Katastrophe mit politischem Hintergrund?

PRESSESCHAU Vermutlich mehr als 70 Tote und bis zu 1.000 Verletzte haben die gewalttätigen Ausschreitungen am gestrigen Abend im Stadion von Port Said gefordert. Nach dem Spiel zwischen Al-Masri und dem Kairoer Klub Al-Ahly hatten vermutlich Heimfans den Platz gestürmt und gegnerische Anhänger und Spieler angegriffen.
Inzwischen wird in der Berichterstattung vielfach von politischen Hintergründen der Ereignisse ausgegangen. Wie der Standard berichtet, hat die Muslimbruderschaft nach den Parlamentswahlen die stärkste Fraktion in einem auf ihrer Website veröffentlichten Statement erklärt, »dass Kräfte am Werk seien, die in enger Verbindung zu dem früheren Regime von Präsident Hosni Mubarak stünden. . Führende Köpfe der Bruderschaft beschuldigten das Militär, bewusst eine Eskalation in Kauf genommen zu haben, um eine allgemeine umfangreiche Polizeipräsenz zu rechtfertigen und die Revolution zu unterminieren.«

Gezielte Destabilisierung

In eine ähnliche Richtung geht auch die Berichterstattung von Spiegel Online aus Kairo, in der es heißt »Der Militärrat profitiert vom Chaos«. In diesem möglichen Konflikt grob gesprochen zwischen Militärrat und Polizei auf der einen und Parlament und Revolutionären auf der anderen Seite, spielen die Ultras insbesondere des Kairoer Vereins Al Ahly eine besondere Rolle. Da ihnen bei den Protesten im vergangenen Jahr insbesondere den Auseinandersetzungen mit Polizei und Militär eine wichtige Rolle zukam, sehen nicht wenige Beobachter in den gestrigen Vorfällen eine Rache an den Ultras. So wird von gezielten Angriffen gegen die Auswärtsfans durch die Heimanhänger vom Verein Al-Masri berichtet.

Die beiden Theorien gezielte Destabilisierung und Racheakt nennt auch Ägypten-Korrespondent Karim el-Gawhary im Gespräch mit dem ORF-Morgenjournal und ähnlich bei einer Liveschaltung in der ZIB um 13 Uhr. Er räumt ein, dass genaue Informationen zu den Abläufen und Hintergründen noch nicht verfügbar sind, aber schon jetzt klar sei: Der Vorfall ist »viel größer als ein Fußballspiel« und hat das Potenzial für weitreichende Auswirkungen auf das gesamte politische und gesellschaftliche System Ägyptens.

Die Süddeutsche Zeitung zitiert aus der Erklärung der an der Revolution beteiligten »Jugendbewegung 6. April«: »Ist es logisch, dass eine Truppe, die in der Lage war, eine Parlamentswahl in neun Provinzen zu sichern, nicht in der Lage ist, ein Fußballspiel zu sichern, bei dem Scharmützel zwischen den Fans zu erwarten sind?« Auch Funktionäre und Spieler von Al-Ahly äußerten Kritik am Vorgehen von Polizei und Sicherheitsbehörden. Unter dem Schock der Ereignisse verkündeten die Fußballer des Kairoer Klubs zudem, nicht mehr spielen zu wollen: »Es ist vorbei. Wir haben alle eine Entscheidung getroffen, dass wir nie mehr wieder Fußball spielen werden«, sagte Tormann Scharif Ikrami.

Protestmarsch der Ultras
Was die tatsächlichen Ereignisse betrifft, die zu so vielen Toten und Verletzten geführt haben, gibt es derzeit vor allem Aussagen von Al-Ahly-Fans beispielsweise in der Berichterstattung von CNN. Die Polizei, so heißt es hier, habe die Trennzäune zwischen den Fangruppen geöffnet, woraufhin die Masry-Anhänger die Al-Ahly-Fans mit Steinen, Flaschen und Messern angegriffen hätten. Ebenso hätten die Sicherheitskräfte mögliche Fluchtwege nicht geöffnet, sodass zahlreiche Menschen auf den Rängen gefangen waren, dabei stürzten oder niedergetrampelt worden seien.

Der Militärrat hat heute eine drei Tage dauernde nationale Trauer angekündigt, und es gibt laut Presseberichten bereits einige personelle Konsequenzen auf verschiedenen Ebenen. Ministerpräsident Kamal el Gansuri hat den Vorstand des Ägyptischen Fußballverbands aufgelöst, die Mitglieder des Gremiums sollen von der Staatsanwaltschaft verhört werden. Zudem haben der Gouverneur von Port Said und der Polizeichef ihren Rücktritt erklärt.

Ultras von Al-Ahly haben für den Donnerstag zudem einen Protestmarsch zum Innenministerium angekündigt. Am Nachmittag versammelten sich mehrere tausend Menschen vor dem Stadion. Das ägyptische Parlament tagte in einer Krisensitzung, Parlamentspräsident Mohamed Saad Katatni von der Muslimbruderschaft kritistierte das Verhalten der Sicherheitskräfte und sagte in einer live vom Staatsfernsehen übertragenen Rede, im Stadion sei ein »Massaker« verübt worden.



Die ZIB 24 beschäftigt sich heute am späten Abend mit der Katastrophe von Port Said.  Im ständig aktualisierten Middle East Blog des Guardian ist die Katastrophe von Port Said ebenfalls Thema.

Einen der zahlreichen Hintergrundartikel zur Beteiligung der ägyptischen Ultras an der Revolution findet sich bei Blickfang Ultra.

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