»Ich bin ein Fußballromantiker«

cache/images/article_2095_foto_sk_rapid_140.jpg Den Einstand in Wien habe er sich leichter vorgestellt, hat Helmut Schulte öfters gesagt. Der Sportdirektor des SK Rapid hat in seiner ersten Saison nicht nur eine Trainerentlassung hinter sich gebracht, sondern auch den Meistertitel des Lokalrivalen und Proteste der Fans hinnehmen müssen. Jan Mohnhaupt, Journalist in Berlin, hat für uns mit Helmut Schulte gesprochen.
Jan Mohnhaupt | 06.06.2013

ballesterer: Herr Schulte, möchten Sie über Leidenschaft oder über Vertrauen reden?
HELMUT SCHULTE (überlegt): Über Vertrauen.

Wie viel Platz bleibt dafür noch im Tagesgeschäft Fußball?
Schulte: Die Kraft des Vertrauens wird unterschätzt im Profifußball. Es wird manchmal auch leichtfertig weggegeben. Denn es ist total einfach, die Schwächen eines Menschen zu erkennen, wenn er so im Fokus steht wie ein Bundesligatrainer. Aber zu vertrauen bedeutet, mit Fehlern leben zu können.
 

Obwohl es sportlich nicht gut lief, haben Sie kurz nach Ihrem Amtsantritt mit Trainer Peter Schöttel vorzeitig bis 2015 verlängert. Warum?

Schulte: Ich war vier Wochen in der Vorbereitung dabei, da hatte ich ein sehr gutes Gefühl aufgrund seiner Autorität und Ausstrahlung. Und durch die Einschätzungen der Menschen, die schon lange mit ihm arbeiten, war ich davon überzeugt, dass er der richtige Trainer für Rapid ist. Es war wichtig, das auch nach außen zu zeigen. Gerade in der schwierigen Phase.

Weil Sie seine Situation kennen?
Schulte: Ja, ich habe selber erlebt, wie machtlos man als Trainer ist, wenn das ganze Ding in die Grütze geht und man keine klaren Zusagen von denen hat, die über einem sitzen. Der Trainer muss eine starke Position haben, weil ein schwacher Trainer nie erfolgreich sein wird.
Das ist ja nicht nur im Fußball so. 
Schulte: Nein, so ist unsere Welt: Wir brauchen die Fixierung auf eine Person, der im Erfolg alles zugeschrieben wird und im Misserfolg auch. Das ist nicht gut. Allerdings bin ich auch nicht naiv. Wenn eine Niederlagenserie immer länger wird, hat man irgendwann keine andere Wahl mehr als den Trainer auszutauschen. Doch bis dahin kann man einiges drehen.
War Mitte April dann nichts mehr zu drehen, als Sie Trainer Schöttel entlassen haben?
Schulte: Wir haben lange genug zu unserem Trainer gestanden, weil er eine Rapid-Ikone ist und weil er seinen Job auch gut gemacht hat. Aber als Trainer ist man immer abhängig von den Ergebnissen. Wir haben nur einmal in zehn Spielen gewonnen. Nach der Niederlage gegen den Drittligisten Pasching im Pokal waren wir dazu gezwungen, obwohl wir das nicht wollten. Es hat uns allen leidgetan hier im Klub, aber es ging halt nicht anders.

Warum haben Sie kurz nach dem Pokal-Aus gesagt, Schöttel sei immer noch der Richtige?

Schulte: Weil ich keinen Spaltbreit von meinem Trainer abrücke, bis eine Entscheidung gefallen ist. So muss man das interpretieren. Dass wir intern da schon natürlich diskutiert haben, versteht sich von alleine.  
Den Rapid-Fans war auch Sportdirektor Schulte ein Dorn im Auge. Als sie zur Demonstration vor dem Stadion und einem Stimmungsboykott bei den Spielen aufriefen, sagte Schulte in einem Interview: »Die Fans, die Rapid, im Herzen tragen, werden die Mannschaft auch im Stadion anfeuern.« Viele Fans riefen daraufhin »Schulte raus!« und wiesen ihm per Transparent den Weg: »Zurück an die Waterkant«.

Wie haben Sie die Anfeindungen der Fans nach einer so kurzen Amtszeit empfunden?
Schulte: Die sind einem absoluten Missverständnis zuzuschreiben. Eine Aussage, mit der ich versucht habe, alle hinter die Mannschaft zu bringen, ist von Teilen der Presse missverständlich wiedergegeben worden. Aber nachdem wir das klar gestellt haben, hat es keine weiteren Anfeindungen im Stadion gegen mich gegeben. 
Und wie steht es mit dem Vertrauen der Vereinsführung Ihnen gegenüber?
Schulte: Das spüre und erlebe ich in der tagtäglichen Zusammenarbeit.
Rapid ist Ihre erste Auslandsstation nach St. Pauli, Schalke, Dresden und Lübeck. Beim FC St. Pauli waren Sie gleich dreimal. Darauf spielt auch der Titel Ihres gerade erschienenen Buches an. Wie waren denn Ihre »Drei St. Pauli Leben«?
Schulte: Beim ersten Mal bin ich als Trainer in die Bundesliga aufgestiegen, da war alles super. Aber beim zweiten Mal, als Manager, war es von Anfang an verseucht. Der damalige Präsident wollte mich eigentlich gar nicht. In der Situation habe ich Fehler gemacht, da war ich noch zu unerfahren. Deswegen bin ich 2008 als Sportdirektor zurückgekehrt, um das geradezubiegen.
Zum Ende Ihrer Amtszeit bei St. Pauli 2012 gab es auch eine Trainerdebatte - mit schlechtem Ausgang für Sie ... 
Schulte: Das Präsidium hatte erst mit mir vereinbart, Trainer Andre Schubert zu entlassen, um dann ohne mich zu entscheiden, dass er doch bleibt. Das hat den Trainer, das Präsidium und mich geschwächt. Deshalb habe ich die Vertrauensfrage gestellt: Entweder mein Vertrag wird verlängert oder aufgelöst. Mit beidem hätte ich leben können, aber nicht mit dieser Unklarheit.
Ist es dennoch besonders schmerzhaft, so zu gehen?
Schulte: Natürlich, ich habe auch überlegt, ob ich etwas falsch gemacht habe. Aber ich hatte keine andere Wahl und habe mir nichts vorzuwerfen. Trotz des unglücklichen Abstiegs steht der Verein wirtschaftlich besser da als zuvor. Ich habe meine offene Rechnung also beglichen.
Helmut Schultes erstes Spiel als Sportdirektor bei Rapid verlief unglücklich: Zum Rückrundenauftakt im Februar verliert Rapid im 304. Wiener Derby 1:2 gegen die Austria. Nach einem Platzverweis muss Rapid 60 Minuten lang zu zehnt spielen. Anschließend will ein Journalist von Schulte wissen, was er vom Schiedsrichter halte: »Fußball ist ein Fehlerspiel«, sagt er. »Wenn wir alle unsere Fehler besprochen haben, dann können wir über den Schiedsrichter reden.« 

In Ihrem Buch kritisieren Sie technische Hilfsmittel wie den Videobeweis. Warum?
Schulte: Weil er dem Fußball so viel von seinem Reiz nehmen würde. Über das Wembley-Tor würde heute gar nicht mehr geredet, wenn damals ein Chip im Ball gewesen wäre oder es eine Torkamera gegeben hätte.  
Befürworter meinen, dass zu viel Geld dabei auf dem Spiel stehe, um auf Hilfsmittel zu verzichten.
Schulte: Das sind Technokraten. Fußball ist ein Spiel, das leider immer mehr zum Business wird. Man will nicht mehr mit den Unvollkommenheiten von Menschen leben, doch die Fehler von Menschen machen dieses Spiel erst so attraktiv.
Viele Trainer sehen das anders als Sie. 
Schulte: Weil sie meinen, dass sie öfter benachteiligt werden. Aber am Ende gleicht sich alles aus. Es gibt keinen Trainer, Spieler oder Präsidenten, der von sich sagen könnte: Ich habe durch Fehlentscheidungen insgesamt mehr Nachteile als Vorteile gehabt. 
Es wäre auch ungerecht, wenn Schiedsrichter keine Fehler mehr machen dürften, die Spieler aber schon.
Schulte: Genau. Übrigens macht der Schiedsrichter im Spiel weniger Fehler als jeder Spieler. Keiner regt sich jedoch so über eine verpasste Torchance auf wie über eine übersehene Schwalbe. Dass ein Spieler versucht, sich einen Vorteil zu verschaffen - das ist die Sauerei! Ich kann das doch nicht dem Schiedsrichter vorwerfen, wenn er es nicht gesehen hat.
Wie kommen Sie damit klar?
Schulte: Indem ich eine kritische Distanz zum Geschehen im Profifußball halte.
Sie sind enttäuscht, dass das Spiel zum Business verkommt, obwohl Sie damit Geld verdienen?
Ich bin hin- und hergerissen: Ich leiste es mir, ein Fußballromantiker zu sein. Trotzdem ist es schön, dass dieses Spiel so groß geworden ist. Aber der Fußball soll nicht unter dem Diktat des Geldes stehen.
Was missfällt Ihnen zum Beispiel?  
Schulte: In der Champions League gibt es die Gruppenphase, wodurch die Vereine einerseits sichere Geldeinnahmen haben. Andererseits wurde dafür der reine K.-o.-Modus abgeschafft. Den fand ich super, weil er auch Steaua Bukarest oder Roter Stern Belgrad in die Lage versetzt hat, den Landesmeisterpokal zu gewinnen. Heute ist das unmöglich.
Sie sind seit 25 Jahren im Profifußball. Auf welche Stärken können Sie sich verlassen?
Schulte: Ich kann Menschen gut führen. Vertrauen und Kontinuität sind zwei meiner Charakterstärken. Denn ich glaube, je länger ein Mensch einen Job macht, desto besser wird er darin. Das ist meine Erfahrung als Spieler, Trainer, Nachwuchsleiter und Sportdirektor - sogar um den grünen Rasen musste ich mich schon kümmern. Davon gibt es nicht viele.
Ist Selbstvertrauen das Wichtigste? 
Schulte: Selbstwirksamkeit ist wichtiger - ich mache etwas und erreiche damit etwas. Es ist doch so: Alle Menschen versuchen, Glück zu finden und Leid zu vermeiden. Wenn man das weiß, ist es auch leichter, andere zu respektieren. Das hat mir oft geholfen, aber auch viel Kritik eingebracht.
Weil Sie zu verständnisvoll sind?
Schulte: Weil ich manchmal zu nachsichtig bin. Dafür musste ich mich bisher am meisten tadeln lassen. Weil ich zu harmoniebedürftig bin und Radikalentscheidungen meide. Aber zu viel Verständnis? Geht doch eigentlich nicht, oder?
Empfinden Sie sich als zu selbstkritisch?  
Schulte: Ja, ich bin eher zu selbstkritisch. Obwohl man mir das vielleicht nicht anmerkt, gehe ich sehr hart mit meinen Entscheidungen ins Gericht.
Liegt vielleicht an Ihrem Sternzeichen Jungfrau.
Schulte: Möglicherweise.
Eine Reihe von Berühmtheiten wurde, wie Sie, am 14. September geboren ...
Schulte: Günter Netzer!

... und Wiens Bürgermeister Michael Häupl. 

Schulte: Obwohl er ein Violetter ist, hat er auch Geburtstag. (lacht)
Der Geograph Alexander von Humboldt ...   
Schulte: Alle Guten sind anscheinend Jungfrauen.


... und die Sängerin Amy Winehouse. 

Schulte: Oh ... ich liebe Amy Winehouse.
Sie selbst hat sich wohl nicht geliebt.
Schulte: Scheiße. Das ist echt so bitter. Auch das mit Michael Jackson hat mir so leidgetan. Da krieg' ich Tränen in den Augen, wenn die sterben. Denen hat der liebe Gott etwas in die Wiege gelegt, das man nicht lernen kann. Was haben die alles der Welt gegeben - ihre Seele, ihr Leben ... Da wären wir bei der Leidenschaft.

Foto: SK Rapid

Referenzen:

Verein: SK Rapid
ballesterer # 121

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