Ein Außenseiter in der linken Rapszene

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Der Hamburger Rapper Johnny Mauser ist derzeit solo und in drei Crews unterwegs. Mit Trouble Orchestra und Neonschwarz hat er gerade zwei neue Alben herausgebracht. Mit dem ballesterer sprach er über den FC St. Pauli, Zeckenrap und die unangenehmen Seiten der HipHop- und Fußballfanszene. 

Lara Kronenbitter | 08.11.2014

ballesterer: Wie sieht Ihr Verhältnis zum Fußball aus?

Johnny Mauser: Ich bin nicht seit Kindestagen Fan einer bestimmten Mannschaft, aber ich war schon immer sportbegeistert. Zu St. Pauli bin ich über politische Kreise gekommen, weil sich St. Pauli durch eine explizit politische Fankurve auszeichnet. Da ich aber mehr Zeit mit Musikmachen und Graffitisprühen verbringe, schaffe ich es nicht, ein Vollzeit-Fußballfan zu sein. Es gibt Fans, die sagen, das ist nicht echt, manche haben mich auch schon Mode-Fan genannt, aber das ist mir egal.

Sie sind Teil des linken Zeckenrap-Kollektivs TickTickBoom. Ihr habt öfters auf Fußballfanfesten gespielt. Gibt es eine Überschneidung zwischen linker HipHop-und linker Fußballfanszene?

Es gibt ja leider nicht so viele Menschen, die linken HipHop machen, und von denen, die ich gut kenne, sind relativ wenige fußballbegeistert. Die meisten haben eher eine ablehnende Haltung, weil ihnen die Gruppendynamik und das Männlichkeitsgehabe in der Kurve nicht gefällt. Ich bin da ein Außenseiter in der linken Rapszene. Ich glaube, dass sich in der Fußballfanszene einiges getan hat, beispielsweise explizit antirassistische Gruppen, die Antirassismusturniere organisieren. Da gibt es dann eine thematische Überschneidung mit der linken Szene, und die laden gern uns linke Rapper ein, weil wir den modernen Teil linker Musikkultur repräsentieren und gerade jüngere Ultras nicht mehr nur den alten Punkrock hören.

Mussten Sie sich für das Fußballfansein rechtfertigen?

In Diskussionen, in denen es um Gewalt und Fußball geht, sind für viele Grenzen erreicht. Ich finde selbst, dass dies ein kritischer Punkt ist, aber ich kenne die Dynamiken eines Spieltages, z.B. eines Derbys. Da sind dann andere Fans, unter denen noch rechte Fans oder Nazihooligans sind, dann kann es schnell dazu kommen, dass man da rein geht und es vertreten kann, sich mit denen auseinanderzusetzen. An diesem Punkt hat es in Diskussionen immer wieder geclasht. Das ist tatsächlich eine irrationale Komponente, die ich selbst auch hinterfrage. Aber gleichzeitig fasziniert es mich einfach, wenn eine Gruppe Vermummter auf der Straße loszieht. Für viele andere hat das aber eine abschreckende Wirkung.

Hat sich das Verhältnis zwischen Fußball und HipHop in den letzten Jahren verändert?

HipHop und die Nische Zeckenrap sind allgemein größer geworden. In der St.-Pauli-Fanszene, die in den 1980er und 1990er Jahren durch Punk geprägt war, wird jetzt auch HipHop gehört. Früher war es eine Seltenheit, dass in linken Zentren HipHop gespielt wurde, aber das ist mittlerweile mehr geworden. Eine Überschneidung ist auch das Graffitisprühen. Graffitisprühen und Ultrasein verbindet das Leidenschaftliche und Irrationale. Deswegen hat sich Graffitisprühen in der Fußballfanszene auch so durchgesetzt. In der Graffitiszene im Raum Hamburg wird das Ganze allerdings sehr kritisch aufgefasst. Wirklich gute Sprüher, die seit Jahren gewisse Regeln und Kodexe beachten, sind echt genervt, wenn Fußballsprüher die ganze Stadt in ihren Vereinsfarben vollmalen und jedes schöne Stück, das vielleicht schon seit 20 Jahren da ist, einfach überpinseln.

Beide Szenen sind männlich dominiert. Kann sich diese Dominanz durch mehr weibliche Fans und Rapperinnen ändern kann? Gibt es in der Kurve von St. Pauli viele Frauen?

Mir fehlt zwar der konkrete Vergleich, aber ich würde sagen, es gibt bei St. Pauli verhältnismäßig viele Frauen in der Kurve, vor allem aber wird thematisiert und problematisiert, dass noch immer so wenig Frauen in die Kurve gehen. Bei TickTickBoom können wir uns zwar auch nicht damit rühmen, dass wir prozentual viele Rapperinnen haben, aber wir problematisieren und thematisieren dies ebenfalls und versuchen, etwas daran zu ändern. Die männliche Dominanz kann sich auf jeden Fall ändern, wenn mehr Frauen auf der Bühne stehen und die Crowd rocken. Frauen sind oft nicht sichtbar, weil sie sich nicht trauen und das versuchen wir zu ändern. Bei St. Pauli gibt es organisierte Fangruppen von Frauen. Jedoch habe ich in den letzten Jahren keine breite Bewegung in der Kurve festgestellt, die sich konkret für mehr Frauen einsetzt. Ich denke auch, dass das Thema einigen leider relativ egal ist.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es außer der männlichen Dominanz noch?

Mir fallen vor allem die unangenehmen Sachen ein, wie Abgrenzung, Rumgemackere, Sexismus und Gewalt, die z.B. bei Aggro Berlin oder Kollegah direkt in den Texten und im Fußball auf Bannern oder dem Verhalten auf der Straße thematisiert und heroisiert wird. Auch bei St. Pauli und TickTickBoom ist Gewalt ein Thema, aber auf eine andere Art und Weise, etwa in Bezug auf Polizeigewalt oder die Frage, ob es manchmal nötig ist, einem Nazi auf die Schnauze zu hauen. Das ist dann etwas anderes als die Glorifizierung von Gewalt.

Sowohl in der linken HipHop- als auch in der linken Fußballfanszene wird immer wieder Kritik an den vorherrschenden Verhältnissen geäußert.

Fußballfans beziehen sich meistens auf sportbezogene Gegebenheiten. Ich finde es gut, wenn sich Fankurven auch zu fußballfernen Themen äußern. HipHop ist ein direkteres Sprachrohr, das ohne den Umweg des Stadions bei den Menschen ankommt und deshalb Potenzial hat, an den herrschenden Verhältnissen zu rütteln. Jedoch sind beide Felder für sich auch begrenzt.

Zum Schluss: Was ist das Besondere der beiden Szenen, und in welcher fühlen Sie sich wohler?

Ganz eindeutig HipHop. Fußball ist ein Abschalten, das Leidenschaftliche, teilweise Irrationale, wie einfach mal 90 Minuten zu singen, und die gemeinschaftliche Begeisterung finde ich schön. Ich kann mich aber nicht jeden Tag mit Fußball auseinandersetzen, dafür ist es mir manchmal doch zu viel Spiel. Auch wenn die Fanszenen teilweise in gesellschaftliche Kämpfe eingreifen, sehe ich den Bezug von HipHop zu Politik und Gesellschaft, zumindest bei mir persönlich, viel stärker, was eine andere, ernsthaftere Herangehensweise mit sich bringt. 

 

 

Referenzen:

Thema: Hip-Hop
Verein: FC St. Pauli
ballesterer # 120

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