Innerbelgisches Fernsehduell mit Ablenkungen

In Belgien wird jedes Spiel des Nationalteams doppelt übertragen, auf Flämisch und auf Französisch. Beim Versuch, einen Sieger im wallonisch-flämischen Übertragungsduell zu ermitteln, passiert es leicht, dass man nach Frankreich, Deutschland oder England abdriftet und mit den Spielständen durcheinander kommt.
Klaus Federmair | 13.10.2005


20.15, Länderspielabend. Ich schalte den Fernseher ein und starte beim wallonischen Sender Club RTL, nicht verwandt mit Rapids CL-Gegner Club Brugge. Was da auf Französisch aus dem Empfangsgerät dringt, erinnert an daheim. Die Qualifikation ist schon verspielt, also wird darüber gejammert, dass es zu viele Ausländer in der heimischen Liga gebe. Die ganze Welt ist voll Ausländer, sogar ich bin einer, denke ich resigniert, werte den Einstieg als Eigentor von RTL und schalte um auf den flämischen Konkurrenzsender VT 4. An dessen Einstiegsmoderation habe ich nichts auszusetzen, was daran liegen könnte, dass ich Holländisch noch schlechter verstehe als Französisch. Fußball ist eben ungerecht: Es bleibt beim 1:0 für VT 4.

Zweikommentatorentaktik

Club RTL ist zwar im wahrsten Sinne des Wortes mit 0:1 in das Match gestartet, aber schon in den ersten Minuten zeigt es seine taktischen Stärken. Bei der Übertragung eines bedeutungslosen Qualifikationsspiels mit weniger als 2.000 Besuchern erweist sich der Schachzug, zwei Kommentatoren einzusetzen, als goldrichtig. Während VT 4 mit seinem Solo-Reporter die unheimliche Atmosphäre eines kalten Herbstabends in einem leeren Stadion vermittelt, wird auf Club RTL heimelig geplauscht und gekichert. Die logische Konsequenz in der 8. Minute: Das wallonische Kommentatorenteam bringt deutlich interessantere Informationen ins Spiel, und mit der Nachricht, dass der belgische Torhüter Proto in Litauen "von seinem Papa begleitet" wird, stellt RTL auf 1:1.

Kurz darauf schießt Geraert auf dem Rasen das 1:0 für Belgien, aber beide Fernsehsender verstolpern die Auflage. Statt eines rechtschaffenen Emotionsausbruchs setzt es dort wie da nur ein paar trockene Kommentare zum Führungstreffer. Es bleibt beim 1:1.

Zeit, erstmals ins Ausland zu schalten. Bei England-Polen steht es 0:0. Der Kommentator wird durch "interessante Zwischenstände, die gerade hereinkommen" von einem englischen Corner abgelenkt. Live wird versucht auszurechnen, was die Vorgänge in Albanien, Kasachstan und Griechenland bedeuten. Die Analyse ist wenig ergiebig. Außer dass die Ukraine schon vorher qualifiziert war, erfahren wir, dass die Türkei draußen ist, "und wahrscheinlich auch Griechenland, ? und Dänemark." Konzentrieren wir uns lieber aufs Spiel.

Ausflug zu zwei streitbaren französischen Kommentatoren

Oder schalten wir um. Frankreich gegen Zypern. Hier geht es noch um die Qualifikation. 24 Minuten gespielt, 0:0. Frankreich kämpft, muss jetzt schon Vieira austauschen. In der 29. Minute sehe ich Frankreich erstmals im Strafraum am Ball. Es ist Zidane, wir wissen, was das bedeutet: 1:0 für Frankreich. Eine Minute später zeigt das Reporterteam bei einer Chance von Cissé Konfliktfreudigkeit. "Ich glaube, das war Abseits", meint der eine, "Nein, nein, nein, nein, schau dir doch die Wiederholung an.", meint sein Kollege. Wiltord schießt inzwischen das 2:0, für Zypern riecht es nach Debakel.

Zurück nach Litauen. Aber da ist schon Pause. Während VT 4 diese mit Werbung verschläft, analysiert Club RTL bereits das 1:1, mit dem Litauen und Belgien in die Pause gegangen sind. Da habe ich wohl auch etwas verschlafen, nämlich den litauischen Ausgleich. RTL kommt jedenfalls mit einer 2:1-Führung aus der Kabine. Ich schalte um und höre zum ersten Mal auf VT 4 den Ausdruck "rode duivels". Bei den wallonischen Kollegen hatte in der ersten Hälfte jeder dritte Satz mit "les diables rouges" angefangen. Währende der rote Teufel Deschaecht die Gelbe Karte sieht, schalte ich auf ARD.

Deutschland gegen China. "Kahn avanciert zum Publikumsliebling", vernehme ich und sehe in Zeitlupe, wie Olli in höchster Not mit dem Kopf außerhalb des Sechzehners klärt. Kurz darauf wird Jürgen Klinsmann zitiert: "Körperlich ist Deisler so gut drauf wie noch nie." Nur körperlich also. Die unfairen Untertöne verstehe ich auf Deutsch doch am besten. Und auch die Stilblüten: "Huth im Abseits - ja, das ist seine Lieblingsposition." Deutschland bekommt einen Elfmeter. Ich schalte lieber um.

Historisches aus Manchester

Bei England-Polen habe ich ein Tor von jeder Mannschaft übersehen. Kommentator I erzählt von legendären polnischen Torhütern, von Peter Shilton und von Brian Clough. Kommentator II kommentiert: "Ein bisschen Geschichte." Stimmt. In der 51. Minute komme ich zu dem Schluss, dass wir wohl doch nicht in der 6. Nachspielminute der ersten Hälfte sind, sondern langsam mitten drin in der zweiten. Rooney verschießt aus fünf Metern frei stehend, Kommentar: "Das war zu einfach für ihn. Wahrscheinlich hat er sich einen Schubser erwartet." Elstnersche Qualitäten.

Zurück zum flämisch-wallonischen Duell, bei dem es immer noch 1:2 steht. Beziehungsweise zum immer noch ausgeglichenen litauisch-belgischen. Club RTL konstatiert die erste Gelbe für die Teufel (die Zuschauer wissen jetzt schon, dass es rote sind), mir kommt Deschaecht in den Sinn, aber egal, die Wallonen führen weiter 2:1. Umschalten auf VT 4 macht das Spiel auch nicht sehenswerter.

Also weiter zu TF 1. 58. Minute. Frankreich kombiniert munter im zypriotischen Strafraum, fühlt sich sicher. Giuly kommt für Wiltord und wird von den Fans abgefeiert.

Der indirekte Freund des Aluminiums

Noch einmal nach Deutschland. Schweinsteiger rutscht mit zwei gestreckten Beinen in einen Gegner, der Kommentator fordert für ihn zu Recht eine Gelbe Karte, "Minimum wohlgemerkt." China antwortet mit einem Stangenschuss, abgefälscht von "Huth, dem indirekten Freund des Aluminiums." Die nächsten drei Minuten gibt es ungefähr 8 Sekunden reine Spielzeit. Um nicht einzuschlafen, schalte ich blitzschnell von ARD auf VT 4 um.

Die Flamen haben sich mittlerweile darauf verlegt, die afrikanischen WM-Qualifikanten aufzuzählen und von den anderen Zwischenständen in der Belgien-Gruppe zu berichten. Das ist sympathisch und gibt mir das Gefühl, Niederländisch zu können - 2:2!

Zwei Treffer nach Schlusspfiff

In der Nachspielzeit gebe ich RTL noch eine Chance, aber drei Sekunden nach Schlusspfiff heißt es schon "Guten Abend an alle!" - und ab zur Werbung. Ein schwerer Fehler, den VT 4 eiskalt ausnützt. Da stehen schon zwei flämische Teamspieler bereit, einer davon ist Torschütze Geraert. 3:2 für VT 4, das uns in ein Jahr ohne Pflichtspiele un "een jaar voor de bezinning" entlässt.

Sicherheitshalber ein letzter Blick zu Club RTL. Nach "Guten Abend an alle" und Werbung ist jetzt doch noch Zeit für eine Nachbesprechung im Studio. Mir fällt der flämische Akzent eines französischen Studiogastes auf . Diese Zeichen flämisch-wallonischer Verständigung werte ich als letzten Treffer, womit das Endresultat feststeht: 3:3

Ach ja, und dann haben sich noch ein paar Mannschaften für die Weltmeisterschaft in Deutschland qualifiziert, aber welche das sind, weiß sowieso schon jeder.

Referenzen:

Rubrik: Flachlandkick
Thema: Belgien, Fernsehen
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