Jubel im verbotenen Block

Fans, die gar nicht da sein dürften, füllen einen Gästeblock, der gesperrt sein sollte. Mit einer bemerkenswerten Aktion umgingen rund 1.500 Anhänger von Eintracht Frankfurt ein Stadionverbot für Gästefans dank der Solidarität der Fans von Union Berlin.
Swen Thissen | 30.03.2012
Das ganze Ausmaß des heimlich organisierten Stadionbesuchs wurde am Montagabend recht früh deutlich. Als Mohamadou Idrissou im Stadion An der Alten Försterei in der neunten Minute das 1:0 für die Frankfurter Eintracht erzielte, da jubelten nicht ein paar Versprengte, die sich immer mal eine Karte auf Umwegen organisiert haben können.

Von wegen ausgesperrt
Der Jubel erschallte aus weit über 1.000 Kehlen. Das übertraf sogar die kühnsten Vermutungen, die unmittelbar vor dem Anpfiff bereits die Runde gemacht hatten. Im Internet war ein Frankfurter Dank für die »geile Soli-Aktion« der Berliner zu lesen gewesen, zudem entrollten Berliner Fans ein riesiges Transparent (»Fick Dich DFB«) unübersehbar während des Einmarschs der Teams beim einzigen Spiel der Woche, das auch im deutschen Free-TV zu sehen war.

Frankfurts erstes von vier Toren war der Startschuss zu einer kleinen Völkerwanderung. Die Gästeanhänger hatten sich enttarnt, nun drängten sie in Richtung des gesperrten Blocks. Die Berliner Sicherheitskräfte reagierten umgehend, öffneten unter Rufen der Berliner Kurve (»Lasst sie rein« und »Die Mauer muss weg«) die Tore und ab Minute 15 war alles so, als hätte es nie ein Auswärtsfanverbot gegeben.

Das hatte man sich beim DFB anders vorgestellt. Ganz anders. Denn in der Verbandszentrale in Frankfurt am Main hatte man beschlossen, die Frankfurter Anhängerschaft für die Pyro-Show in Düsseldorf zu bestrafen. Beim Topspiel im Rheinland Mitte Februar waren auch Böller aufs Feld geflogen, zudem war die Partie verspätet angepfiffen worden, weil der von den Frankfurtern verursachte Rauch wegen des geschlossenen Stadiondachs nur schwerlich abziehen konnte.

Solidarität in Berlin
Beim 1. FC Union Berlin hingegen scheint man nicht viel davon zu halten, eine ganze Fangruppierung für das Verhalten einzelner zu bestrafen mal davon abgesehen, dass die Pyrotechnik-Politik des DFB von vielen Fangruppen ohnehin nicht akzeptiert wird. Statt auf einen Vorteil für die eigene Mannschaft zu hoffen, weil eine der führenden Fangruppen Deutschlands nicht anreisen durfte, entschlossen sich die Union-Fans für eine bisher einzigartige Solidaritätsaktion: Die Berliner kauften in Massen Eintrittskarten, um sie per Post nach Frankfurt zu schicken.

Im Gefühl, den DFB ordentlich an der Nase herumgeführt zu haben, entwickelte sich am Montagabend im Stadion An der Alten Försterei eine grandiose Stimmung unter Flutlicht begleitet von zwei lautstarken Kurven, die regelmäßig per Wechselgesang, auch für die Fernsehzuschauer deutlich zu hören, mitteilten, dass sie mit der Gesamtsituation unzufrieden sind. »Scheiß DFB« war da im Fünf-Minuten-Takt zu hören. Oder auch: »Und ihr macht unseren Sport kaputt.«

Umdenken in Frankfurt
Das dürfte man beim DFB naturgemäß anders sehen. Doch gleichzeitig hat der Verband unmittelbar reagiert und bekannt gegeben, in Zukunft auf die Teilaussperrung von Gästefans zu verzichten. Die DFB-Führung hat erkannt: Wenn sich Fangruppen solidarisieren, sind die bisher verhängten Sanktionen wirkungslos.

Jedoch: Der DFB hat bereits angekündigt, neue Wege der Bestrafung zu suchen. Und vielleicht werden sich auch noch Union und die Eintracht verantworten müssen. Die Frankfurter, weil sie es nicht geschafft hatten, ihre Fans zu Hause zu lassen. Die Berliner, weil sie sich fragen lassen müssen, ob sie tatsächlich nichts von der geplanten Aktion wussten. Denn die »Ultras Frankfurt« konnten offenbar problemlos ihr Banner mit ins Stadion nehmen, der Berliner Sicherheitsdienst schien auf den Fall der Fälle gut vorbereitet gewesen zu sein und Minuten nach der Gästeblocköffnung war dort sogar für Bewirtung gesorgt.

Sieg für die Stimmung

Darüber machte man sich am Montagabend noch keine Sorgen. Unioner und Frankfurter freuten sich nach Wochen, in denen in Deutschland viel über Fangewalt gesprochen und vor allem geschrieben worden war, über einen aufgegangenen Plan und genossen bei einer Partie, die mit einem 4:0-Auswärtssieg des Topfavoriten der zweiten Bundesliga endete, ein friedliches Fußballfest.

Die Reaktionen in Deutschland waren entsprechend zurückhaltend. Stellenweise gab es sogar Anerkennung: »Die Strafe des DFB hat für einen der schönsten Fußballabende in dieser Saison gesorgt«, schrieb 11Freunde. Genau das dachte sich ein Frankfurter, als er am Montagabend das Stadion verließ. Gedankenverloren lief er der Berliner Nacht entgegen und sprach leise vor sich hin »Fußball kann so schön sein.«
ballesterer # 121

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