In Trauer vereint

cache/images/article_1886_kneipe_140.jpg EM-Blog Polens Nationalteam hätte mit dem Aufstieg ins Viertelfinale den größten Erfolg seit 30 Jahren feiern können. Aus einer rauschenden Party ist aber nichts geworden. Immerhin sorgte das geteilte Leid für die Versöhnung von russischen und polnischen Fans.
Radoslaw Zak | 17.06.2012
»Du bist ein paar Monate zu spät dran«, lässt mich Ben, der Liverpooler Schwarzmarkthändler meines Vertrauens, wissen. Er könne mir keine Karten mehr für die Partie Polen gegen Tschechien in Wroclaw organisieren. »Vollkommen aussichtslos.« Gezwungenermaßen muss ich die Partie in Warschau verfolgen, verabrede mich deswegen mit meinem alten Bekannten Kuba in Nowy Swiat in einem Hinterhof, dessen zahlreichen Bars größtenteils von Studenten frequentiert werden. Kuba sitzt mit fünf Freunden, fast alle Fans von Legia mit Stadionverboten, an der Bar und sieht etwas mitgenommen aus. Als ich sein bandagiertes Handgelenk und seine Krücke mustere, kommentiert Maciek, einer seiner Freunde, meine Blicke süffisant mit »Arbeitsunfall«. Ich weiß Bescheid und verkneife mir jegliche Bemerkung über den Marsch der russischen Fans vor einigen Tagen.

Nahendes Unheil
Nachdem sich die Bar für die Nationalhymne erhoben hat, wird auf dem Bildschirm ein zwanzig Minuten andauernder Ansturm auf das Tor der Tschechen übertragen. Die Erwartungen sind hoch, schließlich kann Polen den Aufstieg ins Viertelfinale aus eigener Kraft schaffen. Weil jedoch kein Tor gelingt und Sebastian Boenisch auf der linken Abwehrseite mal wieder durchschnittlich spielt, macht sich erster Unmut breit. »Der verdammte Volksdeutsche sollte von Jakub Wawrzyniak ersetzt werden. Der kann wenigstens laufen«, sagt Maciek. Kuba stimmt zu und verlangt mit Rafal Wolski einen weiteren Legia-Spieler in Polens Mannschaft: »Es kann nicht sein, dass wir in dieser wichtigen Partie Eugen Polanski, Dariusz Dudka und Rafal Murawski drei defensive Mittelfeldspieler spielen. Kurwa, wir müssen doch gewinnen!«
In der Halbzeitpause werden erste Vorahnungen geäußert, es könnte mit dem Weiterkommen nicht klappen. Petr Jiraceks Tor in der 72. Minute bestätigt diese. Es ist sehr ruhig in der Bar, jeder leidet für sich allein. Mit fortschreitender Spielzeit schwindet immer mehr die Hoffnung. Nach dem Schlusspfiff sitzen alle Barbesucher fassungslos auf dem dreckigen Asphalt vor der Eingangstür, eine Flasche Wodka, die plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist, macht die Runde. »Es hätte so schön werden können«, sagt Kuba und bricht das Schweigen. Sofort werden Pläne für die im September startende WM-Qualifikation geschmiedet. »Wir brauchen einen Ausländer«, sagt Maciek. »Guus Hiddink wäre ideal. Er würde aus dem Team eine Maschine machen.«

Breite Fassungslosigkeit
Einige Meter entfernt sitzen Anhänger der »Sbornaja«, sie haben das Gespräch aufgeschnappt und loben den Niederländer, der von 2006 bis 2010 russischer Teamchef gewesen ist. Die aus Moskau angereisten Fans wirken ebenfalls gelähmt und konsterniert. Die 0:1-Niederlage gegen Griechenland ließ auch sie aus dem Turnier scheiden. Aus der Ferne ertönt »Polacy! Nic sie nie stalo« (Polen, es ist nichts passiert). Der immer lauter werdende Gesang erregt bei Kubas Freunden Zorn. »Verdammte Picknicker«, sagt Wiesiek. »Es ist eine Tragödie und sie tun so als ob nichts wäre. In Trauer sollte man die Klappe halten.« Unsere Gruppe befolgt diesen Ratschlag und sitzt weiterhin stumm auf dem Boden. Die Russen beschließen weiterzuziehen. Die Legia-Fans geben ihnen ein paar Ausgehtipps. Im Vorbeigehen schütteln uns die Russen die Hände.
ballesterer # 120

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