Ibertsberger, allez!

Eine Reisegruppe, bestehend aus ballesterer-Redakteuren und -Sympathisanten, war bei der 0-1-Niederlage des österreichischen Nationalteams in Old Trafford dabei. Chronologie eines ereignisreichen Länderspieltags.


Sieben Uhr am Morgen. In zwei halbwegs billigen Hotels in Manchester läuten die Wecker. Zehn schlaftrunkene Gestalten verrichten die Morgentoilette und schlingen hastig ein deftiges britisches Frühstück hinunter. Der besorgte Anruf von Mark "Schleifer" Perryman um Punkt acht Uhr erreicht Reiseleiter Krennhuber kurz vor dem Aufbruch ins Stadion. Wir sind bereits verspätet.

Auffe mit da Fahne!

Auf dem Programm steht die Vorbereitung von "Raise the Flag", einer Zettelchoreografie, zu der uns Mark Perryman von LondonEnglandFans eingeladen hat. Gut 10.000 rote und weiße Zetteln müssen an den Sitzen des Old Trafford befestigt werden, sodass die Fans in den beiden Sektoren beim Abspielen der Bundeshymnen eine riesige englische und eine fast so riesige österreichische Fahne formen können. Gemeinsam mit ein paar Dutzend England-Fans verbringen wir den Vormittag im legendären Stadion von Manchester United. Das scheinbar monotone Zettelauflegen bietet Gelegenheit, mit den Engländern zu plaudern und zwischendurch Ultra-Capo zu spielen. Was besonders lustig ist, wenn man in die verständnislosen Gesichter unserer Gastgeber blickt, sobald wieder einer der Österreicher unvermittelt durch das leere Stadion brüllt: "Burschen, auffe mit de Zettln! I wü eichare Zettln sehng!"

Nach einem gemeinsamen Mittagessen trennen sich unsere Wege von denen der Briten. Wir kehren zurück ins Stadion, wo sich der Österreich-Sektor langsam mit gut 2.000 Fans füllt. Als unser Reiseleiter die beiden Startteams auf dem Spielfeld stehen sieht, bricht aus ihm wieder der Capo heraus: "Auffe mit de Zettln. Gemma, wos is los?!" Und siehe da, es funktioniert. Alle halten ihre Zetteln in die Höhe, die stolzen Lederhosenträger hinter uns, der Herr mit dem lustigen Kapperl in Form eines Fußballs, sogar die beiden Engländerinnen direkt vor uns - und mitten im Sektor jemand mit dem wahrscheinlich seltensten Trikot des Planeten: Rückennummer 30, Landerl!

Sofort brechen hitzige Debatten in der Reisegruppe aus. Am Ende bleiben nur noch zwei denkmögliche Thesen über. Entweder Landerl hat bei seinem einzigen Auftritt das Trikot ins Publikum geworfen und wir haben den Fänger von damals heute im Sektor stehen oder der Mann vor uns ist Landerl selbst.

Wenn Österreicher nicht sitzen wollen

Kurz nach Spielbeginn fangen die unzähligen Ordner an, die stehenden Zuschauer aufzufordern, sich niederzusetzen. Als nur ein Teil der Fans im Sektor dem Befehl Folge leistet, beginnt die Polizei Einzelne abzuführen. Nur langsam setzt sich beim Sicherheitspersonal die Einsicht durch, dass das Bestehen auf Einhaltung der Stadionordnung das Risiko einer Eskalation in sich birgt. Jedenfalls heizt der Versuch durchaus stimmungsfördernd die Dynamik im Sektor an, für den Rest des Spiels kehrt ein Gesang immer wieder: "Steht auf für Österreich!". Fast alle machen mit. Eine Fraktion singt den Chant familärer: "Steht auf für UNSER Österreich!

Während der typische englische Fan mittlerweile dazu erzogen ist, sich schleunigst wieder hinzusetzen, wenn es ihn für einen Moment vom Sitz gerissen hat (wer riskiert schon gern ein Stadionverbot?), lässt sich der Sitzzwang im rotweißroten Sektor nicht durchsetzen. Wer hätte das gedacht: Österreich, ein Volk von Rebellen?

Wer hüpft nicht?

Sehr variantenreich singen die Österreich-Fans in Old Trafford das allseits beliebte Hüpflied. Abweichend von der Standardformel "Wer nicht hüpft, der ist ein Brite", hält sich hartnäckig "?der ist ein Piefke", und der fan of the match wirft lautstark den nicht hüpfenden Schweizer ein. Fan of the match, deshalb, weil der gute Mann aus denkbar ungünstiger Position - am oberen äußeren Rand der Tribüne - über 90 Minuten im Alleingang Gesänge zu initiieren vermag und mit großartigen Durchhalteparolen operiert. "Warum heat ma do nix? Mia san do net auf an Tennismatch!"

Wo wir schon einmal beim Lorbeerenverteilen sind: Das goldene Friedrich-Stickler-Fanabzeichen geht an den Urheber des Sprechgesangs: "Hier regiert der ÖFB!"

Auf dem Rasen ereignen sich zwei Szenen, die den weiteren Verlauf unseres Manchester-Besuchs bestimmen sollten - die beiden Fouls von Beckham an Ibertsberger. Die folgende Rote Karte führt dazu, dass wir für einen Abend Fans von Andreas Ibertsberger werden und einige Einheimische, die den Spice Boy nicht aushalten, sich nach dem Spiel als Fans von uns outen. Es setzt innige Umarmungen unter Fremden, und bis weit nach Mitternacht ist in einigen Pubs und Straßen Manchesters die Melodie von "Pop goes the world" zu hören. Der Text: "Ohhh, Ibertsberger, allez, Ibertsberger, allez, Ibertsberger, allez, Ibertsberger, allez ?"

Referenzen:

ballesterer # 120

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

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