»Im Match hilft dir dann auch keiner«

cache/images/article_1452_wuk_140.jpg WM-BLOG Rapid-Tormann Raimund Hedl ist heute Gast im ballesterer-WM-Quartier im Wiener WUK. Mittlerweile zur Nummer 1 aufgerückt, verfolgte Hedl die meisten Spiele seiner Karriere aufgrund der Konkurrenz von Michael Konsel, Ladislav Maier und Helge Payer von der Bank. Im ballesterer erklärte er, wie Tormänner ticken und warum die Rolle als Edelreservist nicht undankbar ist.

Jakob Rosenberg | 20.06.2010
ballesterer: Von Tormännern heißt es, sie hätten zumindest ein bisschen Wahnsinn in sich. Wo schlummert der Wahnsinn in Raimund Hedl?
Raimund Hedl: Vielleicht ist ein Grund meiner Stärke, dass ich relativ ruhig bin und das Ganze überlegt angehe. Im Tor musst du dann schon sehr schnell und entscheidungsfreudig sein. Aber Wahnsinn? Wir sind sicher eigen und anders als die restlichen zehn Spieler, aber auch etwas Besonderes.
Warum vermitteln viele Tormänner diesen Eindruck?
Du musst mit deinem Auftreten zeigen, dass du ein Rückhalt bist. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten: Das kann wild sein, damit sich keiner in deine Nähe traut, oder souverän, indem du vermittelst, dass du, egal was der Stürmer macht, es schon vorher weißt.
Wie kommst du mit anderen Torhütern aus?
Ich verstehe mich oft sehr gut mit meinen Tormannkollegen, da gibts eine gemeinsame Wellenlänge. Aber wir sind trotzdem Einzelkämpfer in einem Teamsport, und das macht den Reiz aus. Wir trainieren auch größtenteils alleine mit einem Tormanntrainer. Da kannst du dich wirklich auf dich selbst konzentrieren. Das ist wichtig, weil dir im Match auch keiner hilft.
Heißt das auch, dass die Förderung individueller und dadurch kompletter ist?
Du musst ehrlicher zu dir sein, weil du deine Leistung ganz allein verantworten musst. Wenn du eine Schwäche bemerkst, solltest du schnell daran arbeiten. Als Feldspieler kannst du dich teilweise in der Mannschaft verstecken beziehungsweise kann eine schwache Leistung aufgefangen werden. Wenn deine Schwäche das Kopfballspiel ist, gehst du beim Corner halt nicht mit nach vorne. Als Tormann kannst du nicht sagen, bei den hohen Schüssen gehst du nicht hin. Du musst nahezu komplett sein.
Der Rapid-Homepage kann man entnehmen, dass du Stürmer geworden wärst, wenn es mit dem Torhüter nicht geklappt hätte.
Ja, das ist ein anderer Sport, auch wenn der Ball der gleiche ist. Ich habe auch beide Seiten kennengelernt, weil ich bei Rapid bis zur U15 sowohl im Tor als auch auf dem Feld gespielt habe.
Wieso hast du dich dann für das Tor entschieden?
Einerseits war das Talent da, und dann gibt es ist diesen gewissen Reiz, dem du erliegst. Ich weiß allerdings nicht, wie es ausgegangen wäre, wenn es damals nicht zu diesem Zwischenfall gekommen wäre. Der Trainer hat mich in der Meisterschaft auf dem Feld aufgestellt, weil er gewusst hat, dass er mich ins Tor holen kann, wenn etwas passiert. Nur ist es dann blöd gelaufen. Unser Tormann ist mir beim Corner mit dem Kopf ins Schlüsselbein gesprungen: Er hatte eine Gehirnerschütterung, ich einen Schlüsselbeinbruch und der Trainer keinen Tormann mehr. Aus einem 3:0 zur Halbzeit ist ein 3:4 geworden. Ab dann hat er auf einem Tormann und einen Ersatztormann bestanden. Ich habe mich fürs Tor entschieden und zum Glück durchgesetzt.
Du bist jetzt schon lange Reservetormann bei Rapid. Ist das nicht die undankbarste Position, weil es da kaum Fluktuation gibt?
Ich würde das eher positiv sehen. Tormann sein ist eine große Herausforderung. Als Ersatztormann ist die Herausforderung vielleicht noch größer. Wenn dein Typ gefragt ist, musst du das nötige Selbstvertrauen abfragen können. Wenn ich mich die ganze Woche hängen lassen und dann am Samstag unvorbereitet reinkommen würde, wäre ich wahrscheinlich zu nervös.
Ein Wechsel zu einem kleineren Verein ist für dich keine Option mehr?
Ich lege mir die Latte lieber hoch, vielleicht oft auch zu hoch. Als ich von Mattersburg zurückgekommen bin, wollte ich mit Rapid in der Champions League spielen, und das ist mir gelungen. Ich war bei vielen Erfolgen der letzten Jahre dabei. Wenn auch nicht immer an vorderster Front, habe ich sicher meinen Teil dazu beigetragen.
Du bist mittlerweile der älteste Spieler im Kader. Welche Rolle spielst du für Jüngere, die nachrücken?
Ich gehe das eher aus der passiven Rolle an. Wenn sie Probleme oder Fragen haben, können sie jederzeit zu mir kommen. Wenn du ihnen was aufdrängen willst, nehmen sie es ohnehin nicht an, weil sie es als Bevormundung sehen. Teilweise müssen sie sich die Hörner selbst abstoßen.
Welche Probleme tauchen da auf?
Es gibt verschiedene Ebenen, wo die Älteren helfen können. Für die meisten Jungen ist Rapid ein Aufstieg, und da kannst du sie ermutigen, mehr zu bringen als woanders. Da muss man ihnen teilweise auch in den Hintern treten. Dazu kommen die Aufgaben außerhalb des Platzes und private Dinge: Das geht von Pünktlichkeit über Hilfe beim Wohnungssuchen bis zur Beratung, wenn sie sich irgendetwas kaufen wollen. Es gibt genug, wo du ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen kannst. Ich bin ja vierfacher Vater. Von daher weiß ich, was die Jungen brauchen, die Jüngeren und die ganz Jungen. (lacht)
Kann es zu einem Konflikt zwischen dem eigenen Ehrgeiz und der pädagogischen Rolle kommen? Inwieweit hast du etwa im Vorjahr Verständnis dafür gehabt, dass Peter Pacult den Andreas Lukse eingesetzt hat?
Da geht natürlich der eigene Ehrgeiz vor. Ich war nicht erfreut, weil ich natürlich spielen wollte. Das hat aber nichts mit Pädagogik zu tun. Die Älteren helfen den Spielern am und abseits des Platzes, ihre Leistung zu bringen. Wir fordern aber nicht, wer spielen soll und wer nicht. Das sind Trainerentscheidungen, mit denen wir nichts zu tun haben.
Hast du schon Pläne für die Zeit nach der Karriere?
Ich will spielen, solange es Spaß macht, danach möchte ich dem Sport erhalten bleiben. Wahrscheinlich wird das wieder mit Tormännern zu tun haben, weil ich unglaubwürdig wäre, wenn ich einem Stürmer erzählen würde, welche Gedanken dir durch den Kopf schießen, wenn du vorm Tormann stehst.

 

Vielleicht wäre es gerade für die eine Hilfe, die Perspektive des Keepers zu kennen.
Der Stürmer ist in dem Moment wahrscheinlich so mit sich selbst beschäftigt, dass er sich keine Gedanken darüber macht, was sich der Tormann denkt.
Gilt das auch umgekehrt? Denkst du dir nicht, was der Stürmer machen könnte, sondern nur, wie du am besten reagierst?
Ich denke mir schon, was er machen könnte aber nicht, welche Gedanken er sich macht oder ob er Angst vorm Versagen hat. Natürlich hast du im Kopf, ob das einer ist, der es schön machen und dich überspielen will, einer, der gerne schupft, oder jemand, der mit einem festen Entschluss kommt, den er durchzieht, egal was du machst. Schwierig sind die Stürmer, die alles können. Da bist du allein durchs denken schon verwirrt. (lacht) Vielleicht ist es auch nicht immer so kompliziert und das Einfache das Beste, weil der andere damit rechnet, dass es komplizierter wird.
Geht das Spiel nicht viel zu schnell, um sich diese Gedanken zu machen?
Du hast die Zeit, wenn du genügend Selbstvertrauen hast. Dann kannst du dem Stürmer in Ruhe entgegengehen und ihn spüren lassen, dass du weißt, was er machen will. Wenn du selber nach dem Motto »Ich habe überhaupt keinen Plan, aber zeig mir einmal, was du vorhast« rauskommst, wirds schwierig.
In der kurzen Zeit?
Es kommt einem ewig vor, obwohl die Aktion sehr schnell abläuft. Wenn zum Beispiel ein Tor fällt, weißt du sofort ganz genau, wo und wie die Spieler gestanden sind. Das sind auch die Dinge, die dir nach dem Spiel durch den Kopf gehen. Wahrscheinlich brennt sich das so ein, weil du es sehr intensiv erlebst. Im Spiel ist die Kunst, diese Gedanken nicht zuzulassen und das so schnell wie möglich abzuhaken. Wenn es dein Fehler war, lebst du mal damit, bis du die nächste Chance kriegst, und bist natürlich dementsprechend locker. Da machst du dann drei einfache Pässe, um dir das Selbstvertrauen wieder zurückzuholen.
Der Tormann lebt sehr stark von seinen Vorderleuten. Oft bekommst du das Tor zugeschrieben, obwohl der Fehler eigentlich in der Viererkette passiert.
Von hinten hast du einen ganz anderen Überblick und handelst auch dementsprechend. Im Spiel gegen den HSV hat zum Beispiel der Rost das 3:0 fressen müssen. Vorausgegangen ist dem aber ein Fehler in der Verteidigung. Sie waren in Unterzahl und haben in der Vorwärtsbewegung den Ball verloren. Der Rost hat gesehen, dass Raum für den Pass ins Loch ist, und wollte der Verteidigung helfen, indem er den Schritt heraus gemacht hat. Der Fritz (Christopher Drazan, Anm.) hat das super erkannt und ihm den Ball ins kurze Eck reingeschossen.
Ist das ein mediales Problem, weil die Leute nicht genug vom Stellungsspiel verstehen?
Die Zeitungen werden geschrieben haben, dass es ein Stellungsfehler war. Wenn er den Pass rübergespielt hätte, hätte es geheißen, dass er die Situation schon früh erkannt und super abgewehrt hat. Du beurteilst das anders als die Medien. Du brauchst aber gar nicht anfangen, ihnen das zu erklären. Da machst du dich nur lächerlich, denn es ist und bleibt ein Fehler.
Als Tormann stehst du 45 Minuten vor der gegnerischen Fantribüne und bist der einzige, der nie sieht, was sich darauf abspielt. Machst du dir da gelegentlich auch Sorgen?
Nein, das ist kein Problem. Beim Match selbst bist du so fokussiert, dass du das gar nicht mitkriegst. Ich bin beim Böllerwurf-Derby reingekommen und habe keine Sekunde daran gedacht, dass so etwas wieder passieren könnte. Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn du das ignorierst. Das kann anders sein, wenn das Spiel unterbrochen ist, weil du da nicht so konzentriert bist. Ich habe beim Didulica-Derby im Horr-Stadion gespielt, und da ist es auch ziemlich rundgegangen. Alle Blicke, alle Kameras, der Schiedsrichter, alle schauen auf die andere Seite. Ich stehe unbeobachtet vorm Block, ohne Netz. Da habe ich dann mindestens 100 Feuerzeuge gehabt, Lipgloss, alles fliegt rein.
Inwieweit nimmst du die eigenen Fans wahr? Verstehst du die Sprechchöre, die oft auch Tormännern gewidmet sind?
Bewusst bekommst du das nicht mit, aber du wirst von einer Euphorie sicher mehr getragen, als wenn auswärts einmal nichts los ist. Es ist positiv, du fühlst dich wohl, kennst die Umgebung und hast das Gefühl, dass dir alle helfen wollen, und das trägt dich.

Zur Person: Raimund Hedl (35) ist nach eigenen Angaben ein »richtiger Parkkicker«. Seine Karriere begann er im Fortuna-Park in Wien-Favoriten und beim MAC, nach einem einjährigen Aufenthalt bei Gaswerk/Straßenbahn wechselte er mit zwölf Jahren zu Rapid. Seit 1994 steht er im Profikader des Rekordmeisters. 2001 wechselte er zum LASK, 2002 zu Mattersburg, ehe er 2005 nach Hütteldorf zurückkehrte. Wie viel Parkkicker noch in ihm steckt, bewies Hedl zuletzt beim Wiener Stadthallenturnier 2009. Am ersten Spieltag wurde er als bester Techniker mit dem »Dribblanski« ausgezeichnet.

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