»Ich brauche eine gewisse Zufriedenheit«

cache/images/article_1916_hofm_140.jpg Wir treffen Steffen Hofmann Mitte Juni während der Saisonvorbereitung von Rapid und verbringen die Pause zwischen Vormittags- und Nachmittagseinheit mit ihm an der Alten Donau. Vor der UNO-City als Kulisse spricht er über Wien als Lebensmittelpunkt, sein Selbstbild und Rapid.

ballesterer: Bei Rapid gibt es zwei Neuverpflichtungen. Gerson und Terrence Boyd, der wie Sie aus der deutschen Regionalliga (heute vierthöchste Klasse, Anm.) kommt. Dort hat er in der letzten Saison viele Tore geschossen, wie damals auch Sie. War Ihnen Boyd vor dem Wechsel ein Begriff und glauben Sie, dass er sich in der österreichischen Bundesliga schnell eingewöhnen wird?
Steffen Hofmann: Nein, ich kannte ihn nicht. Er hat bei Borussia Dortmund sicher eine der besten Ausbildungen gehabt und er muss Qualität haben, sonst würde er nicht im US-Nationalteam spielen. Die Spielweise der unteren deutschen Ligen, so wie ich das damals kennengelernt habe, ist vielen österreichischen Teams sehr ähnlich. Sehr kampfbetont, viele Zweikämpfe, aber es gibt dort nicht so viel Qualität wie in der österreichischen Bundesliga.

Sie haben in der Jugend des FC Bayern München und bei den Amateuren gekickt. Ehemalige Mitspieler waren bei der Europameisterschaft im Einsatz. Auf Alou Diarra, der für Frankreich spielt, hätte Uli Hoeneß damals sein Geld sicher nicht gesetzt. Heute ärgert er sich darüber, dass er ihn nicht mehr bei den Bayern hat.
Alou war lustig, ein super Kerl. Der hat damals bei den Amateuren gespielt und mit den Profis mittrainiert. Er wollte dann aber einen unglaublichen, wirklich horrenden Vertrag. Also wirklich unvorstellbar (lacht). Die Bayern haben ihn gefragt, ob er nicht ganz dicht ist. Dann ist er nach Liverpool gewechselt, hat am Anfang aber auch dort nicht gespielt.

Haben Sie noch Kontakt zu Ex-Kollegen?
Zu den Spielern, die bei der EM waren, habe ich keinen Kontakt mehr. Mit Philipp Lahm alle zwei Jahre einmal, eher zufällig.

Sie haben in Ihrer letzten Saison bei Bayern 14 Tore und fünf Assists gemacht. Nach Wien hat Sie dann ein Trainer mit Bayern-Vergangenheit geholt. War Lothar Matthäus wegen ihres Wechsels der wichtigste  Rapid-Trainer der jüngsten Vergangenheit?
(lacht). Ja vielleicht, aber als ich dann da war, war er schon wieder weg. Wäre er nicht Trainer gewesen, wäre ich nicht zu Rapid gewechselt. Im Nachhinein betrachtet, hat sich alles anders entwickelt, wie ich das vor zehn Jahren erhofft oder geplant hatte. Für mich war Rapid damals ein Sprungbrett. Der Name Matthäus hatte auf mich damals eine große Wirkung.

Welche Erwartungen haben Sie gehabt, als sie im Winter 2005/06 zu 1860 in die zweite deutsche Bundesliga gewechselt sind?
Als ich nach München gekommen bin, war der Abstand nach oben nicht so groß. Ich bin aber in eine Mannschaft gekommen, wo gar nichts gepasst hat. Das halbe Jahr bei 1860 war sehr lehrreich für mich. Es hat mir unter anderem gezeigt, dass man mit einer Mannschaft, die aus wirklich sehr guten Spielern besteht, keinen Erfolg haben kann, wenn die Typen nicht zusammen passen.

Sie waren bei Bayern und dann bei 1860. Das kann man nicht vergleichen mit der Rivalität zwischen Rapid und Austria, aber was dachten Sie, als das Angebot von 1860 konkret wurde?
Ich hatte schon Kontakt zu 1860, als Peter Pacult noch Cheftrainer dort war (2001 2003, Anm.). Damals hätte ich das gerne gemacht, aber da war »Sechzig« ja auch noch in der Bundesliga. Grundsätzlich ist das aber kein großes Problem. Hier in Wien ist das etwas ganz anderes.

Unmittelbar nach der Rückkehr zu Rapid haben Sie sich verletzt. Der Innenseitenbandriss war Ihre erste große Verletzung und Sie mussten bis November pausieren.
Da denkt man sich dann echt nur »Scheiße«. Die Situation war ein Wahnsinn, ich bin eine Woche zurück gewesen und war eigentlich körperlich in einer super Verfassung. Tja, Pech.

Sind Sie ein Kopfmensch? Haben Sie mit Problemen schwer zu kämpfen?
Ich mache mir viele Gedanken, manchmal sogar zu viele.

Ihr Standing als Führungsspieler und Kapitän ist nicht nur bei den Fans sehr groß, sondern auch innerhalb der Mannschaft.
Ich hoffe es. Wenn ein Spieler sehr lange beim Verein war und Erfolg hatte, dann hat man automatisch Respekt vor ihm. Für mich zumindest, war das immer so. Wenn ich mit älteren Spielern in einem Team war, dann hatte ich immer Respekt vor ihnen. Die meisten Jungen machen das auch heute so, aber nicht alle

Werden Sie von Ihren Mitspielern ab und zu auch »Fußballgott« genannt?
Ja, zum Spaß. Am schlimmsten ist es aber, wenn meine Kinder mich ärgern wollen. Sie sagen dann nicht Papa, sondern »Steffen Hofmann Fußballgott« zu mir und finden das auch noch furchtbar lustig. Wenn ich ihnen verbiete, es zu sagen, machen sie trotzdem weiter.

Wenn Sie das von den Fans hören, ist das immer und nur beflügelnd oder kann das auch Druck erzeugen?
Wenn ich mich gut fühle, kann ich die Erwartungen erfüllen, die damit verbunden sind. Ich muss aber ehrlich zugeben, es hängt auch davon ab, in welcher Verfassung ich mich gerade befinde. Wenn es nicht so läuft, dann wiegt der Titel schwer für mich. Das Problem hatte ich ja damals bei meiner Rückkehr aus München. Ich musste einfach meinen Namen, den ich mir davor erspielt hatte, bestätigen. Als ich 2010/11 lange mit der Schambeinentzündung zu kämpfen hatte, hat es auch immer wieder Phasen gegeben, in denen ich ins Grübeln gekommen bin. Da muss man wahnsinnig aufpassen, dass man nicht ins Negativdenken rein gerät und alles ausschließlich schwarz sieht.

Als kleiner Bub denkt man oft, dass es nichts tolleres geben kann, als ein Tor zu schießen und seinen Jubel mit tausenden Leuten im Stadion zu teilen. Wie lange pusht einen solch ein Moment dann wirklich?
Das geht sehr schnell. Wenn wir zwei Spiele pro Woche haben, kann es sein, dass wir Himmel und Hölle erleben. Einerseits sind englische Runden ganz angenehm, weil man nicht viel Zeit hat, um über eine Niederlage nachzudenken. Andererseits würde man einen Erfolg manchmal schon auch ganz gerne länger genießen. Das mit dem Tore schießen ist aber nicht nur als Bub so, sondern das ist auch heute noch ein unglaubliches Gefühl. Wenn man vor der West ein Tor schießt, ein entscheidendes, kurz vor Schluss, das ist einfach nicht zu beschreiben.

Die letzte Saison von Rapid ist im Zeichen des Platzsturm beim Derby im Mai 2011 gestanden. Der Platzsturm war stark mit der Erwartungshaltung der Fans verbunden. Was kann Rapid sportlich erreichen oder was würden Sie sich wünschen, dass der Verein erreicht?
Ich denke, dass in einer Stadt mit der Größe von Wien, mit so einem Fanpotenzial, schon mehr rauszuholen ist. Die wirtschaftliche Lage ist im Moment nicht ideal. Wichtig für den Verein ist, dass wir jetzt ein schönes, renoviertes und möglichst großes Stadion bekommen. Das wird der erste Schritt sein, den man jetzt unbedingt machen muss. Dann muss sich Rapid international von Jahr zu Jahr steigern und interessant machen. Man kann aus Rapid einen Verein machen, der jedes Jahr in der Gruppenphase der Europa League spielt, ab und zu darüber hinauskommt, oder sich manchmal sogar für die Champions League qualifiziert.

Blicken Sie in diesem Fall über die Grenzen zu ähnlichen Vereinen? Zum Beispiel zum FC Basel, der das jetzt schon schafft?
Basel ist ein Paradebeispiel. Auch wenn die eher die Strukturen von Salzburg haben und eine Frau haben, die viel Geld in den Verein steckt (Gisela Oeri, Ex-Präsidentin und heute noch Geldgeberin, Anm.). Das kann aber ein Beispiel dafür sein, dass man es auch von einem kleineren Land aus schaffen kann, international mitzuspielen.

Werden Sie das neue Stadion bei Rapid noch erleben?
Ich hoffe es. Ich bin jetzt 31, glaube aber, dass ich schon noch ein paar Jahre gut spielen kann. Mit meiner Spielweise, ich habe ja nie sehr von meiner Schnelligkeit profitieren können, kann ich schon noch ein paar Jahre auf Bundesliga-Niveau spielen.

Kommen wir zum Taktischen. Spielt der Trainer für ihr Spiel eine untergeordnete Rolle?
Der Trainer ist für mich als Person nicht entscheidend. Manche brauchen einen bestimmten Typus eines Trainers, mir ist das egal.

Stichwort »Hofmann-Loch«. Können Sie die Argumentation nachvollziehen?
Dieses angebliche »Hofmann-Loch« auf der rechten Seite ich kann die Argumentation in gewisser Weise verstehen, dass im Offensivspiel die rechte Seite dann nicht besetzt bleibt, wenn ich ins Zentrum ziehe. Defensiv war ich immer auf dem Platz (lacht), ich war immer da! Ich denke, dass wir auch nie mehr Tore über rechts als über links oder durch die Mitte bekommen haben. Von den zehn Jahren bei Rapid habe ich acht rechts gespielt.

Wo sehen Sie ihre Rolle oder ist es Ihnen egal wo Sie spielen?
Es hat mir zu Beginn der letzten Saison Spaß gemacht, als ich defensiver gespielt habe. Heuer wars vermehrt zentral. Es kommt aber immer auf den Gegner an. Es gibt Spiele, da weiß ich, dass es in der Mitte vielleicht zu eng werden könnte, oder die Defensivspieler der Gegner von rechts und links angeflogen kommen. Da ist es mir oft lieber, ich kann mich von rechts in die Mitte schleichen und werde nicht gleich gesehen.

Hätte sich Ihre Karriere anders entwickeln können, wenn Sie schon unter Josef Hickersberger in der Mitte gespielt hätten?
Vielleicht. Es ist sicher entscheidend, wo du spielst. Bastian Schweinsteiger hat in der Jugend immer links und rechts gespielt, manchmal auch zentral als »Zehner«. Bei Bayern am Anfang auch. Jetzt spielt er auf der »Sechs« oder der »Acht« und ist dort, vielleicht auch deswegen, so stark geworden. So wie ich ihn von damals bei der Bayern-Jugend oder den Amateuren gekannt habe, hätte ich ihm das so nicht zugetraut.

Als Sie aus dem deutschen Nachwuchssystem rausgekommen sind
. war ich viel zu klein für den deutschen Fußball.

Haben Sie damals schon gemerkt, dass mit den heute in Deutschland erfolgreichen Spielern anders als mit Ihnen oder auch später anders als in Österreich gearbeitet wurde?
Das auslösende Ereignis war die Weltmeisterschaft 1998. Schon vor der WM hat man in Deutschland erkannt, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Man hat erkannt, dass man viel mehr Wert auf die Jugendspieler legen muss. Bei Bayern gibt es ja erst seit Mitte der 1990er Jahre das Junior-Team, bei dem die Jugendteams ausgegliedert sind und verstärkt ihr Ding durchziehen. Damals hat man bei Bayern erst richtig mit der Jugendarbeit begonnen. Das Resultat sieht man jetzt aber auch.

Schweinsteiger ist auch ein Beispiel dafür, dass technisch starke Spieler zuerst einmal auf die Außenbahn gestellt werden, weil man ihnen noch nicht zutraut, das Spiel zu lenken.
Robben, Ribery, Messi spielen auch außen. Ich glaube, das Spiel wird insgesamt flexibler. Bei uns und da hat es 2005 das »Hofmann-Loch« auch nicht gegeben. Da war immer jemand rechts. Ivanschitz, Martinez oder Hlinka haben damals meine Position übernommen. Wir haben schon sehr flexibel gespielt. Vielleicht mache ich das als einziger heute noch.

Rapid hat links und rechts mit Grozurek, Drazan, Trimmel aber Spieler, die vor allem schnell sind. Ist Ihr Platz dann nicht automatisch im Zentrum?
Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass Peter Schöttel auf den Flügelpositionen gerne schnelle Spieler hat. Zu denen gehöre ich halt einfach nicht (lacht).

Was passiert nach Ihrer aktiven Karriere?
Momentan schaut es danach aus, dass wir nach meiner Karriere in Wien bleiben. Es schaut auch jetzt nicht nach Umzug aus. Natürlich stellt sich die Frage aber erst nächstes Jahr wirklich, wenn es um einen neuen Vertrag geht.

Was gefällt Ihnen an Wien? Ist es nur Rapid?
Nein, nicht nur. Es kommt nicht von ungefähr, dass Wien in diversen Rankings als lebenswerte, tolle Stadt geführt wird. Kulturell kann man viele Sachen machen.

Gehen Sie ins Burgtheater?
Nicht oft. Ich bin eher im Volkstheater (lacht). Oder in der Oper. Wir genießen einfach das Leben in Wien.

Es ist ein mehr oder weniger offenes Geheimnis, dass Steffen Hofmann in Wien-Mariahilf wohnt. Müssen Sie aufgrund Ihrer Bekanntheit wie Francesco Totti in Rom mit dem Moped flüchten?
Nein, ich bin außerdem nur mit dem Kinderwagen unterwegs. Da könnte ich auch nicht so schnell flüchten. Es kommt schon vor, dass einen Leute ansprechen, aber es ist auch überhaupt kein Problem, sonst wäre ich schon längst umgezogen.

Mit der Mannschaft sind Sie ja fürs Training übersiedelt. Sind Sie mit den neuen Trainingsmöglichkeiten im Prater zufrieden?
Ja, wir können jetzt deutlich besser trainieren. Es gibt mehr Platz, schönere Kabinen und vor allem keinen Schimmel mehr. Das sind schon einmal drei gute Argumente.

Wie kann es sein, dass ein Verein wie Rapid für seine Profis Kabinen hat, in denen es schimmelt?
Ich glaube, dass das Problem daran lag, dass Rapid nur Mieter im Stadion war, nicht Eigentümer.

Das Naheverhältnis des Eigentümers, der Stadt Wien, zum Verein ist bekannt. Man könnte denken, dass das nicht so schwierig zu lösen sein kann.
Es ist jetzt auch gelöst worden und der Verein ist zumindest einmal Pächter geworden. Jeder, der das Hanappi-Stadion von innen kennt, wird verstehen, warum man jetzt was machen musste. Im Verein hat sich in der letzten Zeit sehr viel getan und es geht auch in die richtige Richtung. Aber es hat ein paar Jahre gedauert. Ich glaube, das Hauptproblem ist immer wieder das gleiche, es ist kein oder zu wenig Geld da.

Die Neuverpflichtungen und das Hochziehen von jungen Spielern deuten weiter auf Sparkurs hin. Wird die Stadionsanierung zu Lasten der sportlichen Leistung gehen?
Ich hoffe nicht. Es war letztes Jahr im Sommer schon absehbar, dass es viele Veränderungen geben wird. Durch die vielen Abgänge und die Neuverpflichtungen war viel Bewegung drinnen. Heuer ist es ähnlich. Ich denke, dass es der richtige Weg ist, die Amateure langsam an die Kampfmannschaft heranzuführen. Entscheidend ist aber, dass man wichtige Spieler an den Verein bindet.

Lesen Sie Zeitung, wenn, wie im Kurier berichtet wurde, Gelder aus dem EADS-Deal an Rapid Geld geflossen sein sollen? Interessiert das Spieler überhaupt?
Ich lese das natürlich. Ich glaube aber, die meisten meiner Kollegen bekommen das nicht mit. Man muss aber zu ihrer Verteidigung sagen, der Artikel ist auch nicht im Sportteil gestanden (lacht).

Wenn Sie im österreichischen Fernsehen ein Fußballspiel ansehen und dort spricht ein Ex-Kicker als »Experte« nur Dinge an, die ohnehin jeder Zuschauer selbst sieht, was denken Sie sich als Fußballer dabei?
Es gibt Experten, die das gut machen. Es gibt aber auch diejenigen, die auf einmal vergessen, dass sie selbst einmal Spieler waren und auch gute oder schlechte Tage hatten. Da wird oft zu populistisch geredet. Man hat den Eindruck, manche freuen sich einfach, dass sie wieder einmal im Fernsehen sind.

Ist Steffen Hofmann als Fußballer zu groß für die österreichische Liga und zu klein für die deutsche Bundesliga?
Hm, ich habe mir die Frage noch nicht gestellt. Ich bin überzeugt, dass ich in Deutschland auch spielen hätte können. Vielleicht nicht bei Bayern oder Dortmund, aber zu meiner Glanzzeit hätte ich bei einigen Vereinen sicher keine Probleme gehabt. Jetzt bin ich zu alt.

Ist es die Genügsamkeit des Steffen Hofmann, dass es nie so weit gekommen ist?
Andere müssen bis zum Hals in der Scheiße stecken, damit sie Vollgas geben. Bei mir ist es genau umgekehrt: Ich brauche eine gewisse Zufriedenheit in meinem Leben, damit ich funktionieren kann. Das alles habe ich hier.

 

Ein ausführliches Steffen-Hofmann-Porträt lesen Sie in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 73, August 2012) Seit 20.7. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

ballesterer # 120

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

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