Kickstart und Aussetzer

cache/images/article_1441_argentinie_140.jpg WM-BLOG Das erste Match Argentiniens hat gezeigt: Diego Maradona hat ein System und seine Stars sind motiviert. Vor dem Spiel gegen Südkorea bangen sie zwar um Juan Sebastián Verón. Doch der moralische Kapitän ist gar nicht so wichtig.
Thomas Zsifkovits | 17.06.2010
Es hat gekribbelt, als der kleine Blade da unten im Gang stand und auf den Einmarsch in den Ellis Park wartete. Lange 16 Jahre war er von der Weltbühne des Fußballs verschwunden. In diesem Moment waren die vulgären Ausritte vergessen, die die Grenze zur Peinlichkeit längst überschritten hatten. Und noch viel schöner war es, zu sehen, dass er einen Plan hat. Diego Maradona ist nicht Hans Krankl. Die Argentinier fegten gegen Nigeria über den Rasen wie Derwische, und Erleichterung machte sich breit. Sie haben sie nicht abgeschossen, aber das ist auch besser so. Der Druck ist abgefallen, den Boden unter den Füßen haben sie dennoch nicht verloren.

Klar, so wie im Nigeria-Spiel werden sie gegen die Topmannschaften nicht antreten können. Jonás Gutiérrez war wie angekündigt fleißig auf der rechten Außenbahn unterwegs und machte seine Sache gut. Allerdings fordert dieses flexible System Maradonas das Übernehmen von Aufgaben. Andernfalls entstehen Löcher. Martín Demichelis zeigte sich auf der rechten Seite der Dreierkette eindeutig überfordert. Der in einer Formkrise befindliche Bayern-Verteidiger war in keiner Phase in der Lage, Sicherheit auszustrahlen.

Noch schlimmer erwischte es Juan Sebastián Verón, der weder die Rolle des Ballverteilers ausfüllen noch Gutiérrez rechts im Mittelfeld die notwendige Unterstützung liefern konnte. Dazu begann der Oberschenkel zu zwicken, und Verón musste Mitte der zweiten Hälfte vom Feld. Seine Fitness war in den letzten Jahren schon immer ein Schwachpunkt, zudem scheint er bei WM-Turnieren mit einem Fluch belegt. Als die »Selección« 2002, in mitten der größten sozialen Krise des Landes, zur Weltmeisterschaft fuhr, war er der große Hoffnungsträger. Verón spielte schlecht, die Mannschaft schied nach der Vorrunde aus. Das kreidet man ihm in Argentinien immer noch an.

Außer dem Corner, der zum Tor führte, kam von Verón gegen Nigeria nicht viel. Dafür war berührend zu sehen, wie ihm andere zur Seite standen. Immer wieder ließen sich Carlos Tévez und Lionel Messi tief fallen, um die Bälle aus dem Mittelfeld abzuholen. »Carlitos« agierte im Stile eines Streetfighters, den er im Glasscherbenviertel von Fuerte Apache gelernt hat. Es war nachvollziehbar, warum Maradona ihn unbedingt dabei haben wollte.

Die Erscheinung des Spiels war jedoch Lionel Messi. »He Visto a Messi« (»Ich habe Messi gesehen«), titelte die Sporttageszeitung Olé am nächsten Tag unter Anspielung auf den Film »He Visto a Maradona«, der den Weltmeister von 1986 von seiner besten Seite zeigt. »Der Floh« bewies, dass er nicht nur im Starensemble von Barcelona gut spielen kann. Dadurch, dass er für seine Verhältnisse weite Wege gehen musste, fehlte am Ende zwar manchmal die Präzision. Wäre aber Victor Enyeama nicht im nigerianischen Tor gestanden, hätte er bereits mindestens einen Treffer auf seinem Konto.

»Wer ma Wödmasta?«, fragte mich der Chefredakteur nach dem Spiel per SMS aus dem Ellis Park. Mein argentinischer Freund Cristian Feroleto, Fan von CA Huracán und Weltmeister im Aberglauben, fand gute Argumente dafür: Seit 1986 hat kein Auftaktspiel einer WM unentschieden geendet, auch damals war das Resultat 1:1. Vor 24 Jahren fiel das erste argentinische Tor so wie dieses Mal in der 6. Minute. Den Juniorenbewerb der French Open gewann damals wie heuer ein argentinischer Tennisspieler. Italien ging 1986 und 2010 als Titelverteidiger ins Turnier. 1987 fand die Copa América in Argentinien statt, was auch 2011 der Fall sein wird. Rosario Central ist heuer in die zweite Liga abgestiegen, dort spielten sie auch vor 24 Jahren. Es schaut also verdammt gut aus!

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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