Kein Königsweg

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Thomas Hitzlspergers Coming-out ist eine Zäsur im Männerfußball. Offen schwule Kicker waren an einer Hand abzuzählen, bislang war unter ihnen keiner mit einer derart erfolgreichen sportlichen Vita. Für tatsächliche Veränderung braucht es jedoch mehr als viel mediale Aufmerksamkeit für das Coming-out eines Einzelnen.

Stefan Heissenberger | 10.01.2014

War Homosexualität lange Zeit ein Tabu im Fußball, hat sich dies in den vergangenen Jahren geändert. Viel wurde spekuliert, welcher Profifußballer denn schwul sein könnte, mitunter wurde er schon sehnsüchtig erwartet. Der DFB hat im Sommer 2013 eine Broschüre zu Homosexualität im Fußball herausgegeben. Nun ist es geschehen: Ein sehr prominenter Spieler hat sich geoutet. Die Reaktionen darauf sind überwältigend wohlwollend. Die Angst vor negativer Diskriminierung, zumindest in den Medien, bei Fans, Funktionären und ehemaligen Mitspielern, war anscheinend unberechtigt. Hitzlsperger wird sich darauf einstellen müssen, in den nächsten Jahren mit positiver Diskriminierung umgehen zu müssen. Die Art und Weise, wie er sich geoutet hat, lässt darauf schließen, dass er sich zukünftig aktiv im Kampf gegen Homophobie im Fußball einbringen will. Hitzlsperger hat eindrucksvoll gezeigt, dass das Private politisch ist. Er will anderen schwulen Kickern Mut machen und hat dies mit Sicherheit auch bei einigen schon getan.

Doch reicht ein individuelles Coming-out aus, um ein derart komplexes Thema nachhaltig zu verändern? Durch den Fokus auf den Einzelnen geraten strukturelle und kollektive Aspekte in den Hintergrund. Wie aktiv wird Homophobie in der Trainerausbildung thematisiert? Ist der Fall Hitzlsperger auf den Amateurfußball oder weniger prominente Spieler übertragbar? Wie können die Fußballteams für dieses Thema sensibilisiert werden? Werden Möglichkeiten geschaffen, damit sich schwule Fußballer (anonym) vernetzen können, um gegebenenfalls kollektiv zu agieren?

"The Hammer", wie Hitzlspergers Spitzname lautet, hat das Eis gebrochen. Wenn in seinem Fahrwasser die aufgeworfenen Fragen auf die Agenda kommen, dann besteht eine große Chance auf eine nachhaltige Reduzierung der Homophobie im Fußball. Ansonsten bleibt zu befürchten, was einst Bruno Labbadia in einem anderen Zusammenhang gesagt hat: "Das wird alles von den Medien hochsterilisiert." 

ballesterer # 120

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