»Ich möchte nicht nach Brasilien zurück«

cache/images/article_2022_gerson_gepa_140.jpg Seit einem Jahr spielt der Brasilianer Gerson Guimaraes Ferreira Junior in Österreich. Anlässlich der Schwerpunktausgabe zu Brasilien sprach der 21-jährige Rapid-Verteidiger mit dem ballesterer über seine Anpassungsschwierigkeiten in Europa, Brasiliens Titelchancen bei der Heim-WM 2014 und den Stellenwert von Religion in seinem Leben. 
Robert Florencio | 15.02.2013
ballesterer: Auf den ersten Blick wirkt Ihr Transfer von Botafogo einer der ersten Fußballadressen in Brasilien nach Kapfenberg, in die österreichische Fußballprovinz, eigenartig. Wie ist es dazu gekommen?
Gerson: Der Traum eines jeden jungen brasilianischen Spielers ist es, in Europa zu spielen. Nach meiner Jugendzeit in den diversen Nachwuchsabteilungen von Botafogo hat mir mein Berater mit 18 Jahren einen Transfer zu PSV Eindhoven ermöglicht. Dort hat es mir gut gefallen, es war alles sehr gut organisiert. Ich hatte aber noch starke Anpassungsprobleme an das Leben in Europa. Als sich dann die Möglichkeit eines Wechsels nach Spanien zu Atletico Madrid ergeben hat, habe ich mir gedacht, dort werde ich mich noch wohler fühlen, schließlich haben die Spanier ja eine tolle Liga und sind uns mentalitätsmäßig und sprachlich verwandt. Leider habe ich aber dort bald erleben müssen, dass es bei weitem nicht so war, wie ich es mir ausgemalt habe.

Welche Probleme hat es gegeben?
Ich bin in die B-Mannschaft gekommen, als ich dann auch noch Zahlungsverzögerungen bemerkt habe, habe ich nur mehr den Wunsch gehabt, so rasch wie möglich wegzugehen. Zur damaligen Zeit hatte mein Berater schon einen seiner brasilianischen Spieler, nämlich Nathan Junior, bei Kapfenberg untergebracht. Dieser hat ihm gesagt, dass die dringend einen Innenverteidiger brauchen würden. Ich habe mich entschlossen, die allererste Option und die war nun einmal Kapfenberg wahrzunehmen. Vom österreichischen Fußball habe ich zu dieser Zeit überhaupt nichts gewusst, nur der Name Red Bull, die ja in Brasilien eine bekannte Akademie haben, war mir ein Begriff. Ich war dann aber von der guten Qualität vieler Spieler hier überrascht. Natürlich gibt es bessere Ligen, aber wenn andere meiner Landsleute (Anm.: Muricy Ramalho anlässlich des Wechsel von Alan von Fluminense zu Red Bull: »Unverständlicher Wechsel in ein Land mit derartig geringer fußballerischer Ausstrahlungskraft«) verächtlich sprechen, muss ich sie korrigieren.
Mit dem Comeback von Alan bei Red Bull Salzburg für manche Beobachter der begabteste Kicker in der Bundesliga wird es wahrscheinlich zu direkten Duellen kommen. Ein besonderes Gefühl, wenn man auch an die Stadtrivalität von Botafogo und Fluminense denkt?
Nein, für mich nicht. Ich habe ihn vorher nicht persönlich gekannt, er ist auch ein bisschen älter als ich. Ich geh in jedes Duell mit den gegnerischen Stürmern, egal ob sie von Mattersburg oder Red Bull kommen, ohne daran zu denken, woher der kommt. Ob ich im Spiel daher jetzt gegen Soriano oder Alan spiele, ist mir eigentlich egal, beide haben ihre Qualitäten und man muss höllisch aufpassen. Aber ein besonderes Gefühl oder Bauchkribbeln, nur weil ich gegen einen anderen »Carioca« (Anm.: Einwohner Rios) spiele, empfinde ich nicht.
Wie viele Berater waren in ihren Transfer nach Europa involviert? Seit wann haben Sie einen oder mehrere Manager?
Ich habe einen Berater, dem ich alles anvertraue. Er hat mich nach Europa gebracht. Auch mit den Transferrechten ist es nicht so, wie es von manchen Medien berichtet wurde. Kapfenberg hat mich von Botafogo gekauft, die anderen Klubs in Europa waren nur Leihgeschäfte. Somit ist Kapfenberg mein alleiniger Besitzer, Rapid hat einen Leihvertrag für diese Saison und kann diesen um ein weiteres Jahr verlängern. Nächsten Monat kommt mein Berater aus Brasilien, der macht mit Rapid alle weiteren Details aus, ich konzentriere mich rein aufs Spiel. Ich bin sehr glücklich bei Rapid, die Fans sind toll, die Mitspieler, das Umfeld passt. Aber natürlich träumt jeder junger Brasilianer in Europa von den großen Ligen wie Deutschland und England.
Was sind die größten Schwierigkeiten, mit denen Sie nach ihrem Wechsel nach Europa konfrontiert waren? Haben Sie die Klubs abseits des Sports ausreichend unterstützt? Wo hätten Sie sich mehr Hilfe erwartet?
Die meiste Hilfe außerhalb der Feldes hab ich hier in Österreich erhalten. Die Leute in Kapfenberg vom Trainer bis zum Zeugwart haben sich wirklich rührend um mich gekümmert. Bei Rapid ist es nicht anders. Was das Spielfeld betrifft, habe ich bei meinen ersten beiden Stationen in Europa auch viele wertvolle Erfahrungen machen können.
Die brasilianische Liga hat in den vergangenen Jahren an Finanzkraft gewonnen. Macht sich das auch für junge Spieler wie Sie und ihre ehemaligen Mitspieler bei Botafogo bemerkbar oder profitieren davon in erster Linie die Stars wie Seedorf, Neymar, Deco und Ze Roberto?
Jeder Bub in Brasilien träumt von der Karriere in Europa, da hat sich nichts geändert. Ich bin sehr zufrieden. Ich genieße das Leben hier, mir geht es gut. Die Spieler, die zurückgehen, haben schon eine Menge hier verdient. Ich möchte im Moment nicht nach Brasilien zurückkehren. Mit 28 oder noch später kann ich es mir dann schon eher vorstellen. Zunächst hier gut verdienen und dann die Karriere zu Hause ausklingen lassen, das wäre mein Plan.
Trotz der fünf Weltmeistertitel wird in Brasilien immer wieder Kritik am Ausbildungssystem laut. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch im brasilianischen Fußball? Was haben Sie während Ihrer Zeit bei Botafogo vermisst?
Ich sehe dieses Problem überhaupt nicht. Wir sind fünfmaliger Weltmeister, haben tausende tolle Talente. Ich habe bei meiner Ausbildung nichts vermisst. Auch wenn wir jetzt erstmalig schon in der Qualifikation zur U20-WM in der Türkei auf der Strecke geblieben sind, ändert das nichts daran. Nicht jedes Mal läuft es perfekt, da sind elf andere, die wollen auch um jeden Preis siegen und gegen uns treten sie doppelt motiviert an. Man muss daher auch mit einer Niederlage umgehen können. Ich denke aber, Brasilien ist auf dem richtigen Weg.
Was halten Sie vom Trainerwechsel von Mano Menezes zu Felipe Scolari? Wird die »Selecao« 2014 den Traum aller Brasilianer vom sechsten WM-Titel, dem Hexacampeao, verwirklichen können?
Über den Trainer zu sprechen, ist schwierig, er spielt schließlich nicht. Es sind immer die Spieler, die für Sieg und Niederlagen verantwortlich sind. »Felipao« hat den Vorteil schon Weltmeister geworden zu sein. Er kennt die Bedingungen, das Umfeld. Mano war da doch noch eher unerfahren. Ich lehne mich jetzt nicht zu weit hinaus und wage keine Prognose, wer Weltmeister werden wird. Es gibt mehrere Kandidaten auf den Titel, wir gehören dazu. Wenn wir es schaffen, freue ich mich natürlich. Wenn nicht, geht die Welt für mich auch nicht unter. Ich habe ja mein Leben jetzt hier in Europa. Wenn es die Zeit erlaubt, möchte ich aber schon im Juni 2014 zu Hause die WM miterleben.
Viele brasilianische Profifußballer stellen ihren Glauben offen zur Schau. Was bedeutet Ihnen Religiosität?
Religion ist für mich die Basis des Lebens. Gott gibt mir Vertrauen, er passt auf mich auf. Ich gehe jetzt natürlich nicht ins Spiel und sage: »Lieber Gott, spiel für mich!« Aber ich bete, dass er mir die Kraft gibt, gut zu spielen, mich vor Verletzungen und Krankheiten bewahrt. Ohne Gott kann ich mir mein Leben nicht vorstellen.
Hat Ihnen Ihr Vater in Erinnerung an den Weltklassespieler vom WM-Team 1970 den Namen Gerson gegeben?
Nein, das war mein Großvater, der hat dann meinen Vater bei der Namenswahl überzeugt. Mein Opa war ein großer Gerson- und Botafogo-Fan und immer im Stadion. Ich selber war nie ein Zuschauer. Im TV schon, aber ins Stadion hätte mich keiner gebracht. Da hab ich viel lieber mit meinen Freunden gekickt. (Foto: SK Rapid/GEPA)

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Rubrik: Aktuell
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