Katalanisches Tagebuch - Teil 4

Woodgate, die Fußballblätter-Flut und Cola-Whiskey aus dem Plastikbecher. Ein Reisebericht von Hannes Gaisberger
Gastautor | 12.10.2005

Dreizehnter Tag: Vor einem Jahr wechselte Jonathan Woodgate für viel Geld von Newcastle United zu Real Madrid. Und heute kommt er nach überwundener Verletzung gegen Athletic Bilbao zu seinem ersten Einsatz. Damit ihn Trainer Luxemburgo in Zukunft nicht so leicht übersehen kann, rückt er sich mit einem Eigentor und einer roten Karte professionell in den Mittelpunkt. Wir sehen das Spiel, welches Real noch zu einem sicheren 3:1 umdrehen kann, in unserem schäbigen Zimmer liegend und sammeln unsere Kräfte für das anstrengende Wochenende, an dem das Stadtfest »La Mercè« steigt.

Vierzehnter Tag: Wer sich in Barcelona eine tagesaktuelle Fußballzeitung kaufen will, hat immerhin sechs (in Zahlen: 6) Auswahlmöglichkeiten. Anhänger von Real Madrid greifen spanienweit zu »AS« und »Marca«, Barcelonistas zu »Sport« und »Mundo Deportivo«. Nur in Katalonien erhältlich, aber trotzdem täglich erscheinend sind »Blanc i Blau« für die Espanyol-Fans (auch piriquitos, d. h. Wellensittiche genannt) und »El 9«. Bei derartigen Textmassen dürfte auch die eine oder andere unsauber recherchierte Geschichte dabei sein.

Mit Wien verbinden die Katalanen scheinbar nicht Kaffeehauskultur, Viena steht für Fast Food. Relativ geschmacksicher eingerichtet präsentieren sich die von mir frequentierten Filialen der rein katalanischen Imbisskette, welche seit über 30 Jahren existiert und diverse Wurst- und Toastvariationen ohne besonderen Österreich-Bezug anbietet. Eine schmackhafte und exotisch anmutende Alternative zu den glattgebügelten, weltweit agierenden Franchise-Konzernen ist es allemal.

Fünfzehnter Tag: Die ganze Stadt ist hip, so hip sogar, dass es mitunter weh tut. Man fragt sich, ob diese oder jene extrem albern gekleidete Person dem Trend voraus ist oder weit hinterher hinkt. Innovative Shops an allen Ecken und Enden, so wie das Restaurant »foodBall«, in dem wie Leberknödel aussehende Reisbälle in den verschiedensten Varianten angeboten werden. Gegessen wird auf einer Art Tribüne. Sehr modern das Ganze, gegen einen gebratenen Leberknödel werden die Reiskugeln aber vermutlich keine Chance haben.

Am Abend speisen wir in einem Straßencafé, die Augen auf den Betis Sevilla - FC Barcelona zeigenden Fernseher gerichtet. Es gibt drei Lokale nebeneinander, und in jedem blicken die Schanigarten-Sitzer Richtung Fernseher im Interieur. Zehn Minuten vor Spielschluss müssen wir uns auf den Weg machen, das letzte Tor zu Barcelonas 4:1-Auswärtssieg registrieren wir unterwegs anhand eines Freudenschreis aus einem Wohnzimmer.

Untertags dominieren folkloristische Einlagen und Umzüge das Stadtfest, am Abend gibt es Feuerwerk und Konzerte. Die Stadt feiert »La Mercè« und versinkt in einer Duftwolke aus Haschisch und Urin. Fliegende Händler (vornehmlich pakistanischer Provenienz) bieten alle 10 Sekunden kühles Bier feil. Haben sie ihr Tagespensum verkauft, genehmigen sie sich einen Entspannungs-Drink. Die Gruppe zu meiner Linken trinkt Whiskey-Cola aus einem Plastikachterl. Eine knappe halbe Stunde später zeigen die Alkoholika erste Wirkung, und einige beginnen entrückt zu tanzen. Wir feiern mit und wanken schließlich erschöpft bettwärts.

Schön ist es gewesen, interessant ebenfalls, aber nächstes Jahr fahren wir wahrscheinlich doch in die trendresistente Provinz. Egal wo, Hauptsache sie haben einen Fußballklub. Und wenn es auch nur Futsal ist.

Referenzen:

Rubrik: Sonstiges
Thema: Katalonien
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