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Kolumbianische Apotheose

cache/images/article_2298_2014-06-14_17.04.17_140.jpg WM-BLOG Die "Cafeteros" untermauern mit einem 3:0 über Griechenland ihre Favoritenstellung in Gruppe C. Auch ohne Superstar Falcao will man die Schatten der Vergangenheit vergessen machen.

"A resposta e Colombia"-"die Antwort heißt Kolumbien" flimmerte es am Freitag über die Bildschirme in meinem kurzen Flug mit dem brasilianischen Ableger der nationalen kolumbianischen Fluglinie Avianca von Sao Paulo nach Belo Horizonte. War es in diesem Fall nur Tourismuswerbung, so sollte der Satz schon am frühen Samstag- Nachmittag seine Bestätigung erhalten. 

Wie bereits im Flieger, wo man glaubte konnte, man wäre bei einer großen kolumbianischen Baranda (Fest) geladen, verwandelte sich das Zentrum der Millionenmetropole Belo Horizonte schon am frühen Morgen in eine kolumbianische Kleinstadt. "Heute werden wir gewinnen" hallte es auf Spanisch lauthals aus fast allen städtischen Bussen, die den Weg zum "Giganten von Pampulha", wie das Mineirao-Stadion auch gerne nach dem Stadteil und ob seiner wuchtigen Bauweise genannt wird.  Die Schätzungen sind nur grob, aber viele Berichterstatter schätzen die Anzahl an kolumbianischen Fans auf sensationelle 40.000 ein, und das bei einer Entfernung von exakt 4268 Kilometern zwischen der Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais und Bogota. Es sei aber hinzugefügt, dass viele der sympathischen Fans in Gelb-Blau-Rot ihr Domizil inzwischen in Nordamerika und Europa haben. Somit ist diese WM in gewisser Weise auch eine Art Familientreffen der kolumbianischen Diaspora auf brasilianischem Boden.


Jedenfalls hat man sich vorgenommen, die WM 94, als man ebenfalls als Geheimfavorit ins Turnier startete und kläglich scheiterte, vergessen zu machen. Das Turnier soll auch genutzt werden, um das von Drogenkriegen angekratzte Image des Landes aufzupolieren. Gleich wie eine möglicherweise bevorstehende historische Einigung zwischen Regierung und der größten Guerillaorganisation große Hoffnung gibt, so will auch die Nationalmannschaft - liebevoll "Cafeteros" (Kaffeebauern) genannt - die 45 Millionen Fans daheim nicht enttäuschen. Der einzige Escobar, der noch an die dunklen Zeiten von einst erinnern lässt, sitzt diesmal gar nicht auf kolumbianischer Seite, sondern ist der TV-Kommentator Alex Escobar, der gemeinsam mit Fußballegende Roberto Carlos für das brasilianische Network TV Globo überträgt. Und die Mannen von Jose Pekerman, Argentiniens Ex-Teamchef mit kolumbianischer Klubvergangenheit, legen gleich eine flotte Sohle auf das Parkett, als stünden sie auf einer grünen Tanzfläche und würden ihre Partnerin zu einer Cumbia bitten. Die "Partnerin" stammt allerdings aus Griechenland und ist nur den gemütlichen Reihentanz gewöhnt.


Intensives Pressing von der ersten Minute an überrascht die Griechen und ehe sie geistig im Spiel angekommen sind, liegt Kolumbien bereits mit 1:0 in Führung. Der quirlige Juan Cuadrado zeigt einmal mehr seine Dribblekünste und Pablo Armero hat keine Mühe schon nach sechs Minuten das Leder über die Linie zu drücken. Die Griechen sind nun mit einer ungewohnten Situation konfrontiert, sind sie es doch kaum gewohnt, einem Rückstand hinterherzulaufen. Überraschenderweise gelingt es ihnen aber, ab der 15.Minute das Kommando zu übernehmen und zu einer Reihe guter Chancen zu kommen - auch weil der alternde Yepes nur bedingt als moderner Innenverteidiger agiert. Die abgesprochenen Positionen und das spieltaktische Verhalten werden aber, wie Pekerman in der Pressekonferenz nach dem Spiel erklärt, exakt eingehalten und somit gelingt es den knappen Vorsprung in die Kabine zu retten. Die zweite Hälfte beginnt dann so, wie die erste endete. Neuerlich starten die Kolumbianer überfallsartig. James Rodriguez wird zur zentralen Figur in der Spielgestaltung und nach seinem Eckball erhöht der "böse Bube" (wegen seiner diversen Ausraster bei seinem argentinischen Klub River Plate so genannt) Teofilo Gutierrez auf ein beruhigendes 2:0. Den Griechen ging zusehends die Luft aus und es sollte der zum besten Spieler des Spiels gewählte Rodriguez sein, der schließlich in der Nachspielzeit nach herrlichem Fersler von Cuadrado für den berauschenden Einstand sorgte.

Während draußen in den zahlreichen Bars der Stadt alles für eine kolumbianische Nacht vorbereitet wurde, herrschte drinnen in den Stadionkatakomben bei Griechenlands Coach Fernando Santos echte Bunkerstimmung. Das Spiel hätte auch anders ausgehen können. Beim 3:0 seien die Seinen geistig schon in der Kabine gewesen und überhaupt: Jetzt erst recht. Die Worte Drama und Apokalypse hat er aus seinem nicht vorhandenen griechischem Sprachsatz erst gar nicht streichen müssen, spricht er doch nur das nuschelnde Portugiesisch seines Heimatlandes. So muss er sich die Frage des "eigenen" griechischen Reporters erst übersetzen lassen, während er bei Fragen aus dem "gegnerischen" Lager keine Unterstützung benötigt.


Für mich und die meisten anderen Beobachter war es jedenfalls ein hochverdienter Sieg der taktisch wesentlich besser aufgestellten Mannschaft. Kolumbiens Team verfügt auch ohne den verletzten - aber mitgereisten - Superstar Radamel Falcao über zahlreiche herausragende Spieler und ist in der Lage, bei der WM die ihr zugedachte Rolle zu erfüllen.


Am Dienstag geht es dann hier für mich mit Begegnung des europäischen Geheimfavoriten Belgien gegen Algerien weiter. Zwischenzeitlich gilt es die Köstlichkeiten der hiesigen Küche ausgiebig zu testen.



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