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In Parallel-Brasilien

cache/images/article_2316_img_1655[1]_140.jpg WM-BLOG Die WM findet in einem großen Land statt. Das sagt sich leicht dahin. Wie groß Brasilien tatsächlich ist, merkt man erst, wenn man von Recife nach Porto Alegre reist und das Gefühl hat, man wäre in Hamburg gelandet. (K)ein Wetterbericht. 
Nicole Selmer aus Porto Alegre | 01.07.2014

Die erste Person, die ich sehe, als ich morgens auf die Straße trete, trägt Mütze und Handschuhe. Ich bin in Brasilien. Samba, Strand und Karneval ... Man darf nicht alles glauben, was man im Fernsehen sieht. Ich bin in Parallel-Brasilien. Gummistiefel, Regenjacken und Oktoberfest ... Die genauen Ausmaße von Parallel-Brasilien sind mir noch nicht klar, es kann sich jedoch offenbar bis in den Nordosten nach Recife erstrecken. Dort wären zum Spiel USA gegen Deutschland Gummistiefel in jedem Fall hilfreich gewesen oder auch gleich ein Schlauchboot. Nach stundenlangen Regengüssen standen die Straßen am Spieltag unter Wasser. Die Ausblicke, die wir von der Metro zum Stadion, auf die armen Wohngegenden haben, sind erschütternd. Das Wasser muss dort zwangsläufig auch in die Hütten hineinlaufen, die Chance, dass es im tropischen Klima dort jemals ganz trocken wird, scheint sehr gering. Da aber gerade Regenzeit ist, gehört dieser Zustand zum Alltag und wird von den Menschen, die in den Türen stehen und dem Regen zusehen, relativ gleichmütig hingenommen. Eine überflutete Wellblechhütte ist vermutlich auch nur eine von zahlreichen Schwierigkeiten. Verglichen damit ist die Tatsache, dass die Ordner an der Arena Pernambuco am Einlass die Regenschirme ebenso einkassieren wie später die Fahnen auf den Rängen, eine Randnotiz, im deutschen Fanleben nehmen die regelmäßig abgehängten Banner dennoch einen zentralen Platz im Katalog der WM-Ärgernisse ein. Die Reaktionen darauf beschränkt sich jedoch bisher auf "FIFA raus"-Rufe.


Aber zurück zu Parallel-Brasilien. Natürlich habe ich vorher gewusst, dass Brasilien groß ist. Aber so groß? Von Recife nach Porto Alegre zu fliegen ist, als wäre man plötzlich auf einem anderen Kontinent. Genau genommen ist es, als wäre ich in Hamburg. Zumindest was das Wetter angeht und den Blick vom Fenster auf den See, der eigentlich ein Fluss ist und nicht Alster, sondern Guaíba heißt. Aber sonst ... 16 Grad und Nieselregen, es ist wie zu Hause. Nur dass es dieses Wetter hier nicht im Sommer, sondern im Winter gibt. Auch sonst ist Porto Alegre seltsam europäisch, dank der vor allem italienischen und deutschen Einwanderer, die um 1900 hierherkamen und Pizza, Wein, Wurst, Sauerkraut und Oktoberfest mitbrachten. Für die deutschen Fans, die zum WM-Achtelfinale anreisen, hat sich die Stadt, in der nach diesem Spiel die WM vorbei ist, richtig ins Zeug gelegt. Am Spieltag wurde ein Marsch zum Stadion mit DJ-Bus vorneweg organisiert, vorher ein kleines Fest auf dem zentralen Marktplatz und "Dankeschön" oder "Ah, deutsch" kann ohnehin jeder zweite Verkäufer und Taxifahrer sagen. Das Public Viewing muss während des Spieltags leider zwischendurch schließen. Wegen Wind. Wie gesagt, Parallel-Brasilien. Zum Glück bleibt es vor dem Spiel diesmal trocken, hinterher ist zumindest den deutschen Fans ohnehin alles egal.


Wieder im Hotel sehen wir die Nachberichterstattung im brasilianischen Fernsehen aus dem Studio in Rio - das nächste Reiseziel. Hinter dem WM-Experten Fabio Cannavaro klatscht der Regen an die Scheiben. Aber ich glaube nicht alles, was ich im Fernsehen sehe.

 

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