Keine Diskussionen

cache/images/article_1054_karelherzo_140.jpg Bei der ersten Kaderbekanntgabe von Karel Brückner war weniger die Aufstellung, sondern vielmehr dessen Abneigung gegen Journalistenfragen überraschend. Da er hinsichtlich der Nominierungen keine revolutionären Erneuerungen bekanntgeben konnte, beschloss der Teamchef, den Sinn von Abrufspielern und Testmatches ad absurdum zu führen.
Julia Zeeh | 12.08.2008
Den Besuchern der Pressekonferenz im Wiener Hilton bot sich anlässlich der Kaderbekanntgabe für das Freundschaftsspiel gegen Italien am 20. August ein schönes Ensemble: Cheftrainer Karel Brückner saß umringt von seinen Helfern Andi Herzog und Jan Kocian am Podium. Gemeinsam ist diesen, dass beide bereits die Funktion als Assistent eines Teamtrainers ausgeübt haben. Im Gegensatz zu Herzog war Kocian aber vom Assistent schon zum Chefcoach der Slowakei aufgestiegen.

Nur zwei Wochen nachdem er dort wegen unbefriedigender Leistungen seiner Mannschaft entlassen wurde, meldete sich Brückner bei ihm. Kocian gab zu, erst nicht besonders begeistert darüber gewesen sein, wieder in die zweite Reihe zurückzurücken. Überzeugt hätten ihn aber vor allem die Qualitäten des Tschechen den er für einen der besten und erfahrensten Trainer Europas hält und anscheinend weniger die der österreichischen Nationalmannschaft.

Kocian bemühte sich dann noch das harmonische Trainerbild abzurunden, indem er jegliche Gerüchte über einen Konkurrenzkampf zwischen Herzog und seiner Person zerstreute: »Konkurrenten waren wir nur bei St. Pauli, jetzt sind wir Kollegen.« Ebenso gemeinschaftlich sei auch die Kaderauswahl getroffen worden: Trotz eingehender Videoanalysen vertraute Karel Brückner vielfach seinen Assistenten, vor allem wohl Andi Herzog: »Es war ein gemeinsames Werk, ich habe nicht den gesamten Überblick.«

Wer sich beim ersten Match des neuen Teamchefs spielertechnische Revolutionen erwartete, wurde enttäuscht: Stefan Maierhofer und Andi Ibertsberger waren als einzige der am Dienstag Nominierten nicht bei der EURO dabei. Die erste Personalfrage warum Linz dem derzeit Führenden der Bundesliga-Torschützenliste Marc Janko vorgezogen wurde beantwortete Brückner noch bereitwillig: Linz sei ein typischer Strafraumstürmer, er laufe zwar nicht übers ganze Feld, aber solche Stürmer brauche man eben. Überdies gebe es sowieso 50 bis 60 weitere Spieler, die man noch beobachte zu diesen zähle neben Janko auch Ivica Vastic.

Aus Prinzip wollte Brückner aber keine Abrufspieler bekannt geben. Er beschränkte sich lediglich auf den Verweis, das sei eine interne Angelegenheit. Weitere Fragen nach nicht nominierten Spieler wurden abgewürgt: »Ich werde nicht über den Kader diskutieren, ich werde nur informieren.«

Die derart gemaßregelten Journalisten wagten danach dennoch vorsichtig, sich nach dem nicht im Kader aufscheinenden Paul Scharner und anderen Kandidaten wie Ernst Öbster zu erkundigen. Während Scharner nur verletzungsbedingt nicht nominiert worden sei, machte Brückner klar, dass er grundsätzlich keine Zeit für Revolutionen habe. Trotz einiger Empfehlungen des U21-Trainers Manfred Zsak könne er nicht alle Hoffnungsträger durchprobieren.

Unklar war den meisten Anwesenden im Raum, was unter diesem Gesichtspunkt dann der Sinn von Testspielen sein solle. Schließlich könnten gegen Italien neue Systeme oder Formationen getestet werden: Brückner betonte, dass er nicht die Spieler für ein bestimmtes System ausgesucht habe, sondern umgekehrt vorgegangen sei: »Ohne Spieler sind Systeme nur leere Ziffern.«

Mögliche weitere weise Aussagen des 68-Jährigen gingen aus zweierlei Gründen unter: Einerseits erstickte die oberlehrerhafte Arroganz Brückners eine gelungene Kommunikation mit den Journalisten schon im Keim. Andererseits ging wohl viel in der Übersetzung unter. Denn trotz Ankündigung des Moderators, der Teamchef würde »wieder« hauptsächlich Deutsch sprechen, weigerte sich dieser auch nur ein deutsches Wort von sich zu geben, was eventuell auch in der Kommunikation mit seinen Spielern zum Problem werden könnte.

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Rubrik: Aktuell
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