Johan der Zweite bald Nr. 1?

cache/images/article_1024_neeskens_140.jpg Es wird ernst auf dem ÖFB-Rummelplatz. Die prominenten Pferdchen auf dem Trainerkarussell sind besetzt und gehen in die letzten Runden. Der Kurier sah zuletzt neben Volker Finke, Andi Herzog und Didi Constantini auch Johan Neeskens unter den Spitzenreitern.
Dominik Sinnreich | 22.07.2008
Zunächst die Standards: Als Spieler brachte es Johannes Jacobus Neeskens auf 124 Einsätze für Ajax, 141 für Barcelona, danach noch einen Haufen weiterer für einen Haufen anderer Vereine. 49 Einsätze im Nationaltrikot, jedes einzelne davon in der Startformation. Zwei Finalteilnahmen bei den WM-Endrunden 1974 und 1978, beide Spiele jeweils gegen den Veranstalter verloren, bei der 1:2-Niederlage gegen Deutschland in München Eröffnungstorschütze per Penalty nach zwei Minuten.

Neeskens wurde am 15. September 1951 in Hemstede in der Provinz Nord-Holland geboren, wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen auf und musste angeblich so manche Nacht auf dem Flur verbringen. Der britische Fußballjournalist David Winner schreibt dem heute 56-Jährigen eine zentrale Rolle im Erfolg von Ajax Amsterdams »Total Voetbal« Anfang der 70er Jahre zu. Was Johan Cruijff in der Offensive war, leistete Neeskens in der Abteilung Balleroberung. Neeskens folgte Cruijff auch ein Jahr nach dessen Wechsel zum FC Barcelona nach, was ihm dort den Spitznamen »Johan der Zweite« einbrachte.

»General« Rinus Michels holte Neeskens 1970 vom Amateurverein RCH im Zuge einer großen Umbauaktion zu Ajax Amsterdam. Ajax hatte 1969 das Europapokalfinale gegen den AC Milan mit 1:4 verloren, war gegen die schwarzrote Mauer angerannt und von Trapattoni und Co. gnadenlos seziert worden. Einige Nationalspieler wurden vor die Tür gesetzt, der Kader mit Nachwuchskräften aufgefüllt, die besser in Michels und Cruijffs Ideen passten, die technisch versierter und härter waren.

In den folgenden vier Jahren holte Ajax dreimal den Europapokal der Landesmeister, einen härteren Mittelfeldspieler als Neeskens hätte Michels kaum finden können. Bobby Haarms, damals Co-Trainer bei Ajax, sagt über ihn: »Er war wie ein Kamikaze-Pilot, ein Soldat an vorderster Front. Wenn man ihm gesagt hat, geh auf den Ball, dann ist er wirklich draufgegangen.«

David Winner beschreibt es waidmännischer: »Neeskens jagte den gegnerischen Spielmachern bis weit in die eigene Hälfte nach.« Und führte damit die Abseitsfalle bei Ajax ein. Denn das Team lernte damals als autodidaktische Maschine; Michels setzte neben seiner Tyrannei auch auf ständige autonome Weiterentwicklung des Systems durch Diskussion und das gute alte Prinzip von Versuch und Irrtum.

Neeskens verfolgte die gegnerischen Spielmacher so herzerwärmend, dass das ganze Ajax-Team aufrücken und sich an der Hatz beteiligen konnte. Was bei Ernst Happel in Rotterdam Pressing hieß, beschreibt David Winner so: »Jetzt jagte Ajax den Gegner in Rudeln. Wenn Neeskens den Ball nicht eroberte, war die Abwehr so weit aufgerückt, dass der Gegner bei einem Angriffsversuch ins Abseits lief.«

Auch im Nationalteam war Neeskens ein Grätscher vor dem Herrn. Mittelfeldspieler Arie Haan, heute Teamchef von Albanien, erinnert sich in Winners Buch »Oranje brillant« an die Sonderbehandlung für Bulgariens Spielmacher Hristo Bonev bei der WM 1974: »Vor dem Spiel haben wir eine Liste von Spielern erstellt, die ihn schon in der Anfangsphase hart attackieren konnten. Zuerst Neeskens, dann van Hanegem. [] Ich glaube, ich war Nummer fünf. Aber eine Nummer fünf brauchten wir gar nicht mehr. Nach vier Tacklings wollte Bonev den Ball nicht mehr. Er hat uns keine Probleme bereitet.«

Eine Einstellung, die Neeskens auch in seine Betreuerlaufbahn mitgenommen hat. Bei Barcelona war er als Co-Trainer von Frank Rijkaard bekannt dafür, im Training auch mit Mitte fünfzig noch ohne Rücksicht auf Verluste den Stars in die Beine zu grätschen. Natürlich ist er trotzdem Anhänger der »klassischen« holländischen Offensive. Gerade als Balleroberer musste er ja die Spielzüge einleiten. Chefcoach war er bisher nur bei einigen Schweizer Klubs und dem NEC Nijmegen (2000-2004). Als Co hat er dafür durchaus prominente Adressen abgeklappert: die Niederlande (1995-2000), Australien (2005-2006) und zuletzt eben Barcelona.

Nach Rijkaards Demission ist Neeskens auf Jobsuche, und scheinbar will er diesmal wieder auf den Chefsessel. Ob er bald Ivanschitz und Co. beim Training internationale Härte vorführen darf, will der ÖFB in den kommenden Tagen bekannt geben. Sollte Neeskens unterschreiben, freuen wir uns auf eine Sache ganz besonders: Das erste Aufeinandertreffen von Emanuel Pogatetz mit seinem neuen Chef.

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Rubrik: Aktuell
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