»Ich verstelle mich nicht«

cache/images/article_1514_54thema_da_140.jpg Karl Daxbacher war schon als Spieler ein Teamplayer. Als Trainer setzt er diese Devise fort. Die Meinung der anderen ist dem Austria-Coach wichtig, außer wenn er als Langweiler bezeichnet wird. Streng autoritäres Verhalten lehnt Daxbacher ab, nur bei »faulen Äpfeln« ist Schluss mit der Demokratie.
Radoslaw Zak | 30.07.2010
In jedem Job ist der erste Eindruck, den man hinterlässt, sehr wichtig. Wie präsentieren Sie sich, wenn Sie eine Mannschaft neu übernehmen?
Daxbacher: Zum einen weise ich darauf hin, dass meine Erfolge als Spieler und Trainer nichts zählen und nicht wichtig sind. Genauso gehören aber auch die Verdienste der Spieler der Vergangenheit an, jeder muss sich neu beweisen. So sollte ein Prozess eintreten, in dem das Team zusammenwächst. Damit meine ich die Beziehungen der Spieler zum Trainer und zu den anderen Betreuern. Daraus ergibt sich dann das Gesamtbild eines Teams, das die Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit ist. Nur so kann das Potenzial des Kaders optimal genutzt werden.
Wonach richten Sie sich als neuer Trainer bei der Systemfrage?
Nach den vorhandenen Spielern, weil ich sie nicht total verbiegen will, um meine Pläne durchzuziehen. Natürlich habe ich auch eine Grundvorstellung von einem System, aber ich versuche immer, die Stärken und Schwächen eines jeden Spielers auszuloten und das System danach auszurichten. In Österreich ist es in der Regel nicht möglich, dass sich die Trainer die Akteure für das von ihnen gewünschte System aussuchen können. Das kann man erst im Laufe einer längeren Tätigkeit versuchen.

Lassen Sie sich von anderen in Bereich wie der Taktik dreinreden?
Ich bin offen für Vorschläge und nehme gern Anstöße zur Kenntnis, zum Beispiel aus Diskussionen mit Sportmanager Tommy Parits. Das ist normal in einem Team. Ich mache mir Gedanken über seine Äußerungen und beziehe sie in die Gestaltung der Taktik und der Aufstellung mit ein. Die Verantwortung liegt aber bei mir, schließlich bin ich bei Misserfolg der Schuldige.
Was hat sich am Trainerberuf im Vergleich zu ihrer aktiven Zeit verändert?
Die Anforderungen haben zugenommen, ein Trainer muss heute vielfältig sein, allein durch die hohe Medienpräsenz ist er eine öffentliche Person. Zudem wird die taktische Komponente immer wichtiger. Taktik wurde lange kleingeschrieben, zumindest wenn ich Österreich mit Italien und Spanien vergleiche. Hier haben wir dazu gelernt und sehr große Fortschritte gemacht. Früher sind die Trainer autoritärer gewesen, den Spielern wurde weniger Eigenverantwortung überlassen als heute, ihre Meinung wurde nicht sonderlich akzeptiert.

Haben Sie für einen Spieler ein offenes Ohr, wenn er zu Ihnen kommt, um seine Probleme zu besprechen?
Ich versuche natürlich ausfindig zu machen, wie es bei einem Spieler privat aussieht. Das sind natürlich keine großartigen Gespräche, sie finden meistens auf dem Gang zum Trainingsfeld statt. Wenn ich merke, dass ein Spieler sich massiv in seinem Wesen verändert und ich mit seiner Art, wie er sich in der Mannschaft gibt, nicht einverstanden bin, hole ich ihn zu einem Einzelgespräch in die Kabine. Ich sehe es als einer meiner Aufgaben, mich für die Probleme der Spieler zu interessieren. Das stärkt den Teamgeist und intensiviert die Beziehung zwischen Trainer und Akteur. Das ist mein Zugang. Natürlich kann man das auch anders handhaben, aber ich möchte meiner Mannschaft das Gefühl vermitteln, dass sie mir nicht egal ist.

Wie kommunizieren Sie mit ihren Spielern? Sprechen Sie mehr mit den Jungen oder mit den Führungsspielern?
Grundsätzlich beobachte ich die Charaktere der Spieler. Das geht nicht nach Alter. Manche brauchen mehr Zuwendung als andere. Es gibt ganz unkomplizierte Spieler, die genau wissen, in welche Richtung es geht. Andere sind sensibel und brauchen Zuspruch, was nicht heißt, dass ich sie kritisiere, wenn mir etwas nicht gefällt. Wenn eine Entscheidung für die Mannschaft ansteht, dann beziehe ich eine Art »Ältestenrat« mit ein, der sie mittragen soll.
 
Ist das wichtig, um die Stimmung im Team auszuloten und »Meutereien« vorzubeugen?
Diese Vorbesprechungen gibt es nur, wenn akuter Veränderungsbedarf besteht und ein Umkehrtrend bei Misserfolg nötig ist. Sie sollen die Spieler in die Richtung lenken, die wir gemeinsam festgelegt haben. Diesen Führungsstil finde ich zeitgemäß. Wenn es zu einer Meuterei kommen sollte, muss man sowieso den konsequenten Weg gehen und gewisse Spieler vom Team entfernen. Wenn der demokratische Stil nicht greift, muss der faule Apfel weg. Die anderen Spieler sehen dann, dass es auch sie treffen könnte. Gerade in Zeiten des Misserfolgs muss man eisern durchgreifen. Der demokratische Stil funktioniert nur, wenn es gut läuft.
Muss ein Führungsspieler oder ein Mitglied des Spielerrats Stammspieler sein?
Wenn es um taktische Angelegenheiten geht, ja. Ein Reservist kann aber ein Vorbild für die Jungen sein. Jacek Bak hat seinen Platz nach der kuriosen Elferentscheidung im letzten Derby gegen Rapid verloren und sich sehr professionell verhalten. Er hat Aleksandar Dragovic trotzdem immer wieder zur Seite genommen, ihm Dinge erklärt und auch nach dem Training mit ihm gesprochen. Ein anderer Spieler macht in einer solchen Situation Probleme. Als Anerkennung dafür habe ich ihn zwei Wochen vor Ende der Meisterschaft zum Essen eingeladen.  
Bei welchen Vergehen kommt der Strafkatalog zum Einsatz?
Der Katalog wurde von den Spielern erarbeitet. Sie haben entschieden, was bestraft wird und wie. Gelbe Karten, Verspätungen, nicht aufgepumpte Bälle, WC-Gänge während des Trainings, das alles hat Konsequenzen. Die Geldbeträge kommen in die Mannschaftskasse. Innerhalb des Teams herrscht immer eine gute Stimmung, wenn jemand bestraft wird. Es kommt zu Blödeleien, die meistens mehr weh tun als die Geldstrafe. Bei großen Vergehen greife ich ein und der Verein bestimmt eine Strafe, die nicht publik gemacht wird. Wir versuchen so etwas intern zu regeln.
 
Platzt Ihnen bei mehreren Vergehen hintereinander oder Disziplinlosigkeiten wie kontinuierlichem Zuspätkommen der Kragen?
Schon, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Bei provokantem Verhalten wie absichtlichem Zuspätkommen wäre eine Degradierung in die zweite Mannschaft oder ein Rausschmiss für mich unabwendbar. In so einem Fall hätte ich auch die vollste Unterstützung des Vereins.  

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen ein Spieler bei der Auswechselung den Handshake verweigert?
In dem Moment erst einmal gar nicht, es ist mir auch egal. Auf etwaiges Fehlverhalten weise ich erst in den folgenden Tagen bei Mannschaftsbesprechungen hin.
 
Wieso handeln Sie verzögert?
Wenn ich nach einer empfindlichen Niederlage sofort reagieren würde, käme nichts Gescheites heraus, weil die Entscheidung zu emotional wäre. Ich würde überreagieren und das könnte ich später bereuen. Analysen gibt es nicht sofort nach dem Spiel, weil sie nicht mit der nötigen Distanz durchgeführt werden. Meine Devise lautet Abwarten. Mit ein bisschen Abstand ist man kritikfähiger.
Wie oft funktioniert die Devise nicht?
Sehr selten. Zwei Mal im Jahr breche ich aus. Es gibt immer wieder Spiele, wo ich das Gefühl habe, dass ich den Spielern in den Arsch treten muss und scharfe Worte in der Halbzeitpause oder am nächsten Tag bei der Spielanalyse angebracht sind.
Warum fährt man in ein Trainingslager? Könnte die Mannschaft nicht auch hier bleiben?
Im Prinzip könnten wir natürlich in Wien bleiben, am Vormittag und am Nachmittag trainieren, und der Verein würde sich Geld ersparen. Durch die Spielerwechsel kommt es in einer Mannschaft aber unbewusst und ungesteuert zu einem gewissen Teambuilding. Und auf einem Trainingslager kann man konzentriert arbeiten, weil die Spieler nicht abgelenkt werden.

Erlauben Sie den Spielern im Trainingslager, das ein oder andere Bier zu trinken?
Wenn sie mich fragen, gibt es auch Bier. Das kommt aber sehr selten vor. Einmal bin ich gefragt worden, ob sie länger fortgehen dürfen. Ich habe es ihnen erlaubt und sie sind alle um 1:00 Uhr zurückgekommen. Früher war Zechtouren absolut verpönt, sie sind aber trotzdem vorgekommen. Die Spieler waren bis in die Früh weg und haben auf den Zimmern getrunken. So etwas kommt heute viel seltener vor. Alles, was verboten ist, erhöht den Reiz. Gegenüber meiner Zeit sind die Spieler viel professioneller. Weder ist früher besser gelebt, noch gespielt worden. Im Fußball leben noch viele in der Vergangenheit und glorifizieren sie.

Manche Kritiker werfen Ihnen vor, langweilig zu sein. Warum stellen sie sich nicht vor jede Kamera?
Dem einen gefällt meine ordentliche und korrekte Art der Jobausübung. Andere denken, dass man als Trainer irgendwas darstellen muss. Ich gebe mich so wie ich bin und verstelle mich nicht. Damit fahre ich meiner Meinung nach am besten. Ich würde mich nie über die Mannschaft stellen und ihren Verdienst als den meinigen ausgeben. Manche sagen deswegen, ich wäre zu bescheiden, aber ich sehe Bescheidenheit nicht als Fehler. Vielleicht wird es ja noch was dauern, bis man meine Qualitäten geschätzt werden.

Weshalb?
Als Spieler war ich ein totaler Teamplayer. Den Leuten ist auch erst spät bewusst geworden, welche Anteile ich an den Erfolgen der Austria hatte. Vielleicht ist es in der heutigen Zeit notwendig, ein Entertainer zu sein. Das ist aber nicht meine Art.
Sind menschlich enttäuscht, dass Rubin Okotie die Austria verlassen hat?
Nein. Man muss zwei Standpunkte sehen, den des Klubs und den des Spielers. Sein Ziel war immer ganz nach oben zu kommen und er ist sehr überzeugt von sich. Die Austria hätte vielleicht früher versuchen sollen, seinen Vertrag zu verlängern. Ich kann die Beweggründe von Spielern verstehen, sie werden von Managern gelenkt. Die Fans verstehen so etwas natürlich nicht, weil wir viel versucht haben, um ihm einen weiteren Aufenthalt schmackhaft zu machen.

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Rubrik: Aktuell
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