Italiens illusorischer Imagewandel

cache/images/article_1887_fm_emblog3_140.jpg Der italienische Verband versucht in Zeiten der politischen Krise sein Image aufzubessern. Kapitän Gianluigi Buffon tritt als Staatsmann auf, Teamchef Cesare Prandelli impft der Mannschaft Toleranz und politisches Bewusstsein ein. Doch das Unterfangen scheint aussichtslos.
Jakob Rosenberg | 18.06.2012

»Dieses Volk braucht die Unterstützung einer verbindenden, kultivierten und verantwortungsbewussten politischen Klasse. In Zeiten größter Schwierigkeiten, warten wir darauf, wieder loszustarten.« Gianluigi Buffon gab sich am 15. November 2011 staatstragend. Es waren Tage der politischen Krise, als die italienische Nationalmannschaft bei Staatspräsident Giorgio Napolitano vorstellig wurde und Buffon seine Rede hielt. Drei Tage zuvor war Langzeitministerpräsident Silvio Berlusconi zurückgetreten. Ausgerechnet im 150. Jahr seines Bestehens, lief Italien Gefahr als nächster Dominostein in der internationalen Wirtschaftskrise umzufallen. Der EU-nahe Technokrat Mario Monti sollte das Land aus der Krise führen und die Nationalmannschaft wollte mithelfen: »Wir werden versuchen, unseren Beitrag auf dem Feld zu leisten und den Namen Italiens immer und überall zu ehren.«

Zynische Politiker, vorbildliche Fußballer
Ein halbes Jahr später gilt Italien immer noch als Wackelkandidat in der Finanzkrise obwohl Monti einen rigiden Sparkurs fährt: Arbeitsministerin Elsa Fornero brach bei der Verkündung ihrer Pensionsreformvorhaben in Tränen aus zu hart ist der Einschnitt für Kleinpensionisten, denen nur noch die Altersarmut bleibt. Auch den Jungen geht es nicht viel besser. Monti zeigt sich in seiner Kommunikationspolitik nicht nur als Techniker, sondern auch als Zyniker. Er rät den Millionen an prekären Arbeitskräften, die wechselnden Beschäftigungsverhältnisse doch als tolle Abwechslung zu sehen. Die etablierten Parteien tragen den Kurs der Regierung mit und laden die politische Verantwortung auf Monti und die EU-Politik ab sie wollen nicht für unpopuläre Maßnahmen verantwortlich sein. Buffons Wunsch an die »politische Klasse« dürfte sich nicht erfüllt haben. 


Doch wie schaut es mit dem Beitrag der italienischen Fußballer aus? Auf den ersten Blick auch abseits des Feldes gut: Die Mannschaft besuchte bei der Ankunft in Polen die KZ-Gedenkstätten in Auschwitz und Birkenau. Sie stellte sich auch bei jeder Gelegenheit demonstrativ hinter Mario Balotelli, sollte dieser Opfer rassistischer Beleidigungen werden. Doch das staatstragende Image der Kicker droht noch bevor es richtig aufgebaut ist, wieder zusammenzubrechen.

Abmachung zwischen Präsident und Prinz
Seit über einem Jahr laufen die Ermittlungen. So richtig heiß wurde es im italienischen Wettskandal aber erst gegen Ende der abgelaufenen Meisterschaft. Die Razzia bei Domenico Criscito im italienischen Teamcamp und die Verhaftung von Lazio-Kapitän Stefano Mauri und Ex-Genoa-Spieler Omar Milanetto waren der vorläufige Höhepunkt der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Cremona. Weiters ermitteln die Staatsanwaltschaften von Bari und Neapel. Obwohl schon erste Punkteabzüge für die kommende Saison bekanntgegeben wurden, ist ein Ende und das Ausmaß des Skandals noch nicht abzusehen.


Beim Wettskandal hat sich einer obwohl vermutlich nur am Rande involviert besonders hervorgetan: Nationalteamkapitän Buffon. Kurz nach der Razzia im Teamcamp kritisierte er die Staatsanwaltschaft und die mediale Vorverurteilung der involvierten Spieler. Einen Tag später hatte die Presse ihr Fressen gefunden. Buffon soll zwischen Jänner und September 2010 über 1,5 Millionen Euro in Sportwetten investiert haben. Die Rechtfertigung von Buffon kam prompt: Er mache mit seinem Geld, was er wolle.


Einen ironischen Umgang mit dem Wettskandal bewies Staatspräsident Napolitano bei seinem Besuch in der Umkleidekabine der Italiener nach dem 1:1 gegen Spanien. Er gratulierte Buffon zu seiner Leistung und erzählte von seinem Gespräch mit dem spanischen Kronprinzen Felipe. »Nach dem 1:1 hat mich der Prinz von Asturien gefragt, ob ich dieses Ergebnis unterschreiben würde. Dann ist das Spiel so ausgegangen und ich habe ihm gesagt: Erzählen Sie bloß nicht herum, dass es zum Ergebnis gekommen sei, weil wir das so abgemacht haben.«

»Besser zwei Verletzte «
Noch dazu war das Spiel gemäß einer Devise Buffons ausgegangen. Schließlich hatte er im Zuge des Wettskandals gesagt »zwei Verletzte seien besser als ein Toter«. Damit bezog sich Buffon auf die gängige Praxis an den letzten Spieltagen der Serie A, nicht mit letztem Willen um den Sieg zu kämpfen und anderen Teams so Freundschaftsdienste zu leisten. Diese Devise könnte ihm jetzt noch auf den Kopf fallen. Denn schließlich muss zur wechselseitigen Freude stets ein unbeteiligter Dritter daran glauben. Bei den heutigen Entscheidungsspielen der Gruppe C könnte das bei einem 2:2 von Spanien gegen Kroatien Kapitän Buffon mit seiner Mannschaft sein.


Verständlich daher, dass die italienische Sportpresse seit dem 1:1 gegen Kroatien vor dem »biscotto« (wörtlich Keks), also der Ergebnisabsprache zwischen Spanien und Kroatien, warnt. Der Corriere dello Sport ließ in seiner Titelüberschrift »Betrügt uns nicht schon wieder« am Freitag nicht nur eine Referenz auf das italienische Scheitern bei der EM 2004, als Schweden und Dänemark nach einem 2:2 vor den punktegleichen Italienern aufgestiegen waren, sondern auch auf das angespannte Verhältnis zwischen Italien und den Sparvorgaben der EU erkennen.


Auch die Gazzetta dello Sport widmete dem »biscotto« alle möglichen Theorien. Heute hatte sie anstelle der traditionellen Weltkugel gar ein durchgestrichenes Keks im Zeitungswappen. Die mediale Panikmache bietet ausgerechnet Buffon die Chance, seine Theorie zu revidieren und wieder staatstragend zu agieren: »Diese Gedanken helfen doch nichts. Denken wir an uns und versuchen wir, zu gewinnen. Der Rest ist heiße Luft, Kaffeehausgespräche, idiotische Vermutungen, Rechtfertigungen für Verlierer.«

Homophobie ist Rassismus
Doch der Kapitän ist nicht der Einzige, der im Laufe des Turniers statt des geplanten Imagegewinns schon einen erheblichen Schaden hinnehmen musste. Antonio Cassano, Enfant terrible und Hoffnungsträger des Teams, redete sich bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Kroatien mit homophoben Aussagen um Kopf und Kragen.


Zur Vorgeschichte: Der TV-Moderator, Buchautor und ehemalige Forza-Italia-Politiker Alessandro Cecchi Paone ließ letzte Woche damit aufhorchen, dass zwei Spieler der Nationalmannschaft homosexuell und einer bisexuell seien. Namen nannte Cecchi Paone ebenso wenig wie vor zwei Jahren, als er bekanntgab, dass er mit zwei Profis Beziehungen geführt habe. Cecchi Paone kämpft seit Jahren für Homosexuellenrechte und hat dieses Jahr gemeinsam mit Flavio Pagano das Buch »Il campione innamorato. Giochi proibiti nello sport« (Der verliebte Champion. Verbotene Spiele im Sport) veröffentlich, das sich mit dem Tabu Homosexualität in verschiedenen Sportarten nähert. Das Vorwort schrieb Teamchef Cesare Prandelli, der darin aufrief, die Diskriminierung von Schwulen im Sport endlich zu beenden: »Auch Homophobie ist Rassismus. Wir müssen uns für eine Kultur des Sports einsetzen, die das Individuum in jedem Ausdruck seiner Selbst und seiner Freiheit respektiert.«


Als Prandelli von Cecchi Paones Ankündigung hörte, dürfte er Cassano auf Presseanfragen zu den geouteten Spielern vorbereitet haben. Angekommen ist die Vorwarnung bei Cassano aber anscheinend nicht. Bei der Pressekonferenz sorgte er mit seinen Aussagen für gute Unterhaltung und Gelächter der anwesenden Journalisten: »Ich muss aufpassen, was ich sage, weil sonst werde ich von allen Seiten angegriffen. Ob Schwuchteln bei uns im Team sind? Das ist ihr Problem. Ich weiß es nicht, ich hoffe nicht.«

Aufregung und Diskussion
Die Entrüstung über die Aussagen Cassanos war groß, da halfen seine Entschuldigungen ebenso wenig (»Ich bin nicht homophob. Ich wollte niemanden beleidigen und ich wollte die persönliche Freiheit der anderen sicher nicht infrage stellen. Ich wollte nur ausdrücken, dass mich die Sache nicht betrifft.«) wie seine Späße mit Teamkollege Mario Balotelli, dem er auf der Flugreise an den Hintern griff.


Ob Cassano homophob ist, gelernt hat, die veralteten Moralvorstellungen des Berlusconi-Italien zu reproduzieren oder wie etwa Nichi Vendola, der offen homosexuelle Präsident von Cassanos Heimatregion Apulien, glaubt, nur ein zu schlichtes Gemüt hat, um reflektierte gesellschaftspolitische Aussagen treffen zu können, seine Aussagen haben in Italien immerhin bewirkt, dass über Homosexualität im Sport geredet wird. Die großen Sportzeitungen hatten die Aussagen auf ihren Titelseiten verurteilt, die Schwulen-und-Lesben-Organisation Arcigay lud Cassano bei aller Kritik ein, Botschafter gegen Homophobie im Sport zu werden, in einer Fernsehshow outete sich der Rai-Reporter Alessandro Baracchini beim Gespräch über seine Wunschaufstellung vor dem Spiel gegen Kroatien (»Ich kann kein Experte sein, weil Cassano will Leute wie mich nicht im Team haben.«) und Teamkollege Claudio Marchisio sprach sich für die gleichgeschlechtliche Ehe aus.



Gescheiterte Kommunikationspolitik
Noch bevor die sportliche Bilanz des italienischen Nationalteams bei der EM gezogen werden kann, scheint schon klar zu sein, dass der geplante Imagewandel nicht wie geplant funktioniert hat. Auch wenn mit dem Einfluss des Wettskandals mit einem wesentlichen Faktor noch nicht zu rechnen war, stand die neue Kommunikationsstrategie von Beginn an auf wackeligen Beinen. Das Fehlen politischer Vorbilder und einer aus Politikern bestehenden Regierung alleine macht aus Sportlern noch lange keine guten Politiker. Doch auch wenn die Öffentlichkeitsarbeit zum Scheitern verurteilt war, bleibt zu hoffen, dass Cesare Prandelli weiterhin Vorwörter schreibt, Balotelli auch in Zukunft mit Vehemenz verteidigt wird und der eine oder andere Spieler von seinem KZ-Gedenkstättenbesuch etwas mitnimmt und wie Buffon vor Jahren bewusst oder unbewusst keine T-Shirts mit der Aufschrift »Boia chi molla« (»Wer aufgibt, ist ein feiger Verräter«, faschistischer Slogan, Anm.) mehr anzieht. Und vielleicht nimmt ja auch Antonio Cassano die Einladung von Arcigay an.

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