Karim und Samir zwischen den Leiberln

cache/images/article_1444_frankreich_140.jpg WM-BLOG Was wäre Algeriens Fußball ohne französischen Beitrag? Was wäre Frankreichs Fußball ohne algerischen Beitrag? Und was machen eigentlich Karim Benzema und Samir Nasri diesen Sommer?
Klaus Federmair | 18.06.2010
»Mit Zidane würden wir Weltmeister werden!«, erklärte mir 1998 kurz vor Frankreichs Finaltriumph ein Algerier in einer Pariser Bar mit bitterem Unterton. Ich war etwas verwirrt, denn Algerien nahm an dieser WM gar nicht teil und über die Herkunft des französischen Superstars war mir nichts bekannt. Nach dem 3:0 über Brasilien mit zwei Zidane-Toren wurde Paris zum Fahnenmeer. Die Trikolore harmonierte auf den Straßen prächtig mit dem roten Halbmond und Stern auf grünweißem Grund. Ich feierte mit glücklichen Franzosen und Algeriern ein multikulturelles Sommermärchen.

Drei Jahre später geriet ein Gastspiel Algeriens im selben Stadion zum wütenden Protest französisch-maghrebinischer Jugendlicher. Die Marseillaise wurde gnadenlos ausgepfiffen, das Spiel nach einer Feldinvasion abgebrochen. Vor dem Fernseher erinnerte ich mich an den Mann in der Pariser Bar vom Juli 1998. Irgendwie war wohl doch nicht alles so märchenhaft.

Ernüchternder Start in Südafrika
Die ersten Auftritte der beiden Teams in Südafrika waren auch nicht gerade berauschend. Algerien mühte sich gegen biedere Slowenen ab, die Einwechslung von Abdelkader Ghezzal geriet zur Farce: Innerhalb einer Viertelstunde holte sich der Siena-Stürmer zwei Gelbe Karten ab. Algerien spielte die letzten zwanzig Minuten in Unterzahl und verlor dann auch noch auf Grund des zweiten großen Tormannfehlers dieses Turniers 0:1.

Frankreich erging es gegen Uruguay kaum besser. Die hochbegabten Offensivkräfte Franck Ribéry und Yoann Gourcuff produzierten reihenweise Fehlpässe und dribbelten sich ständig fest. Nicolas Anelkas Vorstellung ist durchaus mit jener Ghezzals zu vergleichen. Nur einmal fiel der Chelsea-Stürmer auf: als er in Abseitsposition seinem optimal postierten Kollegen Sidney Govou den Ball wegnahm und so die größte Torchance seines Teams zunichte machte. Auf der Homepage des Fernsehsenders TF 1 wählten die User Anelka mit vernichtenden 2,8 von zehn möglichen Punkten mit Riesenabstand zum schwächsten Spieler auf dem Platz.

Als sich Teamchef Raymond Domenech eine Viertelstunde vor Schluss doch noch dazu durchrang, Anelka durch Thierry Henry zu ersetzen, war es schon zu spät und die Torsperre nicht mehr zu brechen. Bei der 0:2-Niederlage gegen Mexiko am Donnerstag kam der Barcelona-Stürmer überhaupt nicht zum Einsatz, statt Anelka wurde in der Pause André-Pierre Gignac vom FC Toulouse eingewechselt.

Real-Stürmer Karim Benzema hat sich das französische Trauerspiel wohl irgendwo im Fernsehen angesehen und war ganz sicher nicht der einzige, der eine einfache Siegesformel parat gehabt hätte: Benzema statt Anelka. Dummerweise sah der astrophile Domenech schlechte WM-Sterne für den armen Karim, sodass er erst gar nicht im Kader aufschien. Gleiches gilt für Samir Nasri, dessen Dribblings kaum erfolgloser sein hätten können als jene von Ribéry und Gourcuff.

Algerier oder Franzose?
Vielleicht bereuen die beiden französisch-algerischen Doppelstaatsbürger an diesem Wochenende auch insgeheim ihre Entscheidung, die Teamkarriere im blauen Dress zu bestreiten. Für die WM wären sie jedenfalls eine Bereicherung. Im blauen wie im weißen Trikot.

Allerdings soll hier nicht dem an Benzema und Co. vielfach herangetragenen Vorwurf des Verrats an der eigenen Herkunft das Wort geredet werden. Zwar ist die Verbitterung vieler Jugendlicher in den französischen Vorstadtghettos verständlich und Kritik an den kaum aufgearbeiteten Verbrechen des französischen Kolonialismus berechtigt; zugleich darf aber nicht vergessen werden, dass Frankreich gerade im Fußball Algerien die Hand reicht. Ein Blick auf die großteils französischen Geburtsorte und Stammklubs des algerischen WM-Kaders zeigt, dass auch die »Wüstenfüchse« profitieren. Ghezzal hat sich eben für den weißen Nationaldress entschieden, Nasri für den blauen. Beides ist zu respektieren.

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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