»Ich hab mich gefühlt wie ein Volkstribun«

Der brasilianische Blogger Juca Kfouri hat Socrates über Jahre hinweg begleitet. Kurz vor dessen Tod am 4. Dezember 2011 führte er mit dem Offensivgenie der großen »Selecao« der 1980er Jahre dieses letzte Interview, in dem er vor allem seine Alkoholsucht thematisierte. Eine Ergänzung zum Dossier über Socrates und die Democracia Corinthiana aus der aktuellen ballesterer-Ausgabe.
Übersetzung: Robert Florencio | 14.02.2012
Bei unserem Interview ist Socrates in Begleitung seiner Frau, der Journalistin Katia Bagnarelli, die bis zu seinem letzten Atemzug am frühen Sonntagmorgen, als er nur mehr 30 Herzschläge pro Minute hat, bei ihm geblieben ist. Soeben hat er einen Anruf von Ex-Präsident Lula da Silva, einem fanatischen Corinthiano, erhalten.

Juca Kfouri: Hat die neue Krise in deinem Gesundheitszustand bei dir Todesängste ausgelöst?
Socrates: Ich war schon knapp dran, diese Welt zu verlassen, aber es hat früher sogar schon schlimmere Situationen gegeben. Dieses Mal war es aber überraschend, weil ich seit drei Monaten keinen Tropfen Alkohol trinke.

In Kuba wo du dich kürzlich für längere Zeit aufgehalten hast, hast du nichts konsumiert?
Doch. Aber es gibt ein interessantes Detail. Meine Leber hat einige Probleme, funktioniert im Prinzip aber gut. Nur ist sie an einem Punkt der absoluten Unverträglichkeit mit Alkohol angekommen. (lächelt)

Hast du immer gewusst, was mit dir los ist?
Das ist nicht so leicht zu beantworten. Mir ist jedenfalls bewusst geworden, dass ich aufhören muss und dabei habe ich etwas ganz Tolles festgestellt: Ich bin körperlich nicht vom Alkohol abhängig geworden, ich habe keine Entzugserscheinungen.

Du warst immer einer, der jeden Moment des Lebens maximal auskosten wollte. Kannst du das jetzt so einfach komplett ändern?
Ich glaube nicht, dass ich mich als Person ändern muss. Ich muss nur den Alkohol aus meinem Leben eliminieren. Meine Einstellung zum Leben hat sich aber geändert. Ich werde wieder als Arzt arbeiten, hier in der Transplantationsabteilung dieses Spitals, kein Scherz. Ich werde mit den Leberkranken zusammenarbeiten, sie aufklären und betreuen. Die Leute sollen wissen, dass wir ein Weltklassegesetz haben, was die legistischen Umstände und Unkompliziertheit einer Lebertransplantation betrifft. Was wir in diesem Bereich geschafft haben, können wir auch in anderen erreichen.

Um beim Thema zu bleiben: Bei all den Sympathiebekundungen, die dir dieser Tage entgegenströmen, gibt es auch kritische Stimmen, die meinen von einem Demokraten hast du gar nichts mehr, sonst hättest du doch wohl kaum deinem jüngsten Sohn den Namen des Diktators Fidel (Castro, Anm.) verpasst. Noch einer dieser Widersprüche, die dich so charakterisieren?
Fidel ist gemeinsam mit Ernesto Che Guevara das Symbol der kubanischen Revolution, da sind die Leute hier ganz falsch informiert. Hierzulande weiß man wenig, was außerhalb Brasiliens passiert, ja oft versteht man nicht mal die inneren Abläufe. Die politische Struktur in Kuba ist extrem demokratisch. Zu gern wäre ich selbst Kubaner, ich hätte gewünscht, dass mein Sohn dort geboren wäre. Ich war ja gerade mit meiner Frau dort in humanitärer Mission unterwegs. Glaube mir: Ein Volk wie das kubanische, das seit 60 Jahren gegen ein Imperium dagegenhält, kann nur sehr stark sein, und keine Diktatur könnte ein Volk so stark werden lassen. In Kuba nimmt das Volk in allen Stadteilen und in jedem auch noch so kleinem Dorf aktiv am politischen Leben teil. Und hier? Bei wem kannst du dich beschweren? Du gehst zur Wahl, weißt aber gar nicht für wen du da eigentlich stimmst.

Und dort in Kuba, hast du mit den Leuten mitgefeiert und mitgetrunken? Bier, Wein, Rum oder sonst was in die Richtung?
Nein, es war ja viel zu heiß Naja, ein paar Bierchen waren es schon.

Mengenmäßig wenig?
Schon, vor allem im Vergleich zu den Mengen, die ich früher konsumiert habe.

Wirst du wirklich keine Hilfe brauchen, um vom Alkohol loszukommen?
Nein, ich höre jetzt einfach auf, meine Leberwerte werden sich verdammt noch mal dramatisch verbessern und ich glaube auch nicht, dass ich eine Lebertransplantation brauchen werde.

Warum willst du weiterleben?
Ich möchte mein Land verändern, meine Leute, immer noch! Das Leben ist doch das wichtigste Gut das wir haben! Warum sollen wir es auf den Müllhaufen werfen?

Warst du dir bewusst, so beliebt bei den Menschen zu sein?
Ich war halt immer misstrauisch. Ich hab mich wie ein halber Volkstribun gefühlt, weiß der Teufel warum, der die Rechte der einfachen Leute verteidigt hat. Vermutlich hat mir das ihre Sympathie eingetragen.

Man sagt, es gibt viele Leute die gerne ihren eigenen Nachruf verlesen würden. Kannst du dir vorstellen, dass diverse Zeitungen den deinigen schon verfasst haben? Würdest du das gerne lesen?
Ich sicher nicht. Das, was sie schreiben, nachdem ich gestorben bin, hat keinen Wert mehr. Es zählt nur, solange ich noch am Leben bin. Wenn ich sterbe, bin ich tot, so ist das nun einmal

 

Wenige Stunden nach diesem Interview verstarb Socrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira im Albert-Einsteil-Hospital von Sao Paolo an den Folgen einer Darmvergiftung. Er wurde nur 57 Jahre alt. Ruhe in Frieden, Doutor!

ballesterer # 120

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