Karel heißt der Fuchs

cache/images/article_1028_sticks_140.jpg ÖFB und Bundesliga haben gut einen Monat vor Beginn der WM-Quali einen Teamchef gefunden. Karel Brückner entspricht dem vielfach geäußerten Wunsch nach einem ausländischen Trainer. Bedenken hinsichtlich seines hohen Alters versuchten die Verantwortlichen bei der Pressekonferenz am Freitag zu zerstreuen. Für Vorgänger Josef Hickersberger setzte es die eine oder andere Präsidentenwatschen.
Es war eine Überraschung, doch auf den geplanten Knalleffekt musste Friedrich Stickler verzichten. Schon einige Stunden vor der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz, in der der ÖFB den Namen des neuen Teamchefs präsentieren wollte, ging der Name Karel Brückner durch die Medien. Doch obwohl es im Verband offensichtlich eine undichte Stelle gegeben hatte, zeigte sich der Präsident sichtlich zufrieden mit der Wahl: »Ich bin sehr froh. Karel Brückner ist einer der erfahrensten Trainer in Europa, und ein erfolgreicher.«

Das Anforderungsprofil »Ausländer mit gutem Ruf« erfüllt Brückner ohne Frage. Die im Vorfeld geforderte internationale Erfahrung kann er aber nur bedingt vorweisen, spielte und trainierte er doch Zeit seines Lebens fast nur in Tschechien bzw. dem Vorgängerstaat CSSR. Geboren 1939 in Olmütz, blieb Brückner seiner Heimatstadt als Spieler bei Sigma 15 Jahre lang treu. Auch als Trainer kehrte er immer wieder zu seinem Stammverein zurück, zuletzt in der Saison 1997/98. Anschließend betreute er bis 2001 die tschechische U21-Auswahl, die sich nach seinem Aufstieg zum Trainer des A-Teams 2002 zum Europameister krönte.

Auf diese Zeit berief sich Stickler wohl, als er davon sprach, dass Karel Brückner »sehr großes Fingerspitzengefühl mit jungen Spielern« habe. Trotz der Tatsache, dass er als tschechischer Nationaltrainer bei den EM-Endrunden 2004 und 2008 sowie der WM 2006 eher auf erfahrene Kräfte setzte, erwartet Stickler, dass Hickersbergers Weg, eine junge Mannschaft aufzubauen, fortgesetzt wird.

Auch das bereits fortgeschrittene Alter des Tschechen sollte irrelevant sein, denn Stickler hat »den Eindruck gewonnen, dass er voller Energie und Interesse ist. Wir haben nicht auf den Taufschein geschaut, sondern auf den Erfolg.« Die etwas eigentümliche Reporterfrage, ob beim 68-Jährigen ein Fitnesscheck vorgenommen würde, wurde klar verneint. Dennoch scheinen gesundheitliche Bedenken nicht ganz aus der Luft gegriffen, schrieb doch die Frankfurter Allgemeine Zeitung im März dieses Jahres: »Er ist gealtert, Karel Brückner. Die Furchen graben sich immer tiefer in sein markantes Gesicht ein, man sieht ihm seine 68 Jahre an. In einem Monat, nach der Euro, darf er in den Ruhestand. Man gönnt es ihm, denn die letzten Jahre sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Brückner ist dünnhäutig geworden, wirkt oft gereizt.«
 
Vor der EM hatte Brückner angekündigt, sich nach dem Turnier aus dem Fußball zurückzuziehen. Die Frage, was ihn nun dazu bewogen habe, österreichischer Teamchef zu werden, beantwortete Stickler damit, dass »Trainer manchmal ihre Meinung ändern.« Es sollte nicht die einzige Breitseite für Vorgänger Hickersberger bleiben, erwähnte er doch an anderer Stelle noch unverhohlener, dass man sich ob »Hickes« Zusage, bleiben zu wollen, nicht schon früher mit Alternativen beschäftigen konnte. Brückner erhält jedenfalls einen Vertrag bis zum Ende der WM-Quali im Herbst 2009, die sich beim Erreichen der Endrunde entsprechend verlängert. Ob Andreas Herzog an seiner Seite weiterarbeiten wird, ist noch unklar. Zumindest das Durchschnittsalter des Trainerteams würde sich dann in den Idealbereich verschieben.

Weniger enthusiastisch als der ÖFB, die Bundesliga und die Herren Landesverbandspräsidenten, die laut Stickler allesamt einhellige Zustimmung signalisierten, zeigte sich Christian Russegger von der Boulevardzeitung Österreich. Hier scheint wie so oft nomen omen zu sein, bedauerte er doch, dass kein österreichischer Trainer wie etwa Didi Constantini verpflichtet wurde. Ausschlaggebend für den ÖFB waren aber die Erfolge Brückners. Stickler: »Wir haben einen Trainer, der sich zweimal für Europameisterschaften und einmal für eine WM qualifiziert hat. Davon gibt es in Österreich nicht so viele.«

Kommunikationsprobleme mit seinen Spielern wird der Tscheche wahrscheinlich keine haben zumindest nicht in sprachlicher Hinsicht, kann er sich doch laut Stickler ausgezeichnet auf Deutsch verständigen. Brückner habe sich »schon aufgrund der geografischen Lage« mit dem österreichischen Fußball auseinandergesetzt, dies werde durch die Verlegung seines Wohnsitzes nach Österreich noch intensiviert. »Brückner wird keine Fernbetreuung des Teams machen«, versprach der ÖFB-Chef.

Die Erwartungen Sticklers an den neuen Mann auf der Trainerbank sind hoch. »Man nennt ihn nicht umsonst den Fuchs«, diktierte er den Journalisten im Hilton-Hotel in die Blöcke. Der österreichische Fußballfan darf demnach darauf hoffen, dass Brückners taktische Raffinesse dem Nationalteam den steinigen Weg zur WM ebnet. Und nicht, dass wie im Vorfeld der EM in den Medien zu lesen war die EURO sein letztes großes Turnier gewesen sein wird. 

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Rubrik: Aktuell
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