Kein Ja, aber

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Thomas Hitzlsperger hat sich geoutet - und damit überwiegend positive Reaktionen hervorgerufen. Doch es gibt auch Kommentare, die sich mit Bedenken zu Wort melden, schließlich sei Hitzlsperger erst nach seinem Karriereende an die Öffentlichkeit gegangen. 

Nicole Selmer | 09.01.2014

Thomas Hitzlsperger ist schwul. Und hat darüber in der Zeit gesprochen, in der heute erscheinenden Ausgabe. Die Ausschnitte aus dem Interview mit dem ehemaligen deutschen Teamspieler, die bereits online und als Video veröffentlicht wurden, sorgten für einen großen Widerhall. Das Coming-out Hitzlspergers war in den Hauptnachrichten in Deutschland ebenso Thema wie bei der Bundesregierung und auf den Websites der Fußballverbände. Die Reaktionen sind überwältigend positiv, in die Gratulationen, Respekt- und Dankesbekundungen mischen sich jedoch auch Stimmen, die auf die Schattenseiten von Hitzlspergers Schritt aufmerksam machen wollen: zu wenig, zu spät, noch immer kein aktiver Profi und überdies in Deutschland.

In seiner Kolumne schreibt Martin Blumenau "dass Hitzlsperger bis nach Beendigung seiner Karriere warten musste, um das Wagnis einzugehen. [...] In der Praxis rechnet sich ein Outing eines Aktiven aber nicht". Er bilanziert damit, was noch nicht zu bilanzieren ist, und legt fest, was nicht festlegbar ist, nämlich dass ein Coming-out eines aktiven bekannten Fußballers nicht denkbar ist. Ohne zu sehr wie ein Werbespot klingen zu wollen: Solange es nicht gemacht wird, ist es nicht möglich. Genauso unmöglich wie das Coming-out eines ehemaligen Nationalspielers vor Kurzem noch in Deutschland erschien. Bis gestern galt genau das schließlich noch als das gern beschworene "letzte Tabu" des Männerfußballs (die oft unterstellte Selbstverständlichkeit von Homosexualität im Frauenfußball ist dabei im Übrigen nicht unbedingt befreiender, sondern nur auf andere Weise einschränkender).

Ja, Hitzlsperger ist kein aktiver Spieler mehr. Er selbst sagt im Videointerview, über ein Coming-out habe er während seiner Profizeit nicht nachgedacht. Daraus abzuleiten, es sei unmöglich gewesen, ist pure Spekulation und schlägt in dieselbe Kerbe wie die immer wieder geäußerten Warnungen heterosexueller Spieler und homosexueller Experten vor einem Coming-out. Erst vor wenigen Monaten tat sich Oliver Kahn dabei hervor. Zu dieser - wie es ein Kollege wunderbar nannte - "apokalyptischen Bauernschläue" gehört auch die Beschwörung hasserfüllter Fanmassen, die einen geouteten Fußballer im Stadion empfangen und ihm das Leben zur Hölle machen würden. Die Homophobie im Fußball - ebenso wie in anderen Teilen der Gesellschaft - ist nicht zu leugnen, die bisherigen Reaktionen beispielsweise beim Comeback von Robbie Rogers sprechen allerdings eine andere Sprache.

Was möglich und unmöglich ist, ändert sich. Die Grenzen des gesellschaftlich Sag- und Machbaren sind nicht festgelegt, sondern sie werden jeden Tag neu ausgehandelt. An diesem Prozess sind auch die Medien beteiligt, indem sie einer Äußerung mehr Gewicht geben und die Bedeutung einer anderen verringern. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat Sportlern von Statements zu Menschenrechtsverletzungen und den Anti-Homosexualitätsgesetzen in Russland abgeraten. Mit diesen Worten hat er eine Grenze gezogen, Thomas Hitzlsperger zieht mit seinem Interview eine andere.

Tom Schaffer merkt in seinem standard.at-Kommentar an, dass diejenigen, die jetzt "Na und, interessiert doch keinen" rufen, Hitzlspergers Schritt entwerten. Gleiches gilt für die "Ja, aber als Aktiver hätte er das nicht gemacht"-Stimmen. Die Betonung des Negativen, die Suche nach dem Haar in der Suppe führt nicht zu mehr Unterstützung für und Solidarität mit homosexuellen Fußballern. Wer heute sagt "Aber Hitzlsperger ist ja auch nicht mehr aktiv" wird in einigen Monaten oder Jahren, wenn sich der vierte aktive Spieler geoutet hat, sagen: "Ja, jetzt, da ist es einfach. Aber damals, der Hitzlsperger, der hat sich was getraut ..."

ballesterer # 115

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