»Ich bin immer mit ihm mitgerannt«

cache/images/article_1759_topro_140.jpg Toni Polster hat Herbert Prohaska als Mitspieler, als Trainer und als Freund erlebt, der seine Karriere bei der Wiener Austria und im Nationalteam förderte. Von den frühen 1980ern bis heute kreuzen sich die Wege der beiden violetten Ikonen vom Fußballfeld bis auf den Tennisplatz.
ballesterer: Als Herbert Prohaska nach Österreich zurückgekehrt ist, waren Sie noch sehr jung. Wie haben Sie ihn als Führungsspieler erlebt?
Toni Polster: Herbert war super zu den Jungen. Jeder hat sich an ihm anhalten können, weil er nie Angst gehabt hat, egal, gegen wen wir gespielt haben. Für die Stimmung und den Zusammenhalt im Team war er der Garant. Auch als Trainer war seine allergrößte Stärke, dass er eine Mannschaft wirklich zusammenschweißen konnte.

Wie wichtig war er als Spieler für die Mannschaft?
Ich sags einmal so: Wenn wir nicht mehr gewusst haben, wohin mit dem Ball dann zum Prohaska. Das war unser Motto. Und er hat immer einen Ausweg gefunden. Aber man musste ihn manchmal wirklich zwingen, den Abschluss zu suchen. Ich erinnere mich, dass ihm der Parits damals gesagt hat: »Du musst auch einmal abschließen. Du spielst dich so schön frei und bist dann nicht konsequent genug.« Der Herbert hat lieber ein Tor aufgelegt als selber geschossen. Selbst wenn er schon vorm Tormann gestanden ist, hat er noch geschaut: Rennt wer mit? Ich bin natürlich immer mitgerannt, weil ichs gewusst habe (lacht).
Haben Sie auf dem Feld gut harmoniert?
Wir waren die perfekte Ergänzung. Was ich konnte, konnte er nicht so gut, und umgekehrt. Ich bin heute noch dem lieben Gott dankbar, dass ich mit ihm spielen durfte. Er hat mir so viele Tore aufgelegt... Die Karriere des Toni Polster wäre vielleicht anders verlaufen, wenn es den Herbert Prohaska nicht gegeben hätte.

Was zeichnet den Sportler Herbert Prohaska aus?
Bei ihm kommt alles zusammen. Er war nicht nur begnadet als Fußballer, sondern er kann nicht verlieren um keinen Preis. Er wird richtig ungustiös, wenn er verliert. Im Training haben wir immer zwei Mannschaften gehabt. Ich war in der einen, er in der anderen. Wenn wir einmal gewonnen haben, hast du sicher sein können, dass wir am nächsten Tag die Fußmaroden gekriegt haben. Er hat den Trainer so lang angesungen, dass der wahrscheinlich drei Aspirin gebraucht hat. Wenn er das Kickerl dann mit sechs Toren Unterschied gewonnen hat, dann war er wieder glücklich. Dann war der Tag wieder gerettet. Dieser Ehrgeiz unterscheidet einen guten Spieler von einem Weltklassespieler. Wenn wir in Gefahr waren, zu verlieren, dann hat er die Ärmel noch weiter hochgekrempelt und einen Gang zugelegt. Das ist das Siegergen.

Sie haben Prohaska als Mitspieler bei der Austria und im Team erlebt. Kurze Zeit danach war er Ihr Trainer. Wie hat er sich verändert?
Am Anfang war sein Problem, dass er mit vielen zusammengespielt hat. Er war mit vielen Spielern per Du das ist oft gar nicht so einfach. Aber der Herbert ist im Teambuilding perfekt. Er hat immer für außergewöhnlich guten Zusammenhalt gesorgt. Da aufs »Sie« zu bestehen, wäre total unecht gewesen. So ist der Herbert nicht. Er ist ein sehr offener Mensch, auch gegenüber den Jüngeren. Natürlich hat er als Trainer auch einmal streng sein müssen. Aber Spieler zu integrieren, war ja auch meine Aufgabe als Kapitän. Und mit Andi Ogris und den anderen Arrivierten haben wir schon dafür gesorgt, dass alle zusammenhalten und jeder für den anderen durchs Feuer geht. Es war unsere Aufgabe, dass die anderen zu uns aufschauen, und dass wir ihnen vermitteln, was uns der Herbert auch Tag für Tag vorgemacht hat, in jedem Training und jedem Spiel.

Trotzdem herrschte dicke Luft, nachdem er Sie im letzten Match bei der WM 1998 ausgewechselt hat und Sie die Kapitänsschleife auf den Boden geschmissen haben. Sie sind danach ohne Handshake in die Kabine gegangen.
Ich war als Solostürmer natürlich angefressen, denn ich hätte mir von Anfang an mehr Offensive gewünscht. Wir hätten gegen Italien gewinnen müssen. Logisch war das ein Schock. Aber mir muss auch niemand die Hand geben, wenn ich ihn austausche. Dass einer in dem Moment nicht dein Freund ist, ist wahrscheinlich in 90 Prozent der Fälle so.
Wie bewerten Sie rückblickend die WM in Frankreich? Prohaska wurde damals schon Verhaberung und wenig Mut zur Veränderung vorgeworfen, obwohl Schlüsselspieler wie Andreas Herzog nicht in Topform waren.
Die Lage war schwierig, weil Wolfgang Feiersinger oder Harald Cerny vor der WM lange ausgefallen sind. Andi Herzog hatte Probleme mit seiner Zehe. Aber er hat in der Qualifikation mit entscheidenden Toren dafür gesorgt, dass wir überhaupt nach Frankreich gekommen sind. Und er hatte trotz Verletzung immer noch große Klasse, auch wenn ihm vielleicht im Endeffekt der letzte Schuss Kondition oder Spritzigkeit gefehlt hat. Aber es war auch Pech dabei. Wenn das letzte Spiel gegen Kamerun gewesen wäre, hätten wir gewonnen. So hatten wir zu viel Respekt. Mit der Mannschaft wäre damals mehr möglich gewesen. Zumindest, dass man statt Chile im Achtelfinale gegen Brasilien spielt. Das wäre der Wahnsinn gewesen, und ich beiße mir noch heute in den Hintern, dass wir das nicht geschafft haben. Dann wären wir halt ausgeschieden, o.k. aber gegen Brasilien.

Haben Kaderpolitik und zögerliche Taktik zum Ausscheiden beigetragen?
Wir hätten von Anfang an mehr riskieren müssen. Aber gut, wir haben Chile auch mit Vastic, Reinmayr und Haas nicht geschlagen. Das kann man diskutieren. Aber eigentlich ist es müßig. Eine WM ist eine schwere Situation. Du spielst eine Saison, hast 60 Spiele in den Beinen, bist urlaubsreif. Du machst einen Kurzurlaub und fängst dann wieder eine kleine Vorbereitung an. Schau dir an, wie Messi letztes Jahr gespielt hat. Normalerweise hätte Maradona ihn auch draußen lassen müssen. Aber das ist so schwierig. Prohaska hat damals als Trainer perfekt zu uns gepasst, und er hat viel, viel mehr richtig als falsch gemacht. Fehler sind uns allen passiert. Das wird im Nachhinein auch der eine oder andere zugeben. Zum Beispiel, dass er mich ausgetauscht hat (lacht).
Das Spiel gegen Italien war Ihr letztes Länderspiel unter Prohaska. Gab es danach noch Probleme?
Wir haben das Italien-Spiel nicht mehr angesprochen. Aber nach der WM gab es ein Problem. Ich habe Rücktrittsgedanken gehegt und mit Herbert darüber geredet. Er wollte damals ein neues, jüngeres Team aufbauen. Ich habe mit einer Jokerrolle spekuliert, mit »Standby« oder Rücktritt. Vereinbart war eine interne Aussprache, bevor wir an die Presse gehen. Dennoch habe ich bald darauf von Journalisten gehört, dass der Herbert vor dem Freundschaftsspiel gegen Frankreich gesagt hat: Es wäre schön, wenn der Polster gegen den Weltmeister sein Abschiedsspiel macht. Da war ich natürlich verärgert.
 
Ein paar Jahre später waren Sie unter Frank Stronach General Manager bei der Austria und wollten auch Herbert Prohaska zum Klub zurückholen. Woran ist es gescheitert?
Ich hatte das Ziel, die Besten zur Austria zu holen. Ich habe mit Frank Stronach gesprochen und wollte auch den Herbert zur Rückkehr überreden. Ich sage immer: Ein Starker holt sich lauter Schwache in sein Team. Aber ich wollte den Herbert, weil es für den Verein und die Leute super gewesen wäre. Zuerst hat er abgelehnt, aber dann hat er es sich überlegt. Das wäre damals ein riesiges Signal gewesen. Ich bin zu Stronach gegangen und habe es ihm freudig verkündet. Darauf sagt Stronach: Den brauchen wir nicht. Ich habe danach mit Herbert darüber geredet, aber das ist nicht jugendfrei (lacht). Im Nachhinein ist es aber besser, dass er sich rausgehalten hat, weil er sich in der Magna-Ära auch selbst beschädigen hätte können. So viel Dilletantismus wie bei Stronach habe ich selten gesehen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Herbert Prohaska heute?
Wir spielen zusammen Tennis. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber unterm Strich haben wir uns irrsinnig gern. Und es war eine Gnade Gottes, mit ihm Fußball spielen zu dürfen.


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Rubrik: Aktuell
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