Italien mit neuer Verpackung

Vier Tage nach Eröffnung der Weltmeisterschaft in Deutschland ist es endlich soweit. Italien greift direkt in das Turniergeschehen ein. Mit neuem Look und Spielsystem überraschen die Azzurri positiv.
Martin Schreiner | 13.06.2006

Schaut ihn an, Totti hat einen neuen Haarschnitt! Zum Glück hat er sich die Haare nicht komplett abrasiert wie Cannavaro und Del Piero. Die praktizieren ja bereits vor Juves Verurteilung im italienischen Fußballskandal in vorauseilendem Gehorsam den Gefängnislook. Aber der Schwarm aller Römerinnen ist noch schöner als vorher. Nur sein Blick ist streng. Belastet in die Ungewissheit? Die längeren Haare gaben ihm einen weicheren Gesichtsausdruck. Wie gut wird er nach seiner schweren Verletzung im ersten Bewerbsspiel der Nationalmannschaft spielen? Wird er den Druck der Verantwortung, die zu erwartenden Fouls der Ghanesen und die physische Belastung eines Spiels mit hohem Tempo aushalten. Egal, er ist dabei und gibt Italien Stärke. Er gehört zur Gruppe. Ist ihr Leitwolf. Sie umarmen sich: Die Mannschaft auf dem Feld, die Spieler auf der Ersatzbank, das halbe Stadion und sie singen die italienische Nationalhymne. Che bello!

Die neuen Dressen sind etwas weiter geschnitten als die alten. Schöner sind sie, mit blauen Schattierungen und Glanzeffekten geben sie den Ragazzi auf dem Feld Eleganz. Lippi steht etwas abseits. Er wirkt arrogant. Seine Mannschaft ist zu Beginn der Partie äußerst nervös und läuft viele leere Kilometer. Erst ab der zehnten Minute kehrt Ordnung ein und man merkt den Unterschied zum System Trappatoni und den neuen Siegeswillen. Nach zwei, drei Ballberührungen in Verteidigung und Mittelfeld kommt der Pass in die Spitze. Nur die Spieler an den Außenbahnen haben Probleme mit der neuen offensiven Ausrichtung des Mittelfelds. Ihnen fehlt der Staubsauger Gattuso. Toni lauert unermüdlich auf Torchancen und arbeitet wie ein Tier. Pirlo ist brillant.

Die ganze Mannschaft läuft und rackert, wie man es eigentlich nur vom Gastgeberland der Weltmeisterschaft gewohnt ist. Davon ist man als Beobachter zu allererst beeindruckt. Dann merkt man erst, warum die sonst taktisch so abgekühlten Italiener auf derartig hoher Drehzahl laufen und kämpfen. Sicher, sie wollen der Welt beweisen, dass sie außer Skandal- und Bestechungsprofis auch wirklich weltmeisterliche Fußballer sind. Aber heute kommt bis zur 56. Minute noch die Unterstützung der Mannschaft für ihren Spielmacher hinzu. Sie muss für ihn mitlaufen.

Francesco Totti ist dünn und ernst. Er sagt selbst, er habe erst 70% seines Leistungspotenzials wiedererlangt. Dennoch ist er das kreative Herz der italienischen Mannschaft. Er übernimmt die Verantwortung, welche er bei der Euro 2004 noch bespuckt hatte. Den ersten Pass von Zaccardo setzt er zwar mit einem Schuss vom 16er weit übers Tor. Dennoch ist er an nahezu jeder gefährlichen italienischen Aktion beteiligt, spielt gefühlvolle und überraschende Passbälle und ist Anspielstation. Noch fehlt ihm die Präzision und Kraft zu alles entscheidenden Spielzügen. Als Herz der Squadra Azzurra gibt er ihr dennoch ihren neuen moderneren Lebensrhythmus, nach Jahren des aufpolierten Catenaccios. Er schießt alle Eckbälle und Standardsituationen.

In der 41. Minute ist es dann soweit. Die Schlitzohrigkeit des römischen Kaisers führt zum kurzen Abspiel eines Eckballs auf Pirlo, der macht zwei Schritte und hämmert den Ball vom 16er flach ins lange Eck. Italien führt 1:0 und liegt sich in den Armen. In der Jubeltraube schreien sie sich den Frust und die Leiden der letzten skandalgeprägten Wochen von der Seele. Ein neue italienische Nationalmannschaft scheint sich zu bestätigen.

Die Fragilität und mangelnde Reife des offensiveren Spielsystems zeigt sich uns aber in der 56. Minute. Nach einem böswilligem Foul an Totti, holt Lippi den Kapitän sofort vom Feld. Auch der Trainer beschützt seinen Star. Das Spiel der italienischen Mannschaft fällt daraufhin sofort in alte Reaktionsmuster zurück. Ghana kommt auf und die Azzurri verteidigen und haben Glück. Hätte nicht Kuffour Erbarmen gezeigt und selbstlos das 2:0 aufgelegt, Italien hätte der Welt zwei verschiedene Halbzeiten präsentiert. Gespalten, fast wie seine politische Landschaft. Die schönsten Spieler der WM hätten fast riskiert, dass die Systemneuerungen nur hinsichtlich Frisur und Dressencode im Bewusstsein der medialen Öffentlichkeit verankert geblieben wären.

Von: Martin Schreiner

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Rubrik: WM-Tagebuch
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