« und bewirft das Personal in verzweifelter Erwartung der bestellten Ripperln wutentbrannt mit zerknüllten Kassabons allerdings erst nach Bezahlung. Nachdem sie von ihren bereits gesättigten Kollegen beruhigt werden, begeben sich die besoffenen Australier wieder auf den »concrete highway«. Voller Zuversicht fahren sie in ihr Quartier nach Durban, nicht erkennend, dass der Weg ins Achtelfinale für sie vermutlich genauso zubetoniert sein wird wie für die afrikanischen Teams.

ballesterer # 120

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