»Ihr habt ja überhaupt keine Ahnung«

cache/images/article_1371_50ueberste_140.jpg Das St.-Pauli-Fanzine Der Übersteiger kann auf eine 17-jährige Geschichte und zahlreiche erfolgreiche Kämpfe für Fananliegen zurückblicken. Wie Stadionneubauten und Plastikgeld verhindert wurden, beschreibt Redakteur Mathias Radowski im Interview, das sich in einer kürzeren Version auch in der aktuellen ballesterer-Ausgabe findet, ebenso wie den Fluch der »Pauli-Party«.
ballesterer: Für welche Zielgruppe wird der »Übersteiger« geschrieben?
Mathias Radowski: Er ist primär auf die St. Pauli-Fans zugeschnitten, die ins Stadion gehen und sich für die Fanszene interessieren. Aber auch auf die Offiziellen unseres Vereins und auf die Fans anderer Vereine, deren Fanzines wir ja auch lesen. Wir wollen kritische Berichterstattung bieten und Informationen bringen, die die Fans im Stadion wirkliche interessieren. Und das sind nicht die Dinge, die dir der Kicker oder die Sportschau liefern.

Wie entsteht ein Übersteiger?
Wie jedes Fanzine total chaotisch. Es gibt eine Person, die eine Artikelliste erstellt und den Leuten Aufgaben zuteilt, an die sich niemand hält. In den wöchentlichen Redaktionssitzungen entscheiden wir basisdemokratisch, welche Themen wir behandeln. Aber im Prinzip kann jeder sein Ding machen, seine Meinung äußern oder sich selbsttherapeutisch seinen Frust oder seine Freude von der Seele schreiben. Es gibt einen gewissen Grundkonsens und dann werden die Artikel intern rumgeschickt und besprochen. Alles läuft ohne Druck, Sanktionen oder starre Vorgaben ab, wir haben auch keinen Chefredakteur und keine fixen Hierarchien.

Warum hat der Übersteiger nicht das Schicksal anderer Fanzines erlitten, und ist eingestellt worden?
Der Übersteiger hat schon viele Tiefs überstanden. In einer Ausgabe ist sogar schon gestanden »Gratuliere, ihr habt den letzten Übersteiger in der Hand.« Aber wir werden immer noch gekauft. Die letzten drei Ausgaben waren bei der hohen Auflage von 5.000 Stück ausverkauft. Wir hatten bereits 1995 unsere eigene Homepage, betreiben einen Blog und sind auf Twitter und Facebook vertreten. Aber das ist alles nur als Unterstützung zum Heft gedacht.

Auf welche Bereiche des Vereinslebens konnte Der Übersteiger Einfluss nehmen?
Wir haben immer wieder über Stadionumbaupläne berichtet, oft vor den traditionellen Medien, die das zwei Wochen später als »weltexklusiv« verkauft haben. Es gab Ideen, die aus gutem Grund unterm Tisch gehalten wurden, und wir haben sie veröffentlicht, und irgendwann waren sie dann tot, weil sie für die Fanszene nicht tragbar gewesen wären. Den Versuch, eine Plastikwährung namens »Millerntaler« einzuführen, haben wir so weit ins Lächerliche gezogen, dass sich keiner mehr an das Thema herangetraut hat.

Kann das außerhalb einer so stark politischen Fanszene wie St. Pauli auch funktionieren?
Ich würde die Fanszene gar nicht so sehen. Es wirkt nach außen immer ein bisschen aktiver, aber eigentlich sind es immer die gleichen 30 Leute die was machen. Durch den sogenannten Kultfaktor hat St. Pauli auch das Problem, dass es sehr viele unkritische Fans gibt, die einfach unterhalten werden wollen, so nach dem Motto: »Hauptsache kiffen, und das Bier läuft.« Intern nennen wir das »Pauli-Party«. Das bringt auch ein ernstes Alkoholproblem mich sich. Alleine in der laufenden Saison sind schon zwei Leute stockbesoffen von den Tribünen gefallen. Dieser Mythos vom kritischen St.-Pauli-Fan trifft also leider nicht auf den Großteil der 19.000 im Stadion zu. Das Problem hat sich in den letzten zehn Jahren nicht zuletzt durch den Einfluss der Medien, die uns ja gerne als »Freudenhaus der Liga« bezeichnen, verschärft. Wir thematisieren das auch im Übersteiger, aber es ist sehr schwer, diese Leute zu erreichen. Und diejenigen, die uns lesen, sehen das sowieso genauso. Die Frage ist, ob die viel zitierten Selbstreinigungskräfte der Kurve einmal greifen.

Wie ist das Standing des Übersteiger bei der Vereinsführung und bei Präsident Corny Littmann?
Wir zitieren ihn in unserem Impressum mit dem Satz: »Ihr habt ja überhaupt keine Ahnung.« Der Übersteiger hat im Kampf Aufsichtsrat gegen Präsidium vor zwei Jahren ganz klar Position bezogen. Ich verkaufe das Heft immer direkt am VIP-Eingang und Littmann ignoriert mich komplett. Für ihn sind wir wohl immer noch die »linksradikalen Ignoranten«. Wir werden aber im Fanshop verkauft und zehn Exemplare liegen in der Geschäftsstelle auf. So verhasst sind wir also doch nicht, eher der kritische Begleiter.

Wie ist das Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Fangruppen, welche sind involviert?
Der Ursprung des Übersteiger ist die Gegengerade, aber es sind von allen Teilen des Stadions Leute dabei. Es gibt dieses Klischee, dass auf der Süd die Ultras hüpfen, auf der Gegengerade die Studenten trinken und auf der Nord alles säuft, was über 40 ist. Der Übersteiger ist da ein verbindendes Element der verschiedenen Stadionbereiche. Als solches müssen wir auch sehr sensibel sein. Einmal haben wir zum Beispiel einen Artikel zu Gewalt bei Fußballspielen völlig in den Sand gesetzt. Der Artikel ist schon beim Schreiben stark diskutiert und 15 mal herumgeschickt und geändert worden. Ein Kollege hat als Gag Anspielungen auf einzelne Fangruppen eingebaut und das ist leider abgedruckt worden. Das war die falsche Vorgehensweise und auch inhaltlicher Blödsinn, was natürlich für Verstimmungen in der Fanszene gesorgt und einzelnen Fangruppen einen komplett unverdienten Ruf verschafft hat. Dieser Text wurde dann zum schlechtesten Artikel des Jahres gewählt.

Wie finanziert sich Der Übersteiger? Beim durchblättern ist uns aufgefallen, dass ihr auch Inserate schaltet..
Ja, wir sind auf die Anzeigen angewiesen. Bei einem komplett werbefreien Heft würden wir ein kleines Minus machen. Der Verein wollte vor rund einem dreiviertel Jahr vorschreiben, dass am Vereinsgelände nur Publikationen verkauft werden dürfen, in denen ausschließlich Vereinssponsoren inserieren. Wir sind dagegen auf die Barrikaden gegangen und der Verein hat sich letztendlich nicht getraut, uns von dem Stadiongelände zu verweisen. Für uns wäre so eine Regelung fatal gewesen, weil wir die Sponsoren brauchen, bei uns gibt es ja auch keine Honorare oder Fahrtkostenersatz. Wir rechnen einmal im Jahr nach und wenn wir Geld auf der Seite haben, machen wir etwas Besonderes, wie zum Beispiel das Millerntaler-Heft. Dafür haben wir einzelne Poker-Chips gekauft, beklebt und dem Heft beigelegt. Trotz Kosten von über zwei Euro haben wir das Exemplar um 1,60 verkauft. Sonst fließt das Geld in Anwaltskosten, wenn wir verklagt werden, oder in die Unterstützung von Fanprojekten.

Es gibt die These, dass Fanzines hauptsächlich von älteren Leute gemacht werden, die sich zurückziehen und trotzdem Deutungsmacht über die Kurve haben wollen. Trifft diese Aussage auf den Übersteiger zu?
Zum Großteil sind sowohl die Leser als auch die Redakteure älter. Da sind immer noch Leute dabei, die in den 90ern die Fanzine-Bewegung mitaufgebaut haben. Richtig aufgefallen ist uns das, als wir eine Zeit lang das Problem gehabt haben, Auswärtsberichte hinzukriegen, weil einige Leute nicht mehr jedes Mal dabei waren. Im Grunde stimmt die Aussage, der Begriff der Macht ist mir allerdings zu hoch gegriffen. Ich würde es eher als »sich mitteilen wollen« bezeichnen.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png