Irgendjemand nimmt den Spieler dann einfach mit

cache/images/article_1625_amar-1_140.jpg Ivan Osims Sohn Amar ist Trainer und Sportdirektor des bosnischen Erstligisten FK Zeljeznicar Sarajevo. In seinem Kaffeehaus im Stadtteil Grbavica lieferte er dem ballesterer eine Bestandsaufnahme der vier Erstligaklubs aus der bosnischen Hauptstadt.
Martin Schreiner | 15.05.2011
Wie lautet Ihre Bestandsaufnahme der Erstligaklubs aus Sarajevo?

Wir von Zeljeznicar waren letztes Jahr Meister, stehen heuer im Cupfinale und sind derzeit Zweiter der Premijer Liga. Das entspricht unserer bisherigen Leistung. FK Sarajevo ist derzeit Dritter. Wir sind intern stabiler, denn Sie haben größere finanzielle und personelle Probleme. Deshalb waren sie letztes Jahr nur Fünfter und nicht im Europacup. Das ist schade, weil Zeljeznicar und FK Sarajevo die besten Vereine in Bosnien sind. Zusammen mit Velez Mostar waren sie auch die wichtigsten bosnischen Vereine in Jugoslawien.

 

Wie sieht derzeit die Situation bei Velez Mostar aus?

Mostar ist als Stadt in zwei politische Teile getrennt. Die Leute in Mostar mögen Velez sehr gern. Velez selbst geht es finanziell aber nicht so gut. Sie kommen aus dem armen muslimischen Stadtteil und mussten ihr ursprüngliches Stadion abgeben. Es steht im jetzt mehrheitlich kroatischen Teil.

 

Neben FK und Zeljeznicar gibt es noch zwei weitere Erstligaklubs in Sarajevo.

Olimpik Sarajevo ist durch Neugründung künstlich entstanden. Sie gehören dem Geschäftsmann Nijaz Gracic. Wenn er weg ist, ist es vorbei. Organisatorisch sind sie aber flexibler. Er kann nämlich alles alleine entscheiden. Dann gibt es noch Slavija. Die spielen im mehrheitlich serbischen Teil Sarajevos. Die sind auch ziemlich stabil und haben vor zwei Jahren im Europacup gespielt. Normalerweise sollten wir und der FK aber immer an der Spitze stehen. Wir haben die meisten Fans und die größeren finanziellen Mittel.

 

Derzeit ist aber Borac Banja Luka Erster in der Tabelle.

Sie waren auch in Jugoslawien oft in der ersten Liga, spielten allerdings mehrheitlich in der zweiten. 1989 haben sie gegen Roter Stern Belgrad den Cup gewonnen. Das war der größte Erfolg in ihrer Geschichte. Seit wir in Bosnien in einer gemeinsamen Liga spielen, waren sie nie so gut wie jetzt. Letztes Jahr sind sie Zweiter geworden und haben den Cup gegen uns gewonnen. Heuer sind sie besser und stehen an der Tabellenspitze. Sie haben es selbst in der Hand, Meister zu werden.

 

Was sind die Gründe für diesen Erfolg in jüngster Zeit?

Sie haben ziemlich viel Geld, denn die ganze Republika Srpska steht hinter ihnen und ihr Sponsor ist die dortige Telekommunikationsgesellschaft. Ihr Stadion haben sie für eine Million Euro umgebaut, um dort jetzt europäische Spiele austragen zu können. Auch sportlich haben sie die richtigen Entscheidungen bei den Spielertransfers getroffen. Sie sind verdient Erster.

 

Wie schätzen Sie die Qualität der bosnischen Liga im Vergleich zur österreichischen ein?

Sie ist insgesamt qualitativ schlechter. So groß ist der Unterschied aber nicht. Vor allem wenn man bedenkt: Österreichs Liga investiert sechs- oder siebenmal soviel Geld. Austria Wien ist letztes Jahr gegen Siroki Brijeg nur mit Glück weiter gekommen. Salzburgs Kader hätte  große Qualität. Zu den anderen Mannschaften besteht aber kein so großer Abstand. Vor zehn Jahren war das anders. Sturm, Rapid und Tirol waren damals wirklich gut.

 

Hat sich bei Euch die Qualität des Fußballs nach Einführung der Premijer Liga verbessert?

Nein, nicht wirklich. Nur die Organisation und die Atmosphäre sind besser geworden. Zu Beginn der gemeinsamen Liga war die Atmosphäre immer noch sehr angespannt. Jetzt ist die Situation zwischen den Volksgruppen kein Problem mehr im Ligaalltag. Das wirkliche Problem ist der jährliche Exodus von dreißig bis vierzig Spielern ins Ausland. Die gehen nicht einmal in die besten Ligen, sondern in die zweite österreichische Liga, nach Weißrussland, Kasachstan, Kroatien oder in den Iran. Die Vereine haben keine Mittel sie zu halten. Irgendjemand kommt mit hunderttausend Euro und nimmt den Spieler einfach mit.

 

Zeljeznicar ist ein Großklub in Bosnien. Ist es für Sie deshalb leichter, Spieler zu halten?

Wir zahlen etwas besser, aber gegen gewisse Summen sind wir chancenlos. Eine halbe Million Euro Budget ist für Bosnien zwar enorm. Wenn dann jemand mit einem Angebot kommt, bei dem der Spieler zweihundert oder dreihunderttausend Euro pro Jahr verdienen kann, kannst du nichts mehr sagen. Die Spieler verdienen hier dreißig bis vierzig tausend Euro pro Jahr. Du verhandelst dann noch ein bisschen über die Ablösesumme. Ich könnte zwar rechtlich nein sagen, faktisch will der Spieler aber nicht mehr bleiben. Dabei sind wir der größte Verein.

 

Gibt es wegen der schlechten Wirtschaftslage mehr Jugendliche, die zum Fußball kommen?

Ja, aber die Eltern sind oft ein Problem. Sie denken, nach ein, zwei Jahren sind ihre Kinder schon wie die großen Spieler im Fernsehen. Ratschlägen für die Entwicklung ihrer Kinder sind sie dann nicht mehr zugänglich. Wegen dieser Ungeduld haben wir viele Spieler verloren. Die Eltern nehmen sie schon mit fünfzehn Jahren aus dem Verein und schicken sie ins Ausland. Jetzt ist es etwas besser, aber noch nicht gelöst. Die ausländischen Vereine bieten diesen Eltern auch gleich Jobs. Dann stimmen sie meistens zu.

 

Können Sie sich an ein konkretes Beispiel in der letzten Zeit erinnern?

Wir mussten gerade einen supertalentierten Jungen ziehen lassen, Armin Hodzic. Ich denke, er ist ein größeres Talent als Edin Dzeko. Sie haben für ihn einen Verein gefunden, der auch 3.000 Euro pro Monat für den Vater zahlt. Dieses Konzept stammt von der FIFA und UEFA. Wir bekommen vierzig- oder fünfzigtausend Euro Ausbildungsentschädigung. Das wars.

 

Wie geht es den anderen Klubs in Sarajevo damit?

FK Sarajevo hat sicher ähnliche Probleme und noch weniger Geld. Wir haben durch den Titel mehr Sponsoren holen können und von der UEFA ein wenig Geld bekommen. Auch vom Dzeko-Transfer von Vfl Wolfburg an Manchester City bekommen wir eine Million Euro. Für Bosnien ist das viel Geld. So haben für ein Jahr Ruhe.

 

Wurde der FK Sarajevo früher mehr unterstützt?

Ja, von der Politik, aber nicht von den Fans. Der Verein wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Politikern erfunden. Sie habe dann sieben oder acht Spieler von uns als Starthilfe bekommen. In Jugoslawien haben sie immer mehr politische Unterstützung gehabt als unser Verein. Wir waren der Arbeiterverein. Nach dem Bürgerkrieg ist es nicht mehr ganz so arg gewesen. Erst in den letzten fünf bis zehn Jahren ist eigentlich unser Klub der größere geworden. Wir haben bessere Leute, mehr Struktur, mehr Geld und mehr Ruhe. Die bei FK Sarajevo kämpfen dafür mehr untereinander.

 

Wieviele Leute kommen normalerweise ins Stadion?

Letztes Jahr hatten wir einen Zuseherschnitt von 8.500. Jetzt haben wir so 3.000-4.000 Zuschauer im Schnitt. Sarajevo liegt bei zweitausend, Borac Banja Luka bei dreitausend Zusehern.

Referenzen:

Thema: Bosnien
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