Im Zug der Schande

cache/images/article_1067_rim_140.jpg Vergangenes Wochenende ist auch die Serie A in die neue Saison gestartet. Die Schlagzeilen bestimmten allerdings weniger die durchwachsenen Ergebnisse der Favoriten als der Dauerbrenner »gewaltbereite Fußballfans«. In der austauschbaren Hauptrolle fanden sich dieses Mal die Auswärtsfans des SSC Napoli wieder. Eine Medienkritik eines Rom-Pilgers.
Jakob Rosenberg | 08.09.2008
Aufgrund der Rivalität der beiden Fankurven wurde das Spiel zwischen Roma und Napoli schon vor Anpfiff zum Hochrisikospiel erklärt. Provokationen von beiden Seiten hätten die Stimmung aufgeheizt und wieder einmal musste mit dem Schlimmsten gerechnet werden, hieß es. Trotzdem wurden Auswärtsfans zugelassen. Bereits kurz nach Schlusspfiff überschlugen sich die Meldungen, wonach genau die zu befürchteten Ereignisse eingetreten seien und auch in den nächsten Tagen legte sich die Aufregung kaum. Doch was war eigentlich geschehen?

Auf diese journalistische Grundfrage gaben die Medien keine befriedigende Antwort. Erstaunlich war jedoch die Homogenität der Berichterstattung auf einem scheinbar pluralen Medienmarkt. Die Berichterstattung der Rai glich jener von Mediaset, diejenige der Gazzetta derjenigen des Corriere dello Sport, und auch Leitkommentare im linken Manifesto unterschieden sich kaum von solchen im Corriere della Sera. Auf internationaler Bühne ergab sich ein ähnliches Bild, den Korrespondenten dürften nur die Presseaussendungen der Behörden und Agenturmeldungen vorgelegen sein.

Im Mittelpunkt der Vorwürfe an die Napoli-Fans steht ein Zug der IC Plus 520 mit der Planabfahrt 9.24 Uhr nach Turin. Diesen Zug sollen die Napoletani nach dem Durchbrechen einer Polizeisperre gekapert und sämtliche anständige Ferienheimkehrer zum Aussteigen gezwungen haben. Dem nicht genug, sollen sie vier Schaffner verletzt und den Bahnhof in Neapel beschädigt haben. Auf dem Weg nach Rom sollen sie dem entführten Zug Schäden in der Höhe von 500.000 Euro zugefügt haben. Kaum in Rom angekommen, wurde der dortige Termini-Bahnhof in Angst und Schrecken versetzt. Auch die Kleinbustransporter in Richtung Stadion sollen beschädigt worden sein. Nach vereinzelten Auseinandersetzungen mit Romanisti und einer Messerstecherei wurde Pressemeldungen zufolge der Auswärtssektor quasi ohne Ticketkontrolle gestürmt. Nach Spielende wurde von einem Leuchtraktenbeschuss von Termini durch wartende Roma Fans berichtet. Die Rückfahrt soll den Befürchtungen zum Trotz ruhig verlaufen sein, mithilfe der Polizei wurde auch das Schwarzfahren unterbunden.

In den folgenden Tagen spitzte sich die Berichterstattung auf einzelne Punkte zu und die Suche nach Verantwortlichen rückte ins Zentrum. Kein Pardon kannte die Presse nach den »weichen« Aussagen exponierter Persönlichkeiten, wie des neapolitanischen Polizeichef Antonino Puglisi oder des Napoli-Präsidenten Aurelio de Laurentiis, deren erste Reaktionen auf die Auswärtsfahrt nicht durch reine Beschämung über die Exzesse der Fans geprägt waren. Neben der obligatorischen Schelte für solch mediale Fehltritte, wurde der Täterkreis immer stärker zugespitzt: zunächst auf die Passagiere des »Zugs der Schande«, danach auf einen gewaltbereiten Teil der Fans und schließlich auf die 200 vorbestraften Mitreisenden. Dieselben Personen, die die Proteste gegen die Eröffnung von Mülldeponien geleitet haben sollen, sollen im Auftrag der Camorra auch für die Vandalenakte im Zug verantwortlich gewesen sein.

Insgesamt kann von durchaus massiven Vorwürfen gegen die neapolitanischen Ultras gesprochen werden. Aufgrund der Härte der mutmaßlichen Vergehen, wurden auch massive Strafen gesetzt und die Fans müssen sich jetzt damit abfinden, dass die erste Auswärtsfahrt zugleich die letzte dieser Saison war. Eine komplette Stadionsperre bei Heimspielen wurde abgewendet, schließlich hatte sich sogar Ministerpräsident Silvio Berlusconi für die Öffnung des San Paolo ausgesprochen. Kreativ die Lösung des Strafsenats: bis 31. Oktober werden bei Heimspielen die beiden Fankurven A und B geschlossen. Diese soziale Treffsicherheit ist durchaus konsequent, schließlich werden die vermeintlichen Schwarzfahrer normalerweise nicht auf den Tribünen Platz nehmen. Auch der Verein kam mit einer Strafe von 10.000 Euro recht glimpflich davon. Keinen Zugang gibt es allerdings für jene Fans, die eines der mittlerweile täglich eintreffenden Stadionverbote erhalten haben.

Als Augenzeuge steht man immer vor dem Dilemma nur den unmittelbaren Eindruck einer Situation auffangen zu können, komplexe Problemfelder können so vielleicht nicht immer als solche erkannt oder leicht verklärt werden. Aufgrund der Diskrepanz zur offiziellen Berichterstattung und der unmittelbaren Nähe zum Ort des Geschehens (wiederum im Gegensatz zu den offiziellen Berichterstattern) dennoch im folgenden eine Sicht der Anderen.

Im Mittelpunkt steht abermals der IC Plus 520 nach Turin mit Planabfahrt um 9.24. Richtig ist, dass der Zug nicht ausschließlich für Rom-Reisende reserviert war (die Diskussion darüber, ob die Ferrovie dello Stato nicht einen Fanzug organisieren hätten sollen, würde hier den Rahmen sprengen), dennoch muss erwähnt werden, dass der überwältigende Teil der Napoli-Fans für diesen Tag ein Zugticket nach Rom gelöst hatte und sich mit diesem vor der Polizei-Absperrung anstellte. Weiters kam die Aufforderung zur Suche nach Reisealternativen an Nicht-Fußballfans von Bahn-Mitarbeitern und nicht von den Ultras. Diese wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, ob der Zug überhaupt fahren würde. Napoli Centrale verließ er dann mit mehr als drei Stunden Verspätung und verunmöglichte somit eine rechtzeitige Ankunft in Rom. Die Besetzung mit vermutlich doppelt so vielen Passagieren wie Plätzen und die teilweise abgeschaltete Klimaanlage ermöglichten eine perfekte Viehtransportatmosphäre.

Es stimmt zwar, dass es auf dem Weg nach Rom zu Schäden gekommen ist und mindest eine Toilette und Plexiglas-Scheibe in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ohne Experte für Inneneinrichtung bei Zügen sein zu wollen, wirkt die kolportierte Schadenssumme von 500.000 Euro doch als etwas hoch angesetzt. Auch bei der Ankunft in Rom kann von Chaos und blinder Zerstörungswut keine Rede sein. Ein Blick auf eines der zahlreichen youtube-Videos zum Einzug der neapolitanischen Fans zeigt, dass es sich um eine relativ kurzfristige Störung des Bahnhofbetriebs handelte (alles in allem etwa 10 Minuten). Die Filmaufnahmen legen auch nahe, dass es keine Massenflucht vor den ankommenden Fußballfans gab. Vielmehr garantierten die Zuschauergalerien von Termini eine ausgezeichnete Sicht auf das Spektakel.

Auch die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Fangruppen bzw. mit der Polizei können im Großen und Ganzen als urbi et orbi legends gesehen werden. Schließlich wurde sogar in der Presse eingestanden, dass es sich bei einem verletzten Tifoso nicht um das Opfer einer Messerstecherei handelte, sondern dass sich dieser bei Kletterübungen an einem Zaun verletzt hatte. Nachdem sich die Gewaltexzesse im Endeffekt nur als starke Übertreibungen kleinerer Auseinandersetzungen herausgestellt haben, bleibt eine Frage ungeklärt: welches Motiv soll die Camorra an der Inszenierung derartiger Ereignisse haben? Wer nun vermutet, dass die Zugtoilette zerstört wurde, weil die Bahn ihr Schutzgeld nicht bezahlt hatten, ist in einer Fantasiewelt der Italien-Stereotypen besser aufgehoben.

In der kommenden Ballesterer-Ausgabe (Erstverkaufstag: 7. Oktober) erscheint eine detaillierte Reportage zur Reise der ballesterer-Redakteure nach Rom. Ein Interview mit Chefredakteur Reinhard Krennhuber gibts hier.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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