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Im Land der Widersprüche

cache/images/article_2299_bg-20140615-01_140.jpg WM-BLOG In Salvador steht mit der Partie Deutschland gegen Portugal heute das zweite Spiel auf dem Programm. Auf den Straßen, Stränden und Plätzen der Stadt hat unsere Berichterstatterin keine Proteste erlebt, sondern Feierstimmung.
Nicole Selmer aus Salvador | 16.06.2014

Der Sonntagmorgen am Strand von Patamares in Salvador ist so voller Brasilienklischees, dass es schon an Peinlichkeit grenzt: Jungs und Männer in National- und Klubtrikots kicken im dunstigen Sonnenlicht. Im feuchten Sand liegen Blumen und Obst als Opfergaben an Yemanja, die Meeresgöttin des afrobrasilianischen Candomble. Auf dem kleinen Grünstreifen oberhalb des Strandes wird um sieben Uhr in der Früh eine improvisierte Party mit Campingstühlen und Kühlbox gefeiert, ein schwarzer Junge schlägt die Trommel. Dazu das Rauschen der Wellen und der Autos, die auf der Küstenstraße vorbeifahren.

 

Aber die Klischees tragen nicht allzu weit: Die Trommel ist ein großer Block Styropor und auf der anderen Seite der Küstenstraße warten um sieben Uhr morgens mehrere Menschen auf den Bus, der sie Richtung Innenstadt bringt - vermutlich zu einem der zahlreichen Jobs, denen man als Brasilianer auch am Sonntag nachgeht, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die Preise für Lebensmittel, Kleidung und Transport liegen zumindest zu Weltmeisterschaftszeiten nur knapp unter dem westeuropäischen Niveau. Wie das geht? Es geht eben nicht, daher ja die zahlreichen Proteste im Vorfeld der WM.


Wohlgemerkt, im Vorfeld. Denn in Salvador ist mit Beginn des Turniers wenig zu sehen von unzufriedenen Bürgerinnen und Bürgern und Protesten gegen die WM. Die FIFA-Schilder, die die Zufahrtsstraßen zur Arena Fonte Nova flankieren, mögen aus Angst vor sofortiger Zerstörung erst in letzter Minute angebracht worden sein, aber die Sorge scheint unnötig. Auch in der Favela in der Nähe des Stadions ist eine Treppe grün-gelb bemalt und mit Wimpeln geschmückt - vermutlich nicht das Werk der FIFA-Marketingabteilung.

 

In der Altstadt Salvadors herrscht am Tag vor dem Gruppenspiel zwischen Deutschland und Portugal beste WM-Stimmung. Auf den Plätzen und in den Gassen wird schon einmal das vorgezogene Sao Joao, also das Johannisfest, gefeiert. Die zahlreichen deutschen Fans, die schon einen Tag vor dem Spiel in der Stadt sind, sind voller Begeisterung für die WM im vermeintlichen Land des Fußballs. Das war noch vor einigen Wochen nicht unbedingt zu erwarten.


Nach ein paar Tagen im Land verstehen zu wollen, was Brasilien ausmacht, ist vermutlich ein sinnloses Unterfangen. Ständige Widersprüche - das ist jedoch eine der ersten Antworten, die sich aufdrängt. In Salvador stehen neue Hochhäuser direkt neben Armensiedlungen und den historischen Gebäuden im teils reichlich abgewracktem Kolonialstil. Die Frauen auf dem Marktplatz, die in ausladenden farbigen Trachten die afrobrasilianische Tradition verkörpern, telefonieren mit Handys, die sie anschließend ins Dekolleté schieben. Ein Mann in indigener Kleidung, mit Federschmuck und weißer Bemalung auf der nackten Brust schlendert über den Platz und bietet den WM-Touristen an, sie ebenfalls zu bemalen. Er trägt eine Sonnenbrille und über der Schulter einen Nike-Rucksack. Armut und Reichtum, Vergangenheit und Gegenwart, WM-Protest und WM-Begeisterung - das liegt in Brasilien sehr nah beieinander.

Foto von Ingo Thiel

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