Kaizer für eine Saison

cache/images/article_1435_wuk_140.jpg WM-BLOG Markus Böcskör, ehemaliger Tormann der Kaizer Chiefs, wird heute das ballesterer-WM-Quartier im WUK besuchen. Der Burgenländer spielte als einziger österreichischer Profi der jüngeren Vergangenheit in Südafrika. Angst hatte er dabei nie. Heute weiß er, dass das Tormannbrot von Johannesburg bis Parndorf hart sein kann. Das Böcskör-Porträt aus der ballesterer-April-Ausgabe.

Simon Hirt | 16.06.2010
Raststation Simmering. In einem McCafé an der A4 Richtung Budapest steht Markus Böcskör. Mit seiner Pommes­frites-gelben Kaizer-Chiefs-Weste ist er nicht zu übersehen. Seine Fußballvergangenheit trägt Böcskör unterm Arm. Milchkaffee und Tiramisu-Schnitte werden zur Seite geschoben, und der Tormann breitet seine Erinnerungen an die Zeit in Südafrika auf dem Tisch aus. Es sind Fotos, Zeitungsartikel und Kreditkarten, die er während seiner Zeit bei den Kaizer Chiefs sorgfältig in Mappen sortiert und archi­viert hat. Obwohl das Jahr in Johannesburg sportlich nicht erfolgreich war, sagt Böcskör: »Ich würde es wieder tun.«

 

Ein Rückblick auf die Saison 2006/07: Markus Böcskör hat als Tormann bei Kapfenberg alle Hände voll zu tun. Die steirische Schießbude bekommt in der Ersten Liga jede Runde eingeschenkt und vermeidet nur mit Glück den Abstieg, Böcskör spielt dennoch seine beste Saison. »Etwas Besseres kann dir als Tormann gar nicht passieren«, sagt er, »ich war immer warm geschossen, habe mich auszeichnen können und bin zum besten Tormann der Liga gewählt worden.« Während Böcskör über seine Zukunft nachdenkt, meldet sich Muhsin Ertugral aus Südafrika. Der einstige Mattersburg-Coach will den Burgenländer als zweiten Keeper zu den Kaizer Chiefs holen. Dann geht alles sehr schnell: Auf eine Einladung nach Johannesburg folgen ein Probetraining und ein Vertragsangebot der Chiefs, die Bezahlung ist besser als in Österreich. Böcskör überlegt nicht lange und sagt zu. »So eine Chance, ein fremdes Land und eine andere Kultur kennenzulernen, bekommst du nicht alle Tage«, sagt er über seine damalige Entscheidung, »und ein Angebot aus Südafrika kann dir auch kein Spielerver­mittler so einfach vorlegen.«

Geld statt Autogramme
Mit dem Flug nach Johannesburg landet Böcskör gleichsam in einer anderen Fußballwelt. Das Trainingsgelände der Kaizer Chiefs ist von einem elektrischen Zaun umgeben. »Da kommst du nur rein, wenn dich die Securitys bei der Gesichtskontrolle erkennen«, erzählt Böcskör. Die Spieler werden aber nicht nur vom Sicherheitspersonal erwartet. Bei jedem Training sammelt sich eine Menschentraube vor dem Platz: Sie wollen keine Autogramme, sondern Bargeld. »Ich habe den Kindern immer ein paar Rand (1 Rand = 10 Cent, Anm.) gegeben, das hat irgendwie dazugehört.«

 

Zum Leben eines Fußballprofis in Südafrika gehört auch ein nicht unbeträchtliches Maß an Distanz. Mit seiner Freundin bezieht Böcskör eine Wohnung in einem Vorort Johannesburgs, ins Stadtzentrum kommt er nur fünf-, sechsmal: »Mir ist immer gesagt worden, ich hätte dort nichts zu suchen.« Daran, dass er nach 18 Uhr nicht mehr zum Supermarkt gehen sollte und sein Auto mit automatischer Türverriegelung ausgestattet ist, gewöhnt sich der Burgenländer schnell. »Ich habe nie wirklich Angst gehabt, obwohl mich die anderen Spieler vor Carjacking-Tricks gewarnt haben: Da tanzt eine Frau vor deinem Auto, und im nächsten Moment hält dir jemand eine Pistole an den Kopf. Damals war ich mir der Gefahr aber nicht so richtig bewusst.«

 

Im Team der Kaizer Chiefs ist Böcskör der einzige weiße Spieler und sein Konkurrent zwischen den Pfosten, Itumeleng Khune, der bei der Weltmeisterschaft das Gastgebertor hüten wird, der deklarierte Einser. »Es war meine Aufgabe, ihm Druck zu machen«, meint der Burgenländer. Khune wird forciert, und Böcskör schaut lange durch die Finger. Im Cup erhält er schließlich seine Chance. 40.000 Zuschauer sind zum Soweto-Derby gegen die Orlando Pirates ins Stadion gekommen. »Bei der Stimmung hast du nicht mehr gemerkt, ob dich die Fans anfeuern oder auspfeifen«, erzählt Böcskör. Das Spiel nimmt einen unglücklichen Verlauf. »Ich habe nichts zu halten bekommen. Ein Schuss, ein Tor und wir waren draußen.« Die Zeitungen schießen sich auf den österreichischen Tormann ein, Böcskör erinnert sich an Schlagzeilen wie »Der weiße Keeper konnte nicht überzeugen« und »Haben wir keine schwarzen Tormänner mehr?«. »Das musst du erst mal wegstecken«, sagt Böcskör. »Die Zeitungskritik hat mich ganz schön getroffen.« Seine Reservistenrolle wird er in der Folge nicht mehr los. Nach einem Jahr Südafrika läuft Böcskörs Vertrag aus. Die Chiefs wollen einen ihrer drei Legionärsplätze nicht für einen Ersatztormann opfern, der Burgenländer muss gehen. »Ich hatte ein anderes Angebot in Südafrika, und wir wären gern geblieben. Ich bin aber vor den Verhältnissen bei anderen Klubs gewarnt worden und habe mich deshalb für eine Rückkehr nach Österreich entschieden.«

Nächste Abfahrt Parndorf
Trotzdem hat der 27-Jährige noch Kontakt zu ehemaligen Teamkollegen, im Sommer war er als Tourist das letzte Mal an seiner alten Wirkungsstätte. Als er 2008 die Erste Liga gegen die Premier Soccer League eintauschte, wusste er nicht viel über das Land an der Südspitze Afrikas. »Nelson Mande­la war mir ein Begriff und dass die Kriminalitätsrate so hoch sein soll«, erinnert sich der Tormann. Gängige Klischees über den Fußball in Afrika haben sich durch das Engagement eher bestätigt. »Europäische Trainer werden geholt, weil man sich von ihnen erwartet, dass sie den Spielern Disziplin beibringen«, sagt der Burgenländer und vergleicht das Niveau mit jenem in Österreich: »Aber der Fußball wird nicht so ernst genommen, die Fans machen aus jedem Spiel eine große Party.« Bei der WM drückt Böcskör der »Bafana Bafana« beide Tormann-Daumen. Als Fan vor Ort möchte er aber nicht dabei sein. »Es wird alles total abgesichert sein. Warum waren die Stadien beim Confed-Cup nicht voll? Entweder sind die Eintrittspreise so hoch, dass es sich keiner leisten kann, oder die Leute kommen in die Sicherheitszonen erst gar nicht hinein.«

 

Unterm Strich zieht Markus Böcskör ein ambivalentes Resümee seines Südafrika-Aufenthalts: »Sportlich gesehen war das ein verlorenes Jahr, persönlich hat mir Südafrika aber die Augen geöffnet, wie gut wir es in Österreich haben.« Der Fußball hat für den ehemaligen Austria-Keeper mittlerweile an Bedeutung verloren. An der Fachhochschule in Wien-Favoriten studiert er Pädagogik und denkt darüber nach, wie er trotz des täglichen Trainings mit auf Schulskikurs fahren kann. »Es war für mich nicht leicht, mich nicht mehr als Profi zu sehen«, gibt Böcskör zu, »aber als zweiter Tormann immer darauf zu warten, dass sich ein anderer verletzt, ist mir auch absurd vorgekommen.«

 

In der Regionalliga Ost steht Böcskör seit Dezember geringfügig beschäftigt bei Parndorf unter Vertrag und matcht sich mit dem 34-jährigen Markus Endress um das Einserleiberl. Südafrika wird erst im Sommer wieder ein Stückchen näher rücken, wenn die WM angepfiffen wird und Itumeleng Khune im Tor der Gastgeber steht. Und vielleicht wird sich der ehemalige Klubkolle­ge bei der einen oder anderen Abwehr ja an den Österreicher erinnern, und denken: »Das war eine Böcskör-Parade!«

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