Katalanisches Tagebuch - Teil 1

Flugangst, medialer Wahn und das 100-Jahre-Parfum. Ein Reisebericht von Hannes Gaisberger
Gastautor | 03.10.2005

Erster Tag: Dass die Schnellbahn zum Flughafen Wien-Schwechat am Zentralfriedhof vorbeifährt, werte ich als negatives Vorzeichen. Für flugängstliche Personen wie Dennis Bergkamp oder mich ist diese Streckenführung völlig unzumutbar, sieht man in diesem Zustand ja in jeder Kleinigkeit ein Indiz für das bevorstehende Unheil. Wüsste ich nicht, dass mich die Reise dem heiß geliebten spanischen Fußball näher bringen wird, könnten die Iberia-Maschine ohne mich starten.

An Bord verteilen die Stewardessen Zeitschriften. Ich schnappe mir den täglich erscheinenden »Sport«, der offensichtlich etwas einseitig ist: die ersten 18 der 55 Seiten sind dem FC Barcelona gewidmet. Jedem Detail wird ausgiebig Platz gegeben: die Verletzung von Eto'o, eine Reiberei zwischen Deco und Valdes beim Training, die Probleme mit der Einbürgerung des Jungstars Messi, Porträts der nächsten Gegner in der Liga und der Champions League. Dann noch 15 Seiten Berichterstattung bis in die dritte Liga. Wer soll das alles lesen, sich die Statistiken einprägen, Systemtafeln speichern und Tabellen im Kopf rauf- und runterrechnen? Selbst Fútbol Sala, auch als Futsal oder die FIFA-Version des Hallenfußballs bekannt, bekommt eine Seite. Im Land der Welt- und Europameister besitzt er natürlich einen hohen Stellenwert. Gespielt wird ohne Banden, was österreichische Kritiker veranlasst, ihn dem mittlerweile eingemotteten Hallencups gegenüber herabzusetzen. Wer sich jedoch einmal ein Futsal-Spiel ansieht, wird schnell bemerken, dass man die Banden in Österreich nicht wegen der erweiterten Spielmöglichkeiten aufstellt, sondern damit der Ball aufgrund der vielen Stockfehler nicht andauernd ins Out rollt.

Beim Umsteigen in Madrid-Barajas gibt es bereits erste Anzeichen von erhöhtem Fußballfanatismus: Vater und Sohn im Valencia-Dress, ein anderes Kind schützt sich mit einer Real Madrid-Fahne vor der abendlichen Kälte. Dazu Kohorten in Rot gekleideter Liverpool- und Man United- Fans, die allesamt aussehen, als hätten sie cortisonhaltige Flugmenüs genossen. Ich trinke vorsichtshalber einen Tomatensaft und warte auf meinen Anschlussflug nach Alicante.

Zweiter Tag: Meine Gastfamilie hat mich bestens aufgenommen, aber das sollte man von designierten Schwiegereltern auch erwarten dürfen. Nach dem Essen mache ich mich mit meiner besseren Hälfte auf die Suche nach einem Lokal, dem die Partie Barça-Mallorca 5,75 Euro wert ist. Pay per view ist hier leider schon ein alter Hut. Ausgerechnet in einen stereotypen Irish-Pub mitten in einem in die staubtrockene Öde gekotzten Golfressorts verschlägt es uns schließlich. Wenigstens ist die Partie gut, sie endet mit einem 2:2.

Dritter Tag: Eine Bilanz der bisher gesichteten Barcelona-Fan-Artikel im schwiegerelterlichen Haushalt: Zwei Handy-Etuis, zwei Wecker, Kühlschrankmagnet, Teller, Seifenhalter und das edle Parfum anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums 1999. Am Strand kreuzt ein Pensionist mit Real-Badeschlappen. Da falle ich mit meinem winzigen Turbine Halle-Pin nicht sonderlich auf. Am Abend verdrängen Anis- und Kaffeeschnaps beim örtlichen Stadtfest den Fußball zwischenzeitlich aus dem Blickfeld.

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Rubrik: Sonstiges
Thema: Katalonien
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