Mattersburger Partizan

cache/images/article_1209_naumoski_140.jpg Für die meisten Fans außerhalb von Mattersburg war Ilco Naumoski ein rotes Tuch. Nach dem Abstieg verlässt er die Burgenländer. Im Interview mit dem ballesterer sprach der mazedonische Heißsporn im April 2009 über sein Verhältnis zu den Rapid-Fans, Gänsehaut im Ali Sami Yen und erzählte, warum er sein Geld lieber für Partizan Belgrad ausgibt als in Wiener Discos.
ballesterer: Du spielst seit vier Jahren in Mattersburg. Was ist das Besondere an diesem Verein?

Ilco Naumoski: Hier ist alles sehr familiär. Ich werde dem Klub und Martin Pucher immer treu bleiben. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Auf der anderen Seite habe ich dem Verein schon sehr viel zurückgegeben, ich habe ihn zweimal ins Cupfinale gebracht. Für so einen kleinen Ort ist das Erreichen des Finales sehr viel.

 

Wie bist du nach Mattersburg gekommen?

Das hat sich so ergeben. Martin Pucher habe ich ja schon gekannt. Als ich noch in Klingenbach gespielt habe, wollte ich schon hierherkommen. Aber ich hatte auch ein Angebot vom GAK, und jeder hat gesagt: Geh zu Mattersburg, da spielst du sicher! Ich wollte aber in die Champions League. Das hat mich gereizt. Pucher hat mir alles Gute gewünscht und gesagt: »Schade, dass es mit uns nichts wird.«

 

Du bist von der Regionalliga zum damaligen Dritten der österreichischen Bundesliga gewechselt. Ein großer Schritt.

Ich war am Anfang nur siebenter Stürmer. Ich unterschrieb für drei Jahre, und auf einmal bringen sie mir noch einen Vertrag. (Sportdirektor Günther, Anm.) Koschak hat gesagt: »Ja, wenn du nicht spielst, dass du bei den Amateuren « »Welche Amateure?«, frage ich. »Ich bin ja nicht für die Amateure gekommen. Dann bleib ich gleich in Klingenbach oder sitze auf der Tribüne.« »Okay«, hat er gesagt, »dann streich ich das alles durch.«

 

Wie hast du dich beim GAK durchgesetzt?

Ich habe einen Monat trainiert und wurde besser und besser. Nach einem Monat sagt Koschak: »Wir müssen den Vertrag auflösen. Klingenbach will Geld, du musst zurück.« Ich hatte schon gepackt, und auf einmal sagt er: »Nein, bleib doch noch!« Das war so ein Kuddelmuddel intern. Ich habe kein einziges Freundschaftsspiel gespielt, nur trainiert. Ich habe nur gedacht, bist deppert, die Zeit wird knapp mit der Champions League (lacht).

 

Wie bewertest du deine Zeit in Graz?

Graz war super, wirklich. Die Stadt und die Fans hab ich sehr gemocht. Das Problem war Toni Ehmann. Im Nachhinein hat Toni Ehmann Schachner rausgehaut. Schachner hat ihn zum Kapitän gemacht, zum Nationalspieler. Aber sobald es hart auf hart gekommen ist, hat Ehmann ihm den Rücken zugedreht.

 

Hat Ehmann so viel zu sagen gehabt?

Am Anfang nicht. Ich komme zum ersten Training, er sagt: »Trag das Tor!« Wenn Bazina oder Tokic das sagt, okay, Respekt. Aber so? Ich sage: »Kannst es selber tragen, oder deine Mutter soll es tragen, du Volltrottel. « Früher war ich ein bissl (deutet Verrücktheit an). Im Cupfinale 2004 gegen die Austria mache ich ein Foul an der Mittellinie. Dann kommt der Aufhauser zu mir und fragt: »Was ist mit dir? Du spielst ja für die Austria, nicht für uns.« Aber ich wollte nichts tun, denn wenn ich vor der Kamera etwas mache, heißt es wieder: Schau, der Naumoski , der Trottel, zuckt wieder aus.

 

Die Mitspieler haben sich nicht eingemischt?
Die Mitspieler? Dmitrovic, Bazina, Tokic, Milinkovic - das waren zur Hälfte Jugos dort, die waren alle auf meiner Seite.

2004 hast du dann den Sprung ins Ausland gewagt. Wie ist es dazu gekommen?
Ich hatte einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Aber ich musste weg. Schachner hat zu mir gesagt: »Komm, mach eine Pause!« Dann bin ich in die Türkei zu Malatya gegangen. Eigentlich war ich in Brescia, einen Monat lang. Doch ich war verletzt. Aber die Türken sind verrückt, weißt du? Wenn du Nationalspieler bist, sagen sie: »Kein Problem, Vertrag, sofort!«

Wie sind deine Eindrücke vom türkischen Fußball?
Die türkische Liga ist sehr stark. Malatya war damals immer Vierter, Fünfter. Das ist ein Erfolg, denn vor Trabzon, Besiktas, Fener, und Gala kommst du sowieso nicht. Ich habe am Anfang zwei Monate nicht trainiert. Dann das erste Spiel gegen Galatasaray auswärts. Ali Sami Yen, das Stadion bebt. Unglaublich. Du gehst durch einen Tunnel, oben ist die Tribüne. Du kommst rauf, und es ist wie im Film. Alle stehen auf und schreien wie Indianer. Du kommst aus der Erde, auf einmal bist du im Paradies. Dieses Stadion ist ein Wahnsinn. Gänsehaut, natürlich.
Warum hat es dann im Endeffekt nicht funktioniert?
Ich war sechs Monate dort. Aber dann wollte ich diese Quarantäne nicht mehr. Du hast dort kein Zuhause. Du musst immer ins Camp und trainierst. Ohne Freunde. Und ich bin in Wien aufgewachsen, Ottakringer Straße. Links, rechts, oben, unten, Passage, Volksgarten ... Damals war ich noch jung. Also bin ich nach Graz zurückgekommen. Und Schachner hat mir empfohlen, nach Catania zu gehen.

Wie ist es in Italien gelaufen?
Ich habe Probleme mit den Bauchmuskeln gehabt und konnte nicht voll trainieren. Dann sagt der Trainer: »Du musst morgen spielen!« Und gleich mit der Nummer zehn. Ich gehe vor dem Spiel hinaus, mache die Vorbereitung, und auf einmal sagt der Sportdirektor: »Komm her, du musst wieder rein. Der GAK hat noch immer keine Freigabe gegeben.« Sie haben sich eine Summe ausgemacht und wollten auf einmal das Doppelte, weil sie damals nicht viel Geld gehabt haben. Nächstes Spiel: »Leider noch immer nicht.« Das hat sich drei Monate gezogen, ich habe offiziell kein einziges Spiel gemacht. Und auch kein Geld verdient. Das hätte ich vom GAK bekommen müssen. Dann bin ich zu Mattersburg gekommen.
Als welchen Spielertyp würdest du dich selbst charakterisieren?
Für meine Größe habe ich sehr viel Technik. Am Balkan sind wir alle mit dem technischen Spiel aufgewachsen. Schachner hat damals zu mir gesagt, dass ich der Beste in Europa bin, was das Ballhalten angeht. Laut ihm habe ich einfach diese Stellung, das kann man nicht lernen. Und das habe ich auch in den Länderspielen mit Mazedonien gegen England und Holland gemerkt, als die Weltklassespieler Probleme mit mir hatten. Wenn ich fünfmal den Ball halte und der Rio Ferdinand nicht drankommt, denke ich mir: Du kannst schon was!
Was würdest du an dir selbst noch verbessern? Wo liegen deine Defizite?
Ich muss mich ein wenig verbessern, wenn es um meine Emotion geht. Wenn ich merke, dass mich jemand verarscht, halte ich das nicht aus. Und es gibt Schiedsrichter, die ab der ersten Minute gegen mich sind. Die würden mir am liebsten schon beim Handshake eine Gelbe geben. Nehmen wir das Spiel gegen Salzburg im Herbst: Wir führen 2:1, es gibt ein Foul an mir, und der Stuchlik gibt mir die Rote Karte. Das war ein klarer Elfmeter, und er lacht mich nur aus. Das geht einfach nicht. Wir spielen, wir laufen und trainieren wie die Deppen, und dann so etwas. Natürlich ist er auch nur ein Mensch, aber es kann nicht sein, dass dieser eine Mensch in einem Spiel zehn Fehler macht.

Also richten die Schiedsrichter generell besonderes Augenmerk auf Ilco Naumoski?
Jetzt schon, aber ich bin stolz, dass ich so ein Typ bin. Ich lebe für den Fußball, und ich kann nicht verlieren.
Spiegelt sich dein Temperament auch in den Leistungen auf dem Platz wider? Spielst du besser, wenn du dich aufregst?
Na ja, einerseits geht im Spiel alles so schnell, dass man darüber nicht nachdenkt, aber andererseits hilft mir mein Temperament oft, mich noch mehr zu pushen.
Wie reagierst du auf Provokationen von Seiten der Fans, zum Beispiel bei Rapid?
Also, ich bin von Geburt an Rapid-Fan. Ich bin überall hingefahren. Aber ich meine, ein Andreas Dober, österreichischer Nationalspieler. Wie soll ich für ihn sein? Er hat nichts verloren in der Bundesliga. So hart es klingt. Die Rapid-Fans waren früher auch anders. Jetzt versuchen sie, alles zu kopieren, was sie im Internet sehen. Aber das geht nicht. Wir sind hier in Österreich. Sie versuchen, so zu sein wie die Catania-Fans, aber das funktioniert nicht, weil sie das Temperament nicht haben. Am allerwenigsten können sie sein wie Partizan- oder Roter-Stern-Fans. Ich gebe zu, dass sie in Österreich die beste Stimmung machen. Aber ich gebe jedem eine Freikarte für das Belgrader Derby, dort können sie richtige Stimmung erleben. Ich werde von ihnen beschimpft, obwohl ich elf Jahre im Rapid-Nachwuchs gespielt habe. Das habe ich nicht verdient. Da werde ich noch verrückter.

Du bist ja auch bekannt dafür, dass du die gegnerischen Fans gern ein bisschen provozierst.
Jetzt stell dir einmal vor, du kommst aufs Feld, und die beschimpfen deine Mutter. Was soll ich denn sagen? Super? Ich bin einfach nicht der Typ dafür, und wenn ich ein Tor mache, dann reize ich sie auch. Geben und nehmen.

Bist du auf dem Platz ein anderer Typ als privat?
Am Platz will ich gewinnen, koste es, was es wolle. Ich werde alles dafür tun, dass Mattersburg oben bleibt. Das bin ich ihnen schuldig. Abseits des Platzes ist es so: Wenn du mich einmal respektierst, bin ich zehnmal besser zu dir. Aber wenn du mich einmal verarschst, bin ich hundertmal schlechter zu dir. Dann brauchst du mich auch nicht mehr grüßen oder versuchen, dich einzuschleimen. So einer bin ich. Verstehst du, was ich meine?

Wenn morgen Red Bull mit einem sensationellen Angebot lockt, wirst du dann weich?
Auf gar keinen Fall. Das gebe ich dir gern auch schriftlich. Geld ist mir zwar nicht egal, so ehrlich muss ich sein, aber es ist auch nicht alles. Ich habe in meinem Leben sehr viel Geld für Blödsinn ausgegeben. Als Junger geht man in die Disco und gibt alles aus, was man verdient, hat zwölf Frauengleichzeitig. Wir Jugos haben es da schwer mit unserem Temperament. Aber so bin ich nicht mehr. Ich habe das nicht mehr nötig. Heute gehe ich mit meiner Freundin lieber schön essen.

Du hast es bisher auf 25 Länderspiele für Mazedonien gebracht. Was bedeutet es für dich, für dein Heimatland aufzulaufen?
Ich bekomme jetzt Gänsehaut, wenn ich daran denke. Die Leute leben den Fußball. Wenn wir uns für die WM qualifizieren, feiern zwei Millionen Leute.

Fährst du nur für die Länderspiele nach Mazedonien?
So oft wie möglich. Ich habe aber auch das Belgrader Derby nicht verpasst. Das ist heilig bei uns. Ich bin ein riesiger Partizan-Fan. Dieser Klub ist im Herzen, den mag ich mehr als die Familie. Alles dreht sich bei uns um Partizan. Da gibt's nix anderes.
Würde es dich reizen, zu Partizan zu wechseln?
Ich hatte ein Angebot. Partizan ist der reichste Klub auf dem Balkan. Sie haben gesagt: »Komm! Du kriegst alles, was du willst.« Aber ich bin in Österreich. Was soll ich in Jugoslawien? Der Verein ist super, aber er spielt nur zweimal im Jahr gegen Roter Stern. Die anderen Spiele sind, wie wenn du hier gegen Klingenbach spielst. Das Derby ist ein Wahnsinn, 70.000, aber das sind zwei Spiele im Jahr. In der Liga gibt es viele Manager, viele Mafia-Leute. Das ist gefährlich. Die Spieler werden immer über die Mafia verkauft, wurscht, ob sie gut sind. Ich denke mir, ich bin in Österreich. Jeder unten will herauf in den Westen. Ich hätte vielleicht auch bei Partizan gespielt und Tore gemacht, aber das ist alles Vermutung.

Ist das Ausland noch ein Thema?
Ein Auslandswechsel ist immer ein Thema, obwohl ich ohne meinen Freund Martin Pucher nichts entscheide. Also entweder Mattersburg oder ins Ausland. In Österreich sonst nirgends mehr.


Referenzen:

Heft: 42
Rubrik: Spielfeld
Thema: Bundesliga
Verein: SV Mattersburg
ballesterer # 121

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