Infernalische Wochen

Einvernahmen von Spielern, Trainern und Managern, die Inhaftierung eines der beiden Hauptverdächtigen im Wettskandal, nebenbei die Eröffnung des Prozesses im Fall Oulmers. In Belgien ist es nach wie vor schwer, sich auf das Geschehen auf den Spielfeldern zu konzentrieren.
Klaus Federmair | 22.03.2006


Nur 13 Tore in den neun Spielen der 27. Runde. Wenn das kein schlechtes Omen ist! Die Tageszeitung "Le Soir" kündigte am Montag darauf eine weitere "semaine infernale" für den belgischen Fußball an. An die Meldungen über Verhöre der verdächtigen Spieler hat man sich mittlerweile gewöhnt, dass sich mit dem Spielervermittler Pietro Alatta einer der beiden Hauptverdächtigen am Dienstag stellen würden, konnte aber nicht einmal "Le Soir" vorhersagen. Der Spielervermittler wurde kurzerhand inhaftiert, vorerst nur wegen diverser Verdachtsmomente abseits der Wettcausa.

Am Dienstag startete vor einem Gericht in Charleroi ein Prozess, der wohl bis zum Ende nichts mit Wettquoten zu tun hat und dennoch brisant ist: Der Fall Oulmers, wobei Charleroi nach der Verletzung des marokkanischen Spielers bei einem Länderspiel - mit Unterstützung der G14 - von der FIFA Schadenersatz fordert. Wie der ballesterer in seiner Dezember-Ausgabe berichtet, könnte der Ausgang große Auswirkungen auf die zukünftige Zusammensetzung der Nationalteams haben. ORF-online erwartet ein Urteil in sechs Wochen, ich biete - ganz ohne Manipulationsversuche, versprochen! - eine Wette dagegen an. Nicht zuletzt deshalb, weil Oulmers' Anwalt ein Vorabentscheidungsverfahren beim Europäischen Gerichtshof analog zum Fall Bosman prophezeit, das sich über Jahre ziehen kann.

Einer der "Schuldigen" an der eingangs erwähnten Torflaute auf den belgischen Spielfeldern ist der Franzose Wagneau Eloi. Bis zum 18. Februar schoss er elf Tore, dann wurde ihm die Belastung, nach der ominösen Wettskandaldokumentation als einer der Hauptverdächtigen zu gelten, zu viel, und er traf kein weiteres Mal. Die Vorwürfe gegen Eloi waren an einem SMS festgemacht worden. In diesem hatte er in der vergangenen Saison Freunden mitgeteilt, dass eine 0:7-Schlappe seines damaligen Klubs La Louvière kein Zufall gewesen sei.

Im Februar trat Eloi die Flucht nach vorne an. Er erklärte öffentlich, dass er und seine Mitspieler wegen ausständiger Gehaltszahlungen absichtlich schlecht gespielt hätten. Eloi selbst habe erfolglos versucht, seine Kollegen zu überzeugen, dass man einen Protest doch anders, nämlich für alle klar sichtbar, ausdrücken müsste. La Louvières Präsident Gaone beschimpfte den Spieler daraufhin vor laufender Kamera als Lügner, der Verein habe nämlich immer pünktlich bezahlt. Wagneau Elois bemerkenswerter Auftritt in einer der montäglichen Studiosendungen des öffentlichen Fernsehens "la une" lässt aber anderes vermuten. Der Stürmer konnte bei der Darstellung seiner Version der Dinge seine Verzweiflung nicht mehr verbergen, die Betroffenheit im Studio war greifbar, Elois Erklärung umso glaubwürdiger. Er konnte es einfach nicht glauben: Wegen eines banalen SMS über einen missglückten Spielerstreik fand er sich im Zentrum eines Wettskandals wieder, bei dem Riesensummen und Morddrohungen im Raum stehen. Gaone wurde übrigens wenige Tage später von der Justiz einvernommen, in seinem Haus ein größerer Geldbetrag gefunden.

Und der belgische Verband? Der beschloss vergangenen Dienstag, zuerst einmal die Saison zu Ende spielen zu lassen, dann soll der Stand der Ermittlungen bewertet werden, anschließend könnte es weit reichende Sanktionen geben. Wenigstens in den oberen Etagen behalten einige kühlen Kopf, in diesen infernalischen Wochen.

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Rubrik: Flachlandkick
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