Keine Reform ohne Überzeugung

cache/images/article_1239_nagel_140.jpg In der Formatdiskussion gehörte Hubert Nagel zu den engagiertesten Verfechtern einer Ersten Liga mit zehn Teams. Dem ballesterer erklärt der Präsident von Austria Lustenau und Vertreter der zweiten Spielklasse im Bundesliga-Aufsichtsrat die Vorteile dieses Systems. Dazu überrascht er mit der Forderung einer österreichweiten dritten Liga und erklärt, warum vier Vorarlberger Vereine zu viel sind.
Mario Sonnberger | 06.07.2009
ballesterer: Sie haben sich vehement gegen eine Aufstockung der Ersten Liga ausgesprochen. Warum ist eine Zehnerliga besser als eine Sechzehnerliga?
Hubert Nagel: Hier muss ich den Spieß umdrehen: Sagen Sie mir einen Grund, der für eine Sechzehnerliga spricht. Ich kenne keinen. Im Moment haben alle Klubs zu wenig Geld. Wenn man aber wenig Geld hat, teilt man das, was man hat, nicht durch mehr Vereine. Das wäre unlogisch. Man hat argumentiert, dass die Sechzehnerliga billiger wird, weil man da mit Semiprofis arbeitet. Aber wer stellt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie heute einen Fußballer an, der nur halbtägig arbeiten kann? Und das nicht zu fixen Arbeitszeiten, sondern nur dann, wenn er gerade nicht Fußball spielt oder im Reisebus nach Wien sitzt.

Für die Zehnerliga spricht also der Professionalismus, wie ihn auch die Bundesliga als Argument anführt?
Die Zehnerliga hat heute Fernsehpräsenz, sie hat Professionalität und einen Ligasponsor alles Dinge, die man vorher nicht hatte, und die man mit einer Sechzehnerliga wahrscheinlich wieder nicht hätte. Premiere hat kein Interesse daran, und bei den Sponsoren wirds nicht viel anders sein. Mit 16 Teams hätten wir nur das Mittelfeld verbreitert. Rapid wollte das, damit sie mit ihren Amateuren möglichst hoch spielen können. Sie würden dann zwar eine Liga höher spielen, aber die wäre kaum besser als die jetzige. Die Qualität der zweiten Liga würde auf ein Niveau ähnlich der Ostliga sinken. Das wäre dann ja auch eine halbe Regionalliga. Dort hätten wir eine Zweiklassengesellschaft. Ich weiß nicht, ob man so den Talenten etwas Gutes tut. Es ist gescheiter, sie spielen in der Regionalliga oder der von mir vorgeschlagenen dritten Liga und machen dann den Sprung in die zweite Liga. Oder wenn es ein richtig großes Talent ist, gleich in die Bundesliga.

Würde diese dritte Liga die Regionalligen ersetzen?
Genau. Die Hälfte der Regionalligisten will sie nicht mehr, die anderen wollen sie nicht aufgeben. Dann hätte genau diese Hälfte in der dritten Liga Platz, und der Rest könnte in den Landesligen spielen. Auch die Amateure würden gut in die dritthöchste Spielklasse passen. Dann könnte man vielleicht semiprofessionell spielen. Dazu braucht es aber Begleitmaßnahmen. Man müsste das BNZ früher auflösen und die Talente früher dem Profi- bzw. dem Erwachsenenfußball zuführen. Wenn man das Geld, das man fürs letzte Jahr in diese Zentren steckt, dieser dritten Liga zugute kommen lässt und wir Klubs aus der Adeg-Liga auch noch ein bisschen was beisteuern, dann könnte diese Liga prima überleben. Ihre Vereine müssten für die Spieler keine Ausbildung bezahlen, denn sie wären ja selbst die Ausbildner. Die nötigen Talente könnte man ihnen ein, zwei Jahre gratis zur Verfügung stellen, wenn man das als Ersatz für das BNZ sieht.

Könnte sich eine dritte österreichweite Liga halten? Auf die Vereine würden unter anderem größere Reisekosten zukommen.
Die Reisekosten sind das kleinste Problem, und das sage ich als Vorarlberger. Jeder Spieler im Kader kostet mehr, mit allen Nebenkosten. Das war früher ein Argument, als die Spieler um 50 Schilling gespielt haben und die Reisekosten anteilig sehr hoch waren. Aber wenn ich heute einen Profi habe, dem ich 1.500 Euro netto gebe und vielleicht noch eine Wohnung bezahlen muss, kostet mich der weitaus mehr als die Reisekosten im ganzen Jahr.

Würden Regionalligisten mit vielen Fans Zuschauer verlieren?

Das glaube ich nicht. Es sind auch in der Regionalliga nicht alle Spiele zuschauerstark. Es würde sich in etwa die Waage halten. Aber dort ginge es um ganz andere Aspekte. Und zwar darum, dass man von unten heraus etwas aufbauen kann, dass es eine Kontinuität gibt, dass sich ein Klub entwickeln kann von der Landesliga in die dritte, dann in die zweite und vielleicht in die Bundesliga. Genauso die Infrastruktur, wo man in jeder Liga ein bisschen mehr verlangen könnte. Das wäre ein gesunder Aufbau.

Womit können Sie sich erklären, dass gerade Ihr Stadtrivale FC Lustenau zunächst für die Sechzehnerliga war?
Ein paar Monaten davor war der FC noch für die Zehnerliga. Das ist ganz leicht zu erklären. Diese Vereine wollen möglichst einfach in der Liga bleiben und haben vielleicht ein bisschen Angst, dass sie in einer Zehnerliga nicht mehr dabei wären. Alles andere interessiert sie nicht. Ich war im Übrigen auch für die Zehnerliga, als Austria Lustenau wochenlang Vorletzter war. Damals habe ich gesagt: Okay, wenn wir es nicht schaffen, dann müssen wir halt eine Liga weiter unten spielen. Aber ich kann keine Reform machen, gegen die ich aus Überzeugung bin.

Wie sieht man bei Austria Lustenau die Dichte an Vorarlberger Vereinen in der kommenden Ersten Liga?
Das wird ein Jahr lang sehr attraktiv sein, ist aber auf Dauer nicht haltbar. Mit VKW und Mohrenbräu haben drei Mannschaften dieselben beiden Großsponsoren. Wenn man das aufteilt, wird es sicher nicht mehr Geld für die Klubs geben. Auf Dauer ist das absolut nicht machbar. Für kurze Zeit ist es eine Belebung, und es kommt Schwung herein. Aber man streitet um dieselben Spieler aus den BNZ. Es wird alles teurer, nur das Geld wird knapper.

Wie würden Sie einer Aufstockung der ersten Spielklasse gegenüberstehen? Hat sie mit zehn Teams Idealgröße, oder könnten Sie sich auch mit einer Bundesliga mit 16 Mannschaften anfreunden?
Für Lustenau wäre eine Sechzehnerliga ideal, aber im Interesse des österreichischen Fußballs muss man für eine Zehnerliga sein. Der Leistungsdruck ist einfach wesentlich größer, und den sollte man nicht vermindern. Die einen schaffen es, die anderen nicht. Aber die Spieler, die wirklich gut werden, müssen mit Druck umgehen. Und wenn wir den Druck rausnehmen, dann wirds nix. Bei den Sportlern sind diejenigen die guten, die mehr machen und nicht weniger.

 

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