Katalanisches Tagebuch - Teil 3

Unverständliche Gelbsucht, Onkel Matias' glänzende Augen und die respektlose Empfehlung an Ronaldinho. Ein Reisebericht von Hannes Gaisberger.
Gastautor | 06.10.2005

Zehnter Tag: Zu meiner Beruhigung geht es mit dem Zug nach Barcelona, unter anderem um die Verwandten der Lebensabschnittspartnerin kennen zu lernen. Wenn man es ganz genau nehmen will, ist es erst ab jetzt ein katalanisches Tagebuch, obwohl in Alicante auch eine Art von Katalanisch, nämlich Valencianisch, gesprochen wird.

Das erste was wir in der Bahnhofshalle sehen, ist eine FC Botiga. Hier kann der geneigte Fan seinen ganzen Haushalt bis hinein ins Intimleben auf die blaugranas abstimmen. Wer das neue neongelbe Away-Trikot von Barça gesehen hat, wird mein Unverständnis über die geradezu epidemische Verbreitung desselben in der örtlichen Jugend verstehen.

Molí Nou ist eine Arbeitersiedlung am Rande Barcelonas. Hier wohnen vor allem Einwanderer aus Andalusien, welche aus dem (damals und teilweise noch heute) armen Süden Spaniens in den reichen und Arbeitskräfte suchenden Nordwesten gezogen sind. Hier wohnen die Tanten und Onkels mütterlicherseits, allesamt fidele Andalusier.

Onkel Matias ist maximal 1,60 m groß und hat eine Glatze. Er ist Andalusier und lebt in Barcelona, aber sein Herz schlägt für Athletic Bilbao. Seine Söhne Gonzalo und Matias sind keine 1,60 m groß und haben eine Glatze. Sie sind Fans von Athletic Bilbao. Der dritte Sohn Juan ist etwa 1,60 m groß und hat lockiges Haar. Er schwärmt für Espanyol Barcelona. Wieso das so ist, kann ich nicht herausfinden. Ich verstehe ihren andalusischen Akzent nicht, sie verstehen mein Ein-Semester-Notfall-Spanisch nicht. Aber als sie hören, dass ich Österreicher bin, fällt ihnen sofort »Krankel« ein. Der war damals ganz gut, genauso wie letztes Jahr »Austria Viena«, das Bilbao aus dem UEFA-Cup eliminierte. Ich wehre vehement ab, die Austria ist nicht meins. »Rapid Viena« werfen sie gekonnt ein, und ich wundere mich über das unübliche Interesse am österreichischen Fußball. Aber vielleicht haben sie sich ja vorbereitet.

Onkel Manolo leuchtet der Stolz aus den Augen. »Da, der Abwehrspieler von Espanyol, Jarque, der am Wochenende das Tor gegen Real geschossen hat, der wohnt gleich da drüben.« Neben Basketballsuperstar Gasol ein weiteres Kind aus dem Viertel, das es zu sportlichem Ruhm gebracht hat. Außerdem sagt er, wir sollen seinen Sohn Pedro anrufen, wenn wir zu einem Barça-Spiel gehen wollen.

Elfter Tag: Ronaldinho macht Werbung. Für frischen Atem, für Joghurt mit Keksgeschmack, für Kartoffelchips und - gemeinsam mit seiner Mutter - für Waschmittel. In jeder Station auf jeder Linie des U-Bahn-Netzes dieser Stadt lächelt ein mit einem Löffel bewaffneter, canari-gelb gekleideter Ronaldinho von der Wand. Es gibt eine Fußgängerpassage, in der beiderseits eine etwa 300 m lange Kaufempfehlung für das Keksjoghurt angebracht ist. In Österreich könnte sich kein Kicker erlauben, derart viel Werbung zu machen. Man würde sagen: »Der soll lieber g'scheit spün!« Bei Ronaldinho sagt das wahrscheinlich keiner.

Zwölfter Tag: Am Vormittag steht die Besichtigung des Montjuic an, wo sich einige Sportstätten der Olympischen Spiele von 1992 befinden. So auch das Olympiastadion, in dem momentan Espanyol Barcelona seine Heimspiele austrägt. Sicher ein schönes Stadion an einem noch schöneren Platz, aber die Laufbahn stört wie immer gewaltig, und außerdem hat mir der Schwiegervater eingebläut, dass »die von Espanyol genauso wie die von Madrid sind.« Und das heißt nichts Gutes.

Cousin Pedro ruft an. Wir können uns bei ihm im Hotel Karten abholen. Zufälligerweise ist er Concierge in jenem Hotel, in dem sich der FC Barcelona vor den Spielen einquartiert. Er besitzt Trikots in allen Größen, von Romario sogar eines mit Widmung für seine Tochter. Als wir im Hotel ankommen, ist er nicht mehr da, dafür aber ein Kuvert mit zwei Mitgliedsausweisen. Der Typ auf meinem Ausweis ist korpulent und hat eine Glatze. So werde ich irgendwann auch ausschauen, aber im Moment sehe ich ihm gar nicht ähnlich. Am Hintereingang des Hotels warten 10 Japaner und 10 Jugendliche in Barça-Trikots. Hier soll gleich der Bus vorfahren, mit dem die Spieler zum Camp Nou gebracht werden. Als es soweit ist, kann ich Ronaldinho von hinten fotografieren, Beletti von der Seite und Rijkaard und Eto'o von ganz weit weg. Ein wahrhaft großer Moment in meinem Leben.

Camp Nou, 21 Uhr: FC Barcelona - Valencia. Wir sitzen im vierten Rang, umgeben von Touristen und blasierten Katalanen. Mit mehr als 77.000 Zuschauern ist das Stadion gut gefüllt. Die Anzahl der im Minutentakt auftauchenden fliegenden Händler ist enorm, wahrscheinlich sind hier mehr Vertreter ihrer Zunft als Admira-Fans in der Südstadt. Das Spiel wird auf hohem Niveau geführt, doch es sind auf jeder Seite die Tormannfehler, die sich in die Erinnerung prägen. Die Partie endet 2:2, Valencia hat sich von seiner unsympathischen, taktischen Seite gezeigt, bei Barcelona konnten Eto'o, Deco und Ronaldinho nicht wie gewohnt glänzen. Als ich in der U-Bahn die knallgelbe Ronaldinho-Werbung sehe, denke ich bei mir: »Der soll lieber g'scheit spühn!«

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Rubrik: Sonstiges
Thema: Katalonien
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