Innsbrucker Irrwege

cache/images/article_952_tivoli_140.gif Spanien gegen Russland. Berti Vogts streunt am Tivoli herum wie ein räudiger Hund, die russischen Fans trösten sich bis zur Speerstunde im VIP-Club und Innenminister Platter bricht die Hausordnung.
Stephan Wabl | 18.06.2008
Seit seinem unfreiwilligen Treffer für Österreich zum 1:1-Ausgleich im »Jahrtausendspiel« von Cordoba, läuft Berti Vogts mit gesenktem Haupt durch die Welt. Fordern Otto Rehhagel oder Lothar Matthäus stets selbstzufrieden Respekt für ihre Arbeit ein, scheint Vogts  froh zu sein, dass man ihn nicht wie einen Schuljungen in die Ecke verweist.

Dieser Lebensbürde waren sich die beiden älteren UEFA-Funktionäre bewusst, von denen der ehemalige deutsche Teamchef am Sonntag am Innsbrucker Tivoli eskortiert wurde. »Ist das hier der UEFA-Club?«, fragt einer von ihnen den Sicherheitsdienst vor der VIP-Halle neben dem Stadion. »Eintrittspass bitte«, antwortet dieser. »Und die beiden anderen?« »Das ist in Ordnung: UEFA, der hier auch«, meint der Funktionär und zeigt auf Berti Vogts. »Der hier«, der Cordoba-Torschütze,  trabt mit Blick auf den Boden hinter den beiden UEFA-Männern in die Sponsorhalle.

Eine Minute später geht es wieder retour. »Falsche Halle. Wir müssen in den UEFA-Club im Stadion«, erklärt der Anführer des Trios  und macht sich auf den Weg. Vogts folgt im Rücken seiner Eskorte, Kopf gesenkt. Zum Glück verliert Berti im Getümmel der Fans nicht seine beiden Gastgeber und gelangt ans Ziel: Denn alleine im Regen von Innsbruck würde er sich wohl in eine Ecke stellen, unsicher und warten, bis ihn jemand abholt. Und alles wegen Cordoba.  

Noch bevor das vierte Tor für die Spanier fällt, kommen die ersten russischen Fans in die VIP-Halle. »3:1 für Spanien«, sagt einer traurig dem Steward. Während die Spanier nach dem Spiel in der Innsbrucker Innenstadt den Ton angeben, dominieren im VIP-Club die russischen Gäste. Ein paar Carlsberg und die Niederlage schaut schon wieder anders aus. »Russia, Champion«, heißt es eine Stunde nach Spielende. Rauchpause, Bier holen, Champion, Rauchpause, einschenken, Fahne schwenken, Russia. »Its time to say good-bye«, wird im VIP-Club aufgelegt. 23 Uhr: Sperrstunde. Austrinken. »Beautiful«, Kusshand. Noch schnell ein Foto mit der Hostess an der Garderobe. »Exit?« - »Ja, hier lang.« - »Russia, Champion.«  Und die Stewards schließen die Tore am Tivoli.

Fünf Männer kommen schnellen Schrittes über den Eisring am Innsbrucker Tivoli. »VIP-Pass bitte«, sagt der Sicherheitsmann am Eingang zur Sponsor-Halle zum hundertsten Mal. »Aber das ist der Herr Innenminister«, meint einer der Herren. Und schwupps, schon ist der Herr Innenminister drinnen und die Hausordnung gebrochen. »Kein Einlass ohne gültiges VIP-Ticket«, heißt die eiserne UEFA-Regel.  Das weiß auch der Vorsitzende des Tiroler Philatelisten Verbandes, dessen Pass zuhause liegt und der trotz seiner Visitenkarte enttäuscht von dannen ziehen muss. Aber in Tirol waren an diesem Tag ja auch Wahlen und kein Briefmarkenkongress.

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Rubrik: EM Tagebuch
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