Katalanisches Tagebuch - Teil 2

»Rock and gol«-Radio und die Vomitorien von Elche. Ein Reisebericht von Hannes Gaisberger
Gastautor | 04.10.2005

Vierter Tag: Am Abend bringt das Staatsfernsehen TVE auf dem ersten Kanal das CL-Spiel Betis Sevilla gegen FC Liverpool. Es herrscht allgemeines Mitleid mit den tapfer spielenden Andalusiern und tiefer Unmut darüber, dass wir (Barça) Luis Garcia an Liverpool verhökert haben. Nach dem Spiel werden auf dem zweiten Kanal die Zusammenfassungen der üblichen Partien gezeigt. Die Laune steigt sprunghaft, als das blamable Abschneiden von Real in Lyon bekannt wird.

Fünfter Tag: Aus dem Autoradio kommt »Rock and Gol« - ein Rocksender, in dem hauptsächlich über Fußball gesprochen wird. Der untertags laufende Werbejingle für die CL-Liveradioreportage wird mit einer um Gitarrenriffs und Drumbeats aufgefetteten Rockversion der lahmen Champions League-Hymne unterlegt. Die Radioberichte an den Spieltagen hören sich wirklich so an, wie im Klischeehirn gespeichert. Mit rollendem »Rrr« und bei zunehmender Tornähe anschwellendem Wortstakkato wird in den blumigsten Wendungen das Geschehen am Grünplatz geschildert. Barça biegt am Abend pflichtgemäß Bremen.

Sechster Tag: Benidorm! Auf meinen ausdrücklichen Wunsch wird der feuchte Traum britischer und nordeuropäischer Touristen aufgesucht. Die bizarre Bettenburg hat Platz für 300.000 Touristen, im Winter herrscht bei den 50.000 Einheimischen Erleichterung in der Geisterstadt. In eine an sich wirklich schöne Bucht stellte man eine beeindruckende Wolkenkratzerstadt. Ich bin angeekelt und fasziniert zugleich und verlaufe mich. Für 15 Minuten bin ich allein, renne wie ein geköpftes Huhn umher und suche einen Straßennamen, den ich mir falsch gemerkt habe. Dann sehe ich das vertraute Gesicht meiner Vertrauten. Die Anspannung lässt nach, jetzt kommt der Schweiß.

Der örtliche Fußballklub spielt in der dritten Liga (u. a. gegen das B-Team von Barcelona). Die bestimmende Liga in Benidorm ist allerdings die englische Premier League. In den unzähligen Pubs kann der geneigte Fan sämtliche Spiele von der Insel auf Leinwand verfolgen. Gegen die Hitze und den Durst gibt es importiertes Bitter, und wer auch im Urlaub gern unter sich bleibt, geht in Spartenlokale wie das »Magpie's«, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach überwiegend Touristen aus dem Großraum Newcastle zechen. Die Wände der Kaschemmen sind mit eigenartigen kalligraphischen Zeichen versehen, die den auffallend häufigen »Peckerln« auf den Unterarmen der Insulaner ähneln.

Siebter Tag: Frei von Fußball

Achter Tag: Zum ersten Mal seit Wochen regnet es an der Costa Blanca und ich fühle mich wie zu Hause. Für den Video-Abend leihen wir uns »diás de fútbol« aus, einen Film aus dem Jahre 2000, der von sieben Freunden handelt, die glauben, ihre Probleme nur mit der Wiederauflebung ihrer Hobbymannschaft bewältigen zu können. Am besten habe ich mir die Tiraden der Volksschulkinder gemerkt, die sie auf ihren Buschaffeur Ramon niederprasseln ließen: innerhalb von 30 Sekunden singen sie das Basisschimpfwortvokabular in Reimform herunter, doch Ramon nimmt es locker. Ebenso wie die Nörglereien seiner Frau, die er, mit einem Atletico Madrid-Morgenmantel Zeitung lesend im Bett liegend, mit stoischer Ruhe erträgt. Wann gibt uns Gott einen guten deutschsprachigen Fußballfilm?

Neunter Tag: Endlich gehen wir »in medias res«, Sonntag ist Spieltag! Nach langem Hin- und Hergeschaue im Internet kristallisiert sich das Zweitligaspiel Elche - Poli Ejido als das Spiel heraus, bei dem die Faktoren Entfernung und Interesse am ehesten übereinstimmen. Elche also, die Schuh- und Palmenstadt. Letztes Jahr waren wir auch schon da gewesen, haben uns den UNESCO-Palmenhain im Zentrum der Stadt angesehen und eine Demonstration gegen den Import chinesischer Billigschuhe. Es wurde damals sogar ein Schuhlager der Chinesen angezündet, was mich politisch korrekten Menschen eigentlich abschrecken sollte. Beim Gegner aus Ejido, wo man das Gemüse sogar im Wappen führt, geht es aber kaum besser zu. Eben dort gab es vor etlichen Jahren die Straßenkämpfe zwischen nordafrikanischen Gewächshaussklaven und spanischen Nationalisten.

Zu wem soll ich also halten? Das schöne Stadion, der Heimvorteil und die Vomitorien ziehen mich auf die Seite von Elche. So wie in antiken Amphitheatern werden die Eingänge, als jene Öffnungen, durch die sich der Zuschauerstrom in Stadion erbricht, als »vomitorios« bezeichnet. Es stimmt ja irgendwie auch, obwohl meine Freundin den Vergleich der Zuschauer mit Ameisen jenem mit den Kotzbrocken vorzieht. Das Spiel endet mit einem sicheren 2:0-Heimsieg und mehr wird erst im nächsten Heft erraten.

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Rubrik: Sonstiges
Thema: Katalonien
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