Ivan auf dem Abstellgleis

cache/images/article_1127_ivan_140.jpg Seit 34 Jahren ist Ivan Uytterhaegen Fan des elffachen belgischen Meisters Union Saint Gilloise, und doch hat er keinen der Erstligatitel selbst miterlebt. Engagierten Unionisten wie ihm wird das Leben im Verein nicht leicht gemacht.
Klaus Federmair | 09.12.2008
»Do you want a beer?« lautet der Standardsatz von Ivan, das Papptablett immer griffbereit. Beim Spiel gegen den Tabellenzweiten Wetteren lösen sich immer dichter vom Himmel fallende Schneeflocken im Bier auf. Ivan plaudert auf der unüberdachten Fantribüne, er wechselt problemlos zwischen Niederländisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Besonders enge Kontakte pflegt er mit den ausländischen Fans, vor allem zwischen dem AFC Wimbledon und der Union im Brüsseler Stadtteil Saint Gilles herrscht reger Reiseverkehr.

Unbedankte Helfer
Seit einigen Wochen kann Ivan die Spiele wieder durchgehend mit seinen Freunden vom Fanblock aus mitverfolgen. Vorbei die Zeiten, in denen er für den Coach Spiele mit der Digicam gefilmt und die Vereinshomepage mit Spielberichten und Bildern versorgt hat. Jahrelang hatte er gemeinsam mit sechs weiteren Mitgliedern des Webteams die Vereinsseite betreut. Ehrenamtlich, denn auch vor dem Abstieg in die dritte Liga war das Geld knapp gewesen bei Union und die Liebe zum Traditionsverein dafür umso größer. 

Diesen Herbst kam es zum großen Krach. Ein Mitglied des Webteam kritisierte die Vereinsführung wieder einmal öffentlich und wurde prompt gefeuert. In einer Rubrik war unter anderem zu lesen: »Jede Aktion, die irgendwie positiv für das Image des Klubs ist, wurde von den Fans oder den Ehrenamtlichen organisiert.«

Mit der Absetzung des Webmitarbeiters verkalkulierte sich das Management gewaltig. Von den sieben Kollegen traten Ivan und fünf weitere aus Solidarität zurück. Größere Teile der Homepage waren daraufhin tagelang nicht mehr erreichbar. »Irgendwann kommen wir zurück«, ist sich Ivan des Wertes der ehrenamtlichen Arbeit bewusst.

»We shall not be mauves!«
Im dichten Schneetreiben hat Union inzwischen sensationell auf 3:0 gestellt. Der Platzsprecher lädt die Fans von unserer Tribüne ein, auf die überdachte Sitzplatztribüne zu wechseln. »We shall not, we shall not be moved!« schallt es störrisch zurück. Das alte Protestlied, bei dem es im Original heißt »The Union is behind us«, wird hier regelmäßig gesungen. Meist abgewandelt als »We shall not be mauves«, dann geht es nicht darum, das Angebot eines schützenden Daches auszuschlagen, sondern um eine Absage an den großen Brüsseler Bruder Anderlecht, der in violett (französisch »mauve«) spielt.

 
Die Fans sind angesichts des Spielverlaufs sangesfreudig. Zugleich ist die Unzufriedenheit mit der Vereinsführung greifbar. Es dauert nicht lange, schon setzen die ersten Sprechchöre gegen Präsident Willy Michielsen und Manager Philippe Nicaise ein.

Warten auf den Wechsel
Michielsens Nähe zu Anderlecht ist einer der Gründe für die Proteste. Seit bald einem Jahr ist Union ohne Brustsponsor. »Nicaise ist kein Mann des Vereins«, erklärt Ivan »er kommt aus Charleroi und ist nicht einmal zweisprachig, was ein Muss sein sollte bei einem Brüsseler Klub!« Auf dem Rasen bleibt der Ball dauernd im immer tieferen Schnee stecken, Union schafft trotzdem das Kunststück, den Dreitorevorsprung noch zu verspielen.

Einige Tage später wird Trainer Jacques Urbain abgelöst. Das erste Spiel unter Nachfolger Roland Van den Bosch gewinnt Union gegen Tabellenführer Zaventem völlig überraschend 2:0. Der harte Kern der Fans fordert aber umso massiver die Ablösung Michielsen und Nicaise. Noch ist es aber nicht so weit, Ivan kann wohl noch eine Weile sein Bier gemütlich auf der Fantribüne trinken und auf die Wiedereinsetzung des alten Webteams warten.

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Rubrik: Aktuell
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