"Ich hab kein Hausverbot bekommen"

Alfred Dorfer ist langjähriger Austria-Fan und ein bekannt kritischer Mensch. Mit einer Abordnung von westtribuene.at und der Fanvertretung des FK Austria sprach der Kabarettist Mitte Juni über sein persönliches Austria-Bild, Fantum, Stronach und Mateschitz sowie violette Zukunftsvisionen.
Gastautor | 19.07.2006

westtribuene.at: Wie wurdest du und warum bist du Austrianer?
Alfred Dorfer: In den 70er Jahren auf der Hohen Warte bei einem Spiel Vienna gegen Austria. Mein Großvater, der Vienna-Anhänger war, hat mich mitgenommen. Mir waren aber die anderen irgendwie sympathischer... Damals war es "leicht" Austrianer zu werden, es entstand eine große Spielergeneration. Violett eilte von einem Erfolg zum nächsten. Die sportlich magere Epoche Mitte/Ende der 90er Jahre hat nichts an meiner Einstellung zur Austria geändert. "Fan sein" ist ja keine erfolgsabhängige Gschicht!

Du hast dein Abo auf der Nord. VIP sein ist angeblich nicht dein Ding.
Ich will nicht bei den VIPs sitzen. Das Abo habe ich schon lange. Mir hat es dort gefallen, z.B. nur zwei Reihen von Pepi Argauer entfernt platziert gewesen zu sein. Die Umgebung ist mir einfach sympathischer. Außerdem schau ich gern in die Sonne.

Das Bild des FK Austria Magna in der Öffentlichkeit hast du in der Stronach-Folge von "Donnerstalk" mit einem "Minenfeld der Sympathie" verglichen. Gab es vereinsseitige Reaktionen?
Nein, ich hab kein Hausverbot bekommen. Es gab von den Offiziellen überhaupt keine Reaktion. Wahrscheinlich haben die "Macher" die angesprochene Folge gar nicht gesehen. Was mir egal ist, ich hab's für die Fans gemacht, für die, die sich wirklich für die Austria interessieren.

Ist dir in diesem Zusammenhang das Transparent auf der West "Wenn Kabarett zur Wahrheit wird. Danke Alfred Dorfer!" aufgefallen?
Ja. Und es war mir eine große Freude!

west.at musste für den magnakritischen Kurs oft Kritik einstecken ("Sponsorvertreiber", "Unruhestifter",?). Wie siehst du das?
Die Sponsorvertreiber sind doch wo anders zu Hause. Jene Leute, die von Magna eingesetzt wurden bzw. eingesetzt sind, haben die jetzige Situation zu verantworten. Niemand weiß, wie es weitergeht. Solange nicht feststeht, wie sich der Betriebsführer zurückzieht bzw. ob es sich um einen Teilrückzug handelt, wird es schwer sein, Sponsoren von einem Kaliber wie Siemens gewinnen zu können. Dass die Fans manchmal überreagieren, wie z. B. beim Platzsturm bei Austria vs. GAK, fällt für mich unter normale Reaktion. Natürlich schadet so etwas der Mannschaft, man kann auch sagen, es war vereinsschädigend - aber als Sponsorvertreibung stufe ich es nicht ein. Sponosrvertreiber, das sind Personen wie Peter Westenthaler.

Kannst du in diesem Zusammenhang beim Verein auch einen Verfolgungswahn erkennen?
Wir haben eine Vereinsführung, die sich von den Fans entfernt hat. Eine Vereinsführung, die mit den Fans nichts zu tun hat und nichts zu tun haben will. Sie unterliegen dem Irrtum, einen Fußballklub so führen zu können wie eine Werbeagentur. Das ist die erste Front, die sie sich aufgebaut haben. Front Nummer 2 ist das Ansehen in der Öffentlichkeit. Dass die Medien keineswegs immer fair berichten, sei dahin gestellt, aber über Jahre hinweg profillose Mannschaften zusammenzustellen, bei denen nicht einmal die Abonnenten die Vornamen einiger Spieler kennen, war kein Werk der Presse, sondern der Betriebsführung. Das war sehr schlecht für den Klub. Detto der von den Magnaten gelebte Wirtschaftsglaube im Stile einer neoliberalen Firma: "Die Traditionalisten sind sowieso Trotteln und wurscht." Stronach hat dabei das Glück, dass es sogar jemanden gab, der es anderswo noch "besser" machte. Mateschitz hat ja sogar die Vereinsfarben abgeschafft...

Red Bull Salzburg - Gründungsdatum 2005. Deine Meinung dazu?
Ich kaufe einen Verein. Ich bin nicht Hauptsponsor, sondern kaufe den ganzen Klub. Das ist wie die Übernahme eines alten Hauses, wo alles bis auf die Fassade ausgehöhlt wird. Wobei bei Red Bull nicht einmal die Fassade gleich bleibt.

Ist es nicht erschreckend, dass das in Österreich so einfach passieren kann bzw. das "Produkt" bei 18.000 "Konsumenten" ankommt?
Das dortige Publikum ist lokal angebunden. Wenn die erfolgreich spielen, wird Wals-Siezenheim aufgestockt noch zu klein sein. Aber das ist unsympathisch. Da schau ich mir lieber die Spiele der Amateure an als die von einem wild zusammengekauften Werksteam.

Was war dein erster Gedanke als du vom Wallner-Transfer zur Austria erfahren hast?
Meine persönliche Meinung über Wallner möchte ich hier nicht kundtun. Schreibt es so: Bei Wallner wusste man auf Grund seines Vorlebens, was er ist. Er fällt in eine Kategorie von Spielern, bei deren Verpflichtung die Austria in den letzten Jahren - sagen wir mal - nicht sehr glücklich agiert hat. Das Thema Roman Wallner fällt für mich unter die Kategorie "schwierig". Sehr enttäuscht bin ich von Roland Linz. Die Austria hat ihn zwei Mal aus der Versenkung geholt, jetzt wechselt er trotz der Chance auf die CL zu einem Mittelständler nach Portugal. Hätte er ned ein Jahr verlängern können, von mir aus mit Ausstiegsklausel wie Hofmann bei Rapid?

Was empfindest du, wenn ausgerechnet der Kaffeehausklub, der Verein der Intellektuellen, Hausverbote gegen Spielerlegenden, Funktionäre und Fans verhängt?
Das ist nicht mehr der Kaffeehausklub oder Klub der Intellektuellen sondern Magna. Eine Firma kauft einen Namen und die Vereinsfarben und regelt dann den Zugang zum "Firmengelände". Mit Fußball in der Form wie ich mir das als Fan vorstelle hat das gar nix zu tun.

Wird Magna als Firma, die Geld in den Fußball pulvert, Unrecht getan bzw. trägt nicht viel mehr die Person Stronach Schuld an den Missständen?
Der Verein heißt FK Austria Magna und nicht FK Austria Stronach. Stronach hat meiner Meinung nach keine Ahnung, worum es überhaupt geht. Ginge es nicht um unsere Austria, wäre das Kapitel Stronach ein schönes Beispiel dafür, wie man einen Verein nicht führt.

Hast du dich über den letzten Meistertitel freuen können?
Ich habe nicht mit dem Gewinn der Meisterschaft gerechnet, die Zeichen standen klar auf Red Bull. Dass es am Ende doch geklappt hat, hat mich natürlich gefreut!

Wie stehst du zum oft ins Spiel gebrachten Stadionbau in der Pampa von Rothneusiedl? Wie passt der Standort zum "Stadtklub" Austria?
Ich stufe das Projekt nicht als völlige Utopie ein. Immerhin gibt's dort ja schon eine Schnellstraßenabfahrt. Die Gemeinde ist wegen des geplanten Einkaufszentrums dahinter. Zum Standort: versteh ich nicht. Man kann dort nicht einmal von der Belebung eines Wohngebietes reden, in Rothneusiedl gibt's nur Getreide.

Der Bürgermeister der Stadt Wien sowie die Führung des FK A. Magna haben die Vision, Stronach zumindest als Sponsor über 2007 hinaus zu halten. Deine Meinung dazu?
Das Stadionprojekt scheint für Häupl sehr wichtig zu sein. Abseits der politischen Interessen sieht er es vielleicht auch als eine Art Rettungsanker für die Austria, nämlich dann, wenn der Klub mit leeren Händen, sprich ohne Hauptsponsor(en), dasteht. Klar, daß der BM Stronach Rothneusiedl schmackhaft machen will. Die Sponsorsuche war bis jetzt - dezent ausgedrückt - nicht sehr erfolgreich... Mit diesem Problem steht ja die Austria nicht alleine da. Abgesehen von Red Bull sehe ich auf die gesamte Liga schwere Zeiten zukommen. Die Lage bei den Grazer Klubs ist äußerst bedenklich und auch bei unserem Lokalrivalen scheint nicht alles im grünen Bereich zu sein...

Wie sollte die Austria nach der Ära Stronach ausschauen? Was sind deine Prioritäten: erfolgreiche oder sympathische Veilchen?
Mir persönlich ist die sportliche Seite unter gewissen Bedingungen relativ egal. Ich hab kein Problem damit, wenn die Austria um den 6., 7. Platz spielt, wenn dafür eine Mannschaft am Platz steht, mit der sich die Fans identifizieren können, bzw. der Klub ordentlich geführt wird. Beim Sportlichen wundert es mich, dass Violett bei fast allen Nachwuchstabellen in Front ist - und keiner weiß, was mit diesen Spielern passiert / nicht passiert? Wieso rückt seit zehn Jahren fast niemand in die Kampfmannschaft auf?

Bei den Spielern ist der Abgang von Ernst Dospel sportlich wohl nicht der größte Aderlass. Dass Ernstl gehen musste, tat aber vielen Fans weh.
Den Medien war zu entnehmen, dass ihm die Austria ein nicht sehr großzügiges Angebot gemacht hat. Möglich, dass es auch ein Problem zwischen Dospel und der sportlichen Leitung gab. Er war das letzte Urgestein im gegenwärtigen Kader. Kein guter Schachzug, wenn man bedenkt, dass Dospel zu den ohnehin nur mehr spärlich vorhandenen, violetten Wurzeln gehört. Rein von der sportlichen Seite her betrachtet, macht es für mich wenig Unterschied, ob ein Dospel oder ein Troyansky rechter Verteidiger spielt. Aber es gibt junge Kicker im Kader, die meiner Meinung nach vom Können her um nix schlechter sind!

Wie erlebst du in deinem Umfeld bzw. mit deinen Freunden die Austria?
Über die Entwicklung hab ich schon öfters mit Herbert Prohaska gesprochen. Die Rivalität bzw. den Neid von den anderen Vereinen, den ewigen Kampf Bundesländer vs. Wien gab's schon immer. Trotzdem war Austria immer ein Klub, der einen gewissen Nimbus, eine Eleganz ausstrahlte. Nach der Übernahme von Stronach war's damit vorbei. Wobei der Glanz von einst schon nach dem Tod von Joschi Walter abgebröckelt ist. In der Magna-Ära wurde er komplett beseitigt...

Kann das unter Stronach zerstörte Porzellan noch gekittet werden?
Hört sich jetzt vielleicht naiv oder zu radikal an, aber ich bin der Meinung, dass nur ein Crash - im schlimmsten Fall so wie bei Tirol - zu einer Austria neu führen kann. Der Fußballklub Austria muss sich sowohl von seiner Struktur als auch von den handelnden Personen her ändern!

Austria galt in der Vergangenheit als elitär geführter Klub. Soll in Zukunft der Weg zum offenen Mitgliederverein eingeschlagen werden?
Die Basisdemokratie wird bei einem Fußballklub immer nur begrenzt funktionieren. Man stelle sich vor, die Mitglieder müssten über die Verpflichtung des Spielers X oder die Vertragsverlängerung von Herrn Y abstimmen. Das würde wenig Sinn machen. Seriöse Leute an der Spitze des Klubs, z. B. Herbert Prohaska, sollen ruhig die notwendige Macht haben, um Entscheidungen treffen zu können. Schneckerl würde auch Zeit und das Vertrauen der Mitglieder bekommen.

Wäre es für dich denkbar, eines Tages bei Austria aktiv mitzuarbeiten, also eine Funktion zu übernehmen?
Zur aktiven Mitarbeit fehlt mir die Zeit. Als Ehrenmitglied versuche ich, jedes Jahr eine ziemliche Spende für den Austria-Nachwuchs, für die Knabenmannschaften, aufzutreiben. Wenn sich die Austria erneuert, bin ich gerne bereit, dem Klub zu helfen, z.B. mit Benefizaktionen, das wäre kein Problem. Funktionär bin und werde ich keiner.

Kannst du dir vorstellen, in einem zukünftigen Programm oder Film die österreichische Fußballwelt zu verarbeiten?
Bis jetzt gab es noch nie einen deutschsprachigen Fußballfilm, der ein großer Heuler war, zuletzt wurde es mit "dem Wunder von Bern" versucht. Ich trau mich da fast nicht drüber! In meinen Programmen kommt Fußball so gut wie nicht vor. Das hat auch seinen Grund! Wenn man satirisch über Fußball redet, nährt man unwillentlich und automatisch die altbekannten Klischees, wie "Kicker sind Trotteln" oder "Fußball ist eine Sportart für Deppen". Das will ich nicht, da der Fußball in meinem Leben / in meiner Freizeit eine gewichtige Rolle spielt. Ich lass mich daher diesbezüglich auch nur selten journalistisch einspannen.

Aber an der WM kommst auch du nicht vorbei!
Stimmt, ich hab für die "Passauer Zeitung" ein paar Artikel geschrieben. Allgemein wäre zu sagen, dass mir noch nie eine Weltmeisterschaft so auf den Keks gegangen ist wie diese - das Rundherum, der Kommerz ist unerträglich. Die Spiele, die Kunst beim Fußball rückt in den Hintergrund. Ich schau mir daher auch nicht alle Spiele an.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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