»Ich will ein Istanbuler Derby pfeifen!«

cache/images/article_1330_melike2_140.jpg Die 25-jährige Melike Güney ist Schiedsrichterin. Im Café der Istanbuler Kadir Has Universität erzählte sie dem ballesterer von ihren Erfahrungen und Träumen.
Klaus Federmair | 29.12.2009
ballesterer: Bei jedem Eckball werden mehrere elferverdächtige Fouls gemacht. Ein Schiedsrichter hat unlängst gemeint: »Wenn jedes Foul konsequent gepfiffen würde, würden diese kleinen Fouls schnell verschwinden, weil sich die Spieler darauf einstellen.«
Melike Güney: Die Einschätzung kommt mir nicht realistisch vor. Beim Fußball gibt es eben Körperkontakt, da muss ich als Schiedsrichterin auch Fingerspitzengefühl beweisen. Es ist ein Unterschied, ob jemand nur kurz die Hand am Trikot des Gegners hat oder ihn niederreißt.

Warum geben Schiedsrichter, Opfern einer Tätlichkeit nie eine Karte, wenn sie den sterbenden Schwan spielen? Hätte sich zum Beispiel Rivaldo nicht eine Karte verdient, als er bei der WM 2002 von Hakan Ünsal den Ball auf den Oberschenkel bekommen hat und sich danach mit den Händen vorm Gesicht auf dem Boden gekrümmt hat.

Doch, Sie haben schon einen guten Grund, das anzusprechen. Hakan Ünsal hat zu Recht die Rote Karte für die Tätlichkeit bekommen, aber eine Gelbe für das Theater von Rivaldo wäre auch gerechtfertigt gewesen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Schiedsrichterin zu werden?
Mein Onkel war Schiedsrichter in der Süperlig und ich war als Fußballfan selbst sehr oft in Istanbul im Stadion. Ich bin also schon sehr früh mit Fußball in Kontakt gekommen, ausschlaggebend war dann mein Wunsch, selbst am Spiel mitzuwirken.

Diesen Wunsch haben viele Jugendliche, die wollen dann aber als Spieler oder Spielerin auf dem Rasen stehen.
Ich wollte lieber pfeifen, weil man als Schiedsrichterin das Spiel selbst leitet. Zu spielen, hat mich nie interessiert. Es gibt ja auch viele Fans, die nicht spielen. Außerdem gibt es in Istanbul nur wenige Mädchenteams.

Hat die Schiedsrichtertradition in der Familie einen Einfluss auf Ihren Werdegang gehabt?
Kaum. Mein Vater hat gesagt, ich soll lieber zum Volleyball gehen, vor allem wegen der derben Fußballfans.

War es schwierig, vom Fußballverband als Schiedsrichterin akzeptiert zu werden?
Nein, überhaupt nicht. Der Verband wünscht sich sogar mehr Frauen, aber es gibt in ganz Istanbul nur acht oder neun, die pfeifen.

Sehr viel mehr sind es in einer westeuropäischen Stadt auch nicht.
Wirklich? Ich finde das sehr wenig. Es sollten viel mehr sein.

Wie ist die Stimmung auf einem türkischen Fußballplatz, wenn eine Frau das Spiel leitet?
Wenn mich die Spieler sehen, dann tuscheln sie meistens am Anfang, weil es doch ungewöhnlich ist. Sie verhalten sich letztlich aber meistens sehr korrekt. Es kommt auch vor, dass Fans, die Machosprüche loslassen, von anderen korrigiert werden: »Pass mal auf, was du sagst, da steht eine Frau auf dem Platz!« Insgesamt war ich eher positiv überrascht. Obwohl es immer auch manche gibt, die meinen, dass Männer grundsätzlich besser pfeifen.

Vielleicht sind Sie auch abgehärtet, weil Sie als Fan schlimmere Sachen gehört haben?
Das kann schon sein. Ein Amateurspiel mit 50, 60 Zuschauern ist natürlich etwas anderes als Galatasaray gegen Fenerbahce im vollen Stadion.

Wie erleben Sie ein Derby auf der Tribüne?
Ich verstehe es überhaupt nicht, wenn Fans aggressiv und negativ sind, statt die Mannschaft positiv zu motivieren und anzufeuern. Ich war früher bei einem Fanklub, bei dem es auch einige Frauen gegeben hat, das kann auf aggressive Männer schon eine beruhigende Wirkung haben.

Eine deutsche Fanaktivistin hat sich gegen diese Rolle mit den Worten ausgesprochen: »Wir Frauen wollen keine Blauhelmtruppe für die Männer sein!«
Es geht ja nicht um eine vom Verein verordnete Politik, die die weiblichen Fans dann ausführen müssen. Aber es ist ein Faktum, dass zum Beispiel bei Fenerbahce, wo etwas mehr Frauen im Publikum sind, die Stimmung weniger aggressiv und familienfreundlicher ist.

Wie sieht es mit Ihren Karriereaussichten als Schiedsrichterin aus?
Ich pfeife jetzt bis hinauf zur »Superamateurliga« und bewerbe mich nach dieser Saison für die nächste Stufe, um Spiele in der vierthöchsten Spielklasse leiten zu können. Ich bin einer von ungefähr 400, großteils männlichen, Kandidaten. Die Leistungsbewertungen meiner Spiele sowie eine theoretische und praktische Prüfung entscheiden darüber, ob ich aufsteige.

Spielt es da eine Rolle, dass Sie eine Frau sind?
Nein. Ich muss die Kriterien genauso wie die Männer erfüllen und wir trainieren auch zusammen. Wie gesagt, der Verband würde sich zwar über mehr Frauen freuen, aber es gibt keine Bevorzugung oder Quote.

Was ist Ihr Karriereziel?
Ich möchte unbedingt einmal ein großes Istanbuler Derby leiten. (»Unmöglich!«, entfährt es einem Mann, der vom Nachbartisch aus unserem Gespräch lauscht.) Wenn ich eines sehe, stelle ich mir oft vor, dass ich Schiedsrichterin bin und überlege, wo ich mich hinbewegen würde und ob ich genauso entschieden hätte.

Ich komme jedenfalls zu Ihrem ersten Derby und hoffe, wieder ein Interview zu bekommen.
(lacht) Gut, ich besorge Ihnen eine Eintrittskarte, wenn es soweit ist. Beim ersten Derby wird ziemlich viel los sein, da herrscht ja immer ein großer Medienrummel. Der Verband versucht allerdings, die Schiedsrichter ein bisschen von den Medien abzuschirmen. An dem Tag werde ich aber sicher nicht wie normal in den Bus steigen können, weil mich sofort alle erkennen werden.


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Rubrik: Aktuell
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