In Bogota spricht man Portugiesisch

cache/images/article_1691_gabriel_140.jpg U20-WM Das Halbfinale zwischen Brasilien und Mexiko hatte es in sich: zwei offensiv aufspielende Mannschaften, eine durch die Anwesenheit von Joseph Blatter bedingte Etikettenvernichtungsaktion und ein brasilianischen Trainer, der den ballesterer-Reporter mit seinem Goldhändchen erneut in Verzückung versetzt.
Robert Florencio | 18.08.2011
»Jetzt muss ich in drei Tagen Portugiesisch lernen«, höre ich von kolumbianischen Reportern, die sich nach dem 2:0-Sieg Brasiliens über Mexiko noch auf ein Pläuschchen zusammensetzen. Dass es zu einer Wiederholung des Finales von 1991 kommt, das die Portugiesen mit 4:2 im Elferschießen gewannen, war nicht unbedingt zu erwarten. Mit etwas mehr Spielglück hätten ebenso Mexiko und Frankreich ins Endspiel einziehen können. Während das Nachmittagsspiel in Medellin aber vom Spielverlauf und den Chancen her den falschen Sieger gesehen hat, ist die Rechtmäßigkeit des Erfolgs Brasiliens gegen Mexiko viel eher gegeben, auch wenn den Mexikanern ein Torschuss mehr gelungen ist.

Der Taxifahrer auf der Hinfahrt ins Stadion weiß zwar mein Herkunftsland nicht von Australien zu unterscheiden, ist sich aber der Antwort auf meine Frage, wie denn das Spiel ausgehen werde, ganz gewiss: 2:0 für Brasilien. Der gute Mann, der seit Jahrzehnten kein Stadion mehr von innen gesehen hat, sollte damit goldrichtig liegen. Im Pressezentrum herrscht schon so etwas wie Aufbruchstimmung. Die Volunteers machen sich aus, wer sich welche Dekorationen und Schildern mitnehmen darf. Francisco, der Fan des österreichischen Fußballs, freut sich übers ganze Gesicht über den Tipp zum Auslandssemester, den ein aufmerksamer Leser gleich unterhalb meines letzten Blogs gepostet hat. Da er erst 19 ist, überlegt er aber noch, ob er nicht doch lieber auf den Rat seiner Eltern hört und sein Glück erst nach dem Uniabschluss in der weiten Welt sucht.

Da heute der Ansturm der Presse merklich größer ist, vergibt das lokale OK erstmals Platzkarten für die Sitze auf der Pressetribüne. So kommt es, dass ich zufällig wieder genau drei Reihen unterhalb der VIP-Tribüne zu sitzen komme. Wie vor drei Tagen hat neuerlich ein hochrangiger Gast Platz genommen. Statt Mano Menezes ist es diesmal Joseph S. Blatter himself. Da er ja unlängst bei einer Pressekonferenz am FIFA-Sitz in Zürich stolz darauf hingewiesen hat, immer noch Mitglied des Journalistenverbands zu sein, ein Bild mit Symbolcharakter. Von seinem Platz nimmt er quasi die Rolle eines Dirigenten über das unterhalb versammelte Orchester ein.  

Und welch Zufall: Sogleich schwirren einige Volunteers aus und entledigen meine beiden Mineralwasserflaschen ihrer Etiketten. Dabei waren das gar keine selbstmitgebrachten, sondern die aus dem Kühlschrank für die Presseleute zur Verfügung gestellten Gratisgetränke. Welch Pech, dass die Erzeugerfirma des Mineralwassers kein WM-Sponsor ist, da darf das gestrengen Auge des Supreme Leaders of Football natürlich nicht optisch mit einer unerwünschten Etikette beleidigt werden, sollte er denn einmal einen Blick auf die undankbare Meute der schreibenden Bluthunde unter ihm werfen.

Nachdem die Tonanlage dieses Mal klaglos funktioniert, steht einem ordnungsgemäßen Ablauf der Veranstaltung nichts im Wege. Überhaupt ist dieses Mal einiges anders als bei den letzten Spielen der Brasilianer. Die Mannen von Ney Franco scheinen den Teamchef nicht schon wieder nach 20 Minuten zum Eingreifen zwingen zu wollen. So flott wie in keinem anderen Spiel zuvor gehen sie es an, ein schnelles Führungstor liegt in der Luft. Doch diesmal sind es die Mexikaner, die sich nach einer halben Stunde aus der Umklammerung des brasilianischen Kombinationsspiels lösen können und gefährliche Aktionen durch Davila und Torres vortragen. Dabei kommt ihnen auch eine kurze Phase der Benommenheit bei Brasiliens Goalie Gabriel zugute, der in der 16. Minute den Fuß von Mexikos Stürmer Erick Torres abbekommt und fortan mit einer Schwellung unterhalb des rechten Auges spielen muss, die ihn rein farblich als Austria-Fan ausweisen würde. In der 62. Minute kann das »Veilchen« aber in höchster Not vor Edson Rivera einen Rückstand verhindern. Mexiko-Coach Chavez meint danach in der Pressekonferenz, dieses mögliche Tor hätte für einen anderen Spielverlauf gesorgt. Seine Mannschaft, die defensiv sehr gut strukturiert gewesen sei, hätte das 1:0 mittels Hinten-Dicht-Machen gegentorlos über die Runden gebracht.

Ney Franco bestätigt auf meine Nachfrage die Wahrscheinlichkeit dieser Hypothese. Auch er hätte bei einem späten Rückstand Angst gehabt, das Spiel zu verlieren. Gekommen ist es allerdings ganz anders. Ein neuerlicher taktischer Meisterzug von Franco, der in der 69. Minute Dudu und Allan bringt und Danilo ins Mittelfeld zurückzieht, zeigt elf Minuten später die erhoffte Wirkung. Die Flanke des ebenfalls eingewechselten sehr quirligen Negueba verwandelt Sturmspitze Henrique zum 1:0. Nur zwei Minuten später ist es dann eine Traumkombination über Danilo, Dudu und eben wieder Henrique, die für den Endstand sorgt. Mit stolzen fünf Treffern ironischerweise genau so vielen wie der samstägige Gegner aus Portugal während des gesamten Turniers erzielt hat ist Henrique auf klarem Kurs in Richtung Torschützenkönig dieser U20-WM.

Die Brasilianer zeigen in den letzten Minuten noch einige schöne Kunststücke ihrer Ballkünste, die das lokale Publikum in Entzücken versetzten. Die 30.000 lassen die »Selecao« mit mehrfachen Olé-Sprechchören hochleben. Ich werde von der Begeisterung angesteckt und twittere nach Abfiff: »Ney, wegen dir werde ich noch gay.« Auf meine Frage, ob schon ein Vergleich mit der legendären 1982er Generation um Socrates, Casagrande, Zico & Co. erlaubt sei, antwortet der Erfolgstrainer bei der PK nüchtern, dafür sei es noch zu früh. Vorrangiges Ziel für seine Burschen müsse es zunächst einmal sein, einen Platz im A-Team zu erobern oder sich zumindest heranzutasten. Beim im Gegensatz zu Vorgänger Dunga experimentierfreudigen Menezes ein realistisches Unterfangen.

Ein neuerlich sehr schöner Fußballabend findet sein Ende. Der ballesterer-Korrespondent verabschiedet sich von Pereira und begibt sich frühmorgens auf eine neunstündige Busfahrt in die 2600 Meter hochgelegene Hauptstadt Bogota, wo er sich standesgemäß in einem Hotel am Parque de los Periodistas (Journalistenpark) im renovierten Altstadtviertel Candelaria einquartiert. Diesem Stadtteil wurde übrigens in der ballesterer-Ausgabe vom Juli mit einem Canchas-Foto vorab die Ehre erwiesen. Somit kann ja eigentlich gar nichts mehr schief gehen

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png