Kein dänisches Theater

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TÜRKEI Die Fans der großen Istanbuler Klubs spielen eine wichtige Rolle in den aktuellen Protesten in der Türkei. Eine Gruppe ist dem Zentrum der Auseinandersetzungen dabei besonders nahe, ihr Viertel ist nicht weit vom Taksim-Platz entfernt. Wir werfen einen genaueren Blick auf den Besiktas-Fanklub »Carsi«.

Klaus Federmair | 13.06.2013

Berichte über die regierungskritische Protestbewegung in der Türkei kommen selten ohne den Hinweis auf »Istanbul United« aus: Die ansonsten verfeindeten Fans der Istanbuler Klubs Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray marschieren bei den Demonstrationen vereint gegen Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Die Transparente einer Fangruppe sind dabei seit Beginn der Bewegung mehr zu sehen als alle anderen: das - bis auf das an das Anarchie-Zeichen angelehnte rote A - weiße »Carsi« auf schwarzem Grund.

Carsi bedeutet Markt, und so heißt auch das Viertel im Stadtteil Besiktas unweit des Stadions des gleichnamigen Vereins. Hier treffen sich die Fans in den Lokalen der schmalen Gassen und stimmen sich bei Bier, Raki oder Ayran auf das bevorstehende Heimspiel ein. Siege feiern sie bei der Statue eines schwarzen Adlers, des Wappentiers von Besiktas. Vor über dreißig Jahren gründeten einige Anhänger den Fanklub »Carsi«, der inzwischen zu den bedeutendsten in der Türkei gehört. Seit vielen Jahren engagiert sich »Carsi« auch politisch, beispielsweise gegen Atomkraft. Einer der bekanntesten Slogans lautet »Carsi, her seye karsi!« - Carsi ist gegen alles!

In der abgelaufenen Saison wurde das Stadion am Bosporus zum letzten Mal bespielt. Nun soll es abgerissen und neu gebaut werden. Lange Zeit hatten sich Gerüchte gehalten, dass stattdessen ein Hotel oder ein Einkaufszentrum entstehen soll, so wie es an vielen Orten der Stadt in den letzten Jahren schon passiert ist. So sah es auch der Plan für den Gezi-Park vor, dessen Besetzung mit den folgenden schweren Polizeiübergriffen der Ausgangspunkt der aktuellen Protestwelle ist.

Seit die AKP, die Partei des Premierministers, in Besiktas ihr Büro aufgeschlagen hat, hätten sich die Spannungen zwischen den staatlichen Autoritäten und »Carsi« verschärft, erzählte Fanklubvertreter Samet unlängst dem unabhängigen Radiosender Acik Radyo in einem Interview zur Rolle der Fans in der Protestbewegung. Nicht verwunderlich also, dass es in dieser Gegend, neben dem Taksim-Platz, zu den heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen ist.

Der Soziologe Tanil Bora veröffentlichte am 12. Juni in der linksliberalen Tageszeitung »Radikal« einen Artikel unter dem Titel »Die Schönheit Carsis«. Darin vergleicht er den herausragenden Einfluss der Fangruppe mit jener der Kairoer Ultras von Al Ahly beim Sturz des Mubarak-Regimes in Ägypten. Fußballfans seien im Umgang mit der Polizei geübter als politische Aktivisten, schreibt Bora, weshalb sie den Übergriffen der Einsatzkräfte am ehesten Grenzen setzen könnten. Dass es dabei nicht immer höflich zugeht, sagt auch Samet im Radiointerview: »Wir sind schließlich keine dänischen Theaterbesucher.« 

Foto: Yagmur Nuhrat

Referenzen:

Thema: Türkei
Verein: Besiktas
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