Jabulanis Zähmung

cache/images/article_1479_japan_140.jpg WM-BLOG Was wurde in den letzten Wochen auf den armen Jabulani eingedroschen: »Schlechtester Ball aller Zeiten«, »eine Schande« und »unberechenbar« hieß es von Seiten vieler Spieler und insbesondere der Tormänner. Doch die Japaner bewiesen mit zwei direkt verwandelten Freistößen in ihrem letzten Vorrundenspiel gegen Dänemark, dass der Ball sehr wohl kontrolliert werden kann.
Martin Lieser | 28.06.2010
Traumtore waren bei dieser WM bisher viel zu wenige zu sehen, ein Grund mehr, die beiden japanischen Treffer vom Spiel gegen Dänemark noch einmal zu würdigen. Schon als Keisuke Honda in der 17. Minute zum Freistoß antrat, zog etwa der Kommentator der BBC erste Vergleiche zu Cristiano Ronaldo. Als der WM-Ball Jabulani wenig später neben dem verdutzten Thomas Sörensen im dänischen Tor einschlug, war er sich sicher: Auch CR7 hätte das nicht besser machen können. Yasuhito Endo, der danach aus zentraler Position mit einem wunderbar angeschnittenen Schuss ins Eck für die Vorentscheidung sorgte, scheint mit dem Treffer endlich seine Formkrise überwunden zu haben.

Die beiden Freistoßtore überspielen jedoch die nach wie vor prägnante Harmlosigkeit der Japaner aus dem Spiel heraus. Keine Frage: Wenn sie erst einmal vorne liegen, haben sie durch ihre hohe Ballsicherheit und Laufbereitschaft alle Möglichkeiten, eine Führung zu verwalten. Offen bleibt jedoch, ob sie bei einem Rückstand entscheidend zurückschlagen können. Das Offensiv-Trio Matsui, Okubo und Honda wechselt häufig seine Positionen und stiftet damit in der gegnerischen Abwehr Unruhe. Ein echter Knipser ist jedoch nicht unter ihnen.

Der dritte Treffer gegen Dänemark durch Okazaki wurde durch Honda, den Mann des Spiels, genial vorbereitet. Aber er zeigt auch, dass der »Kaiser« seine Stärken am besten ausspielen kann, wenn er mit Anlauf Richtung Strafraum zieht, um dann entweder selbst abzuschließen oder auf einen Mitspieler abzulegen. In vorderster Front ist er in Okadas Aufstellung dieser Stärken beraubt und lässt sich folgerichtig immer wieder nach hinten oder auf die Flügel fallen. Die zentrale Spitze bleibt in diesen Fällen unbesetzt.

Doch vielleicht muss man gar nicht vom »worst case« eines Gegentors ausgehen. Selbst wenn die gut organisierte Hintermannschaft um Viererkette, Vorstopper und Doppelsechs überwunden werden sollte, wartet zwischen den Pfosten noch Eiji Kawashima. Nachdem er sich beim Spiel gegen die Niederlande noch selbst ein Ei ins Nest gelegt hatte, hat sich auch der refelxstarke Keeper mittlerweile mit Jabulani angefreundet und sich gegen Dänemark einmal mehr als Elfmeterkiller bewiesen. In der Vorbereitung zum Turnier hatte er gegen den Engländer Frank Lampard bereits einen Strafstoß pariert und sich so seinen Stammplatz gesichert. Oliver Kahn nannte ihn nach dem Spiel »positiv verrückt« - also so, wie er einst selbst bezeichnet wurde.

Paraguays hochgelobter Sturm um Torjäger Lucas Barrios, Nelson Valdez und Roque Santa Cruz muss sich ins Zeug legen, wenn sie diese Japaner schlagen wollen, die mit breiter Brust in die K.o.-Runde gehen. Sie sind jetzt schon weiter gekommen, als ihnen die meisten zugetraut hatten. Honda sprach hinter vorgehaltener Hand sogar schon vom Endspiel. Wenn sie mit Jabulani weiter so umgehen, könnte das Turnier für Japan jedenfalls noch länger dauern.
ballesterer # 120

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