Keitas klare Worte, schweigender CAF

cache/images/article_1777_keita_140.jpg CAN 2012 Der erfrischend aufspielende Afrika-Cup Gastgeber Gabun ist draußen. Libreville trägt Trauer. Malis Seydou Keita jubelt nicht, sondern lanciert einen Friedensappell. Die Stadionkatastrophe in Ägypten wirft ebenfalls dunkle Schatten. Die politischen Realitäten auf dem Kontinent holen den Afrika-Cup ein. 
Das Scheitern des Gastgebers Gabun verläuft episch und produziert gleich zwei tragische Helden. Sieben Minuten vor Schluss sehen die »Pantheres« wie die sicheren Aufsteiger ins Semifinale aus. Mali wirkt müde, die Welle geht durch das vollgepackte Stadion von Agondje. Dann der erste Schlag: Kapitän Didier Ovono kassiert den Ausgleich zum 1:1, ausgerechnet durch die Beine. Torschütze ist Girondins-Bordeaux-Stürmers Cheick Diabite, den Coach Alain Giresse kurz zuvor ins Spiel gebracht hat.

In der Verlängerung stimmen zehntausende Gabonais lautstark die Nationalhymne an, doch es kommt zum Elferschießen. In diesem gleicht Mali zum 3:3 aus. Gabuns Bester, Pierre-Emerick Aubameyang von Saint-Etienne tritt an. Im Spiel hat er die Stange getroffen und die Vorlage zum Tor geliefert. Es kommt, wie es kommen musste: Er scheitert an Keeper Diakite, dem einzigen Nicht-Legionär im malischen Kader. Malis Seydou Keita versenkt den fünften Elfer, aber das ist nur mehr Formsache.  

Der 22-jährige Aubameyang weint im Mittelkreis herzzerreißend, auch noch nach Minuten ist er nicht zu trösten. Keeper Ovono kickt voller Enttäuschung die Flaschen vor der Spielerbank um. Nach drei ausgelassenen Siegesparties in der Vorrunde, trägt Libreville heute Trauer. Gabun geht aus dem Turnier, ohne ein Spiel verloren zu haben.

Gabuns deutsch-französischer Teamchef Gernot Rohr zeigt sich gefasst: »Aubameyang hat mit seinen drei Toren schon so viel für die Mannschaft getan, da muss man ihm verzeihen, dass er einen Elfmeter nicht verwandelt. Wir haben 1:0 geführt und bekommen in den letzten Minuten den Ausgleich, zudem hatten wir zwei Pfostenschüsse. Wir hätten das Halbfinale auch verdient gehabt. In der Niederlage muss man Würde zeigen und das hat meine Mannschaft getan. Wenn man alles gibt, kann man erhobenen Hauptes ausscheiden.«        

Trauernde Sieger
Gedämpfte Stimmung herrscht selbst bei den Siegern. Auf der offiziellen CAF-Medienkonferenz nach dem Spiel ergreift FC-Barcelona-Star Seydou Keita das Wort und spricht nicht über Fußball, sondern über den Konflikt in seinem Land. Er appelliert für ein Ende der Gewalt. Am Tag vor dem Viertelfinale wurden bei einer Offensive des malischen Militärs in der nördlichen Stadt Timbuktu 20 Tuareg-Rebellen getötet.

Eingehüllt in eine malische Flagge sagt Keita: »Ich richte einen Appell an den Präsidenten der Republik und das Volk von Mali, dass das Töten im Norden unseres Landes ein Ende haben muss. Der Präsident hat die dazu notwendige Macht. Wir Spieler wissen, was passiert, und sind heute sehr traurig, auch wenn wir es ins Semifinale geschafft haben.«

Zum Hintergrund: Etwa 1,5 Millionen nomadische Tuareg leben verstreut in den Staaten Algeria, Burkina Faso, Libyen, Niger und Mali. Ein Teil von ihnen kämpft in Mali und Niger für mehr Anerkennung und einen unabhängigen Staat. In Bamako und anderen Städten in Mali kam es am Wochenende zu gewalttätigen Übergriffen auf Tuareg.

Schweigeminuten auf und neben dem Platz
Auch die Stadionkatastrophe in Ägypten wirft ihre Schatten auf das panafrikanische Fußballfestival. In Gabun werden die Bilder aus Port Said gezeigt, im Unterschied zum Co-Gastgeber Äquatorial-Guinea, wo sich das Staatsfernsehen darüber ausschweigt. Gabun-Kapitän Daniel Cousin bezeichnet den Vorfall als Katastrophe, ansonsten scheint die Sache weit weg zu sein. In den Zeitungen werden lediglich internationale Agenturmeldungen gebracht.

Der Kontinentalverband CAF, der seinen Sitz seit 1957 in Kairo hat, hält sich mit klaren Ansagen zurück. Präsident Issa Hayatou lässt verlauten, dass sich der afrikanische Fußball in einem Zustand der Trauer befinde. Auf Handfestes wie die Einleitung einer Untersuchung wartet man bislang vergeblich. Vor den Viertelfinalspielen wurden Trauerminuten abgehalten. Im Stadion in Bata machte die Schweigeminute vor dem Match von Sambia gegen den Sudan jedoch akustisch fast keinen Unterschied, da die nur etwa 1.000 Zuschauer im Stadion ohnehin kaum hörbar waren.    

Vom CAF-Kommunikationsdirektor Suleimanou Habouba will ich erfahren, wie der Verband auf die Katastrophe zu reagieren gedenkt. Habouba verweist auf ein außertourliches Meeting am nächsten Tag und will sich darüber nicht weiter äußern. Ein offensiver Umgang mit den Vorfällen sieht anders aus. Wie schon beim Angriff auf den togolesischen Mannschaftsbus in Cabinda beim Afrika-Cup 2010 in Angola tut sich der Verband schwer im Umgang mit der Öffentlichkeit.

Ägypten ist natürlich auch Thema unter den internationalen Sportjournalisten. Idrissa Sane, von der der senegalesischen Tageszeitung LObservateur meint nach dem Viertelfinale in Bata: »Die Politik bringt den Fußball in Afrika um. Hier sehen wir oft, dass sie sich des Sports bemächtigt. Das gibt es zwar auch in Europa, aber in Afrika ist es schlimmer.« Von der CAF fordert der Senegalese ein hartes Durchgreifen und Sanktionen. »Die ägyptische Polizei und der Verband sollten eigentlich für die Sicherheit der Fans im Stadion sorgen, nicht dafür dass Menschen auf den Rängen sterben.« Und auch ein Gabun-Fan auf dem Weg ins Stadion hat klare Worte übrigen: »Was da passiert ist, ist einfach nur widerlich.«

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Rubrik: Aktuell
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