Japans kreative Lösungen

cache/images/article_1447_japan_140.jpg WM-Blog Was mache ich als Trainer, wenn sich während der Vorbereitung ein Sturmproblem bei meiner Mannschaft herauskristallisiert? Richtig, ich stelle einfach gar keinen Stürmer auf. So lautete jedenfalls die Antwort von Japans Nationaltrainer Takeshi Okada vor dem Auftaktspiel gegen Kamerun.

Martin Lieser | 19.06.2010
Nach dem Motto »Wer gewinnt hat Recht« widersetzte sich Okada den kritischen Stimmen aus der Presse und auch von Verteidiger Tulio, der seine Taktik im Vorfeld öffentlich kritisiert hatte. Mit Abe bot Japans Coach einen echten Vorstopper auf, der vor der Viererkette den Staubsauger spielte und den beiden Sechsern Endo und Hasebe den Rücken frei hielt. Das 4-1-2-2-1 klingt auf dem Papier schon ziemlich defensiv. Umso mehr wird es das, wenn man dann an der Aufstellung abliest, dass die einzige Sturmspitze Keisuke Honda eigentlich im Mittelfeld zu Hause ist und vorher noch nie als Stürmer aufgelaufen war. Folglich interpretierte Honda seine Rolle sehr frei, war häufig im Mittelfeld und auf den Flügeln anzutreffen, wo er das müde Spiel der Japaner ein wenig belebte.

Was sich aus dieser Konstellation entwickelte war nicht nur laut der ARD-Experten Gerhard Delling und Günter Netzer das bis dahin schlechteste Spiel bei dieser WM-Endrunde. Besonders Netzer konnte sich in der Halbzeit und nach dem Schlusspfiff ob der haarsträubenden Fehlpässe und des nicht vorhandenen Spielflusses kaum zusammenreißen. Daran waren aber nicht allein die defensiven Japaner schuld. Auch die »unzähmbaren Löwen« aus Kamerun enttäuschten alle Erwartungen.

In Zeiten, in denen Trainer wie Mourinho, van Gaal oder Hitzfeld mindestens so große Stars wie ihre Spieler sind und man davon spricht, wie ein Trainer den anderen »auscoacht«, hat Kameruns Le Guen genau das Gegenteil demonstriert. Wenn Okadas Taktik schon kritikwürdig war, so strengte sich der Franzose an, ihn deutlich zu unterbieten - etwa indem er seinen torgefährlichsten Mann, Samuel Eto'o, so weit wie möglich weg vom Strafraum positionierte.

Japan wird wohl nicht weiterhin so viel Glück mit seinen Gegner haben, insofern ist es dringend nötig, der Offensive etwas mehr Leben zu verleihen. Shunsuke Nakamura, der gegen Kamerun überraschend 90 Minuten auf der Bank saß, könnte für die nötige Kreativität sorgen. Auch Okada kündigte bereits an, am Samstag gegen Holland auf Sieg spielen zu wollen, also eine offensivere Ausrichtung zu wählen. Wir erinnern uns: Sein Ziel ist das Halbfinale. Auch wenn diesen Optimismus nach dem Auftritt gegen Kamerun noch weniger Fans teilen, sehen sie dem Spiel gegen die Oranjes gelassen entgegen. Das Spiel gegen den großen Favoriten der Gruppe, so sagen sie, ist das einzige, bei dem man sich eine Niederlage leisten könne.

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